Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

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Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.