Same Shit, different brand ODER: Geldverbrennung deluxe

2017-08-05-18-54-34.jpg

Aus der illustren „Also für dich als Frau hätte ich da ja wieder mal einen Auftrag“-Rubrik a.k.a. „Alltagssexismus freiberuflich gelebt“ darf ich zur Abwechslung mal über Eindrücke berichten, die mich immer wieder zutiefst verwundern (werden): die Macht der Kosmetik und der Schmonzes, der veranstaltet wird, um diese Macht zu erhalten.
Gemäß dem Grundprinzip des Anti-Antiklischees interessiere ich mich selbst am Arsch für Kosmetik, im Zweifelsfall sogar wortwörtlich, wenn es um Bodylotion geht. Weder kann ich das Bedürfnis nachvollziehen, sich das Gesicht zuzukleistern, auf dass die Poren ihren Lebenswillen verlieren (Stichwort: Kriegsbemalung) noch verstehe ich die Ideologie von „Teurer ist besser, und Chanel geht immer“, wenn es darum geht, ein Organ, dass vor allem auch von innen mit Feuchtigkeit versorgt werden will, von außen mit duftiger Chemieerdölpampe vollzuschmieren, damit der Furchenschnitt nicht zu tief fällt. Wir sind alle eitel, jede und jeder auf ihre und seine Weise, und da bin ich keine Ausnahme; dass dabei die Erhaltung der Außenfassade für manche jede Farbe, Menge und Konsistenz sowie jeden Preis haben darf, ist für mich nur immer wieder erstaunlich.
Dabei ist mir durchaus bewusst, dass wir immer noch in einer Zeit leben, in der dafür gesorgt wird, dass sich die Mehrheit der Frauen besser um ihre Fresse als um das, was hinter und unter der Schminkmaske liegt, kümmern, damit sie nur ja ewig jung, begehrenswert und begattenswert bleiben (und ja, den inhärenten patriarchalen Sexismus dieser Wertevermittlung lasse ich jetzt einfach ganz frustriert so stehen. Heute geht’s um meine Verwunderung in Bezug auf Kosmetik. Meine Frustration in Bezug auf den genannten Sexismus, der diese Verwunderung meinereiner überhaupt erst möglich macht, kann ich nicht schriftlich in Worte fassen … dafür hat mich meine Oma zu gut erzogen). Genau deshalb kann ich diverse Spritzenattacken und nachhaltige Einschnitte auch gut verstehen – das ist ehrliche Handarbeit bei der man weiß, was man hat. Zudem genießen die zugespritzten-beschnippelten Madamsen einen hohen (Wieder)Erkennungswert, weil sie eh alle gleich aussehen – was womöglich nicht beabsichtigt sein mag, für all jene, die gerne in der Masse untergehen, aber ein angenehmer Nebeneffekt ist. Sind in dem Kontext vielleicht nur wenige, aber das ist dann auch schon egal. Wenn konturenlose straffe Frische dank partieller Gesichtslähmung beim Kaffeekränzchen vorherrscht, dann demonstriert das kollektive Schönheitsempfinden eine enge Verbindung zu Onkel Botox. Alles klar (ersichtlich), alles völlig in Ordnung, why not?

Warum man aber Versuchstiere, (Umwelt-)Schäden und den eigenen Hausverstand völlig ignoriert, wenn es darum geht, die Fingerchen in überteuerte Tiegelchen zu stecken, um sich Honig, Gold, Plankton, Hyaluron, Collagen und allen anderen möglichen Plunder ins Gesicht zu schmieren, ist mir ein Rätsel – auch wenn ich mehrmals meinen textlichen Senf dazu geben durfte bzw. darf. Und weil Trends eben Trends ablösen und irgendeiner grad immer die (geld)geilere Idee hat, gibt es da auch immer mal wieder „was zu tun“. Wie vor einiger Zeit, als diverse Mittelchen gehyped wurden, deren hauptsächlich beworbener „Wunderwirkstoff“ beim Kontakt im natürlichen Habitat desselben eher Würgereiz und Ekelattacken als begeisterte Zahlungsbereitschaft provozieren würde: Meeresschlonz.
Und bitte nicht falsch verstehen, Algen und Plankton sind unglaublich wichtig fürs Ökosystem und deshalb auf keinen Fall als wertlos und entbehrlich anzusehen. Viele Dinge/Systeme/Lebenwesen sind in ihren jeweiligen Kontexten einfach nur wunderbar für unseren Planeten; deshalb muss man sie sich aber nicht zwangsläufig auch gleich irgenwohin schmieren. Und wenn man das schon machen möchte, dann legen eben gerade jene ach so enthusiastischen Elegien der Marketingabteilungen die Vermutung nahe, man sollte dies wenigstens so naturbelassen wie möglich machen, damit die ach so wertvollen Mineralien, Wirkstoffe und whatthefuckelse auch wirklich ungefiltert da landen, wo man sie gerne haben möchte. Das riecht dann halt nicht so lecker. Die Viskosität mag in diesem Zusammenhang auch eher bescheiden sein. Und ob man sich tatsächlich noch erfolgreich suggerieren kann, stinkiger Schlonz sei auch dann noch SUPER fürs Hautbild, wenn er nicht in diesen diversen schicken Verpackungen mit den tollen Markennamen – ja genau die, die dieses tolle, ewig-jugendliche Lebensgefühl verkaufen – geliefert wird, sei jetzt auch mal dahingestellt.

Es bleiben eben Slogans. Ganz tolle Kreativmenschen werden kräftig dafür entlöhnt, dass sie Begehren schaffen, wo man nicht glauben mag, dass ein vernünftiger Mensch irgendetwas begehren möchte. Vom Null-Prozent-Fett-George-Foreman-Grill über den Kärcher Dampfreiniger für den Hamsterkäfig bis zur Anti-Aging-Algenaugenmaske mit Pfirsich-Banane-Duft wird begehrt und gekauft, dass sich die Kreditkartenfirmen die Hände reiben. Wenige verdienen viel, weil viele viel zahlen.
Ich habe (wahrscheinlich/scheinbar?) noch ein paar gute Jahre vor mir, man mag also einwerfen, ich hätte da leicht reden. Wenn der eigene Faltenwurf noch keine Schatten wirft und man auch dann von Kerlen angesprochen wird, wenn man nicht reich und besoffen aussieht, dann sollte man sich über die Wunder der Kosmetik, die die Abgründe der Natur zukleistern, nicht echauffieren. Mag sein, vielleicht, weiß nicht, interessiert mich eigentlich auch nicht. Wenn es denn irgendwann mal dramatisch wird, hilft Kleister auch nicht, egal wie teuer und schick. Wie eingangs erwähnt beschäftigte ich mich nur beruflich mit Kosmetik, meine privaten Ambitionen im Kleisterbereich sind überschaubar. Und meine beruflich Beschäftigung beschränkt sich in diesem Kontext auch nur darauf, Unnötiges mit vielen Worten möglichst schön darzubieten.

Weil Schein eben über Sein geht…

Bullshitbingo-Alarm vom Feinsten oder: mind your words!

2017-06-27-15-07-52.jpg

Schon sehr, sehr, sehr lange bevor ich mich mit manch erleuchtendem, was hier neuerdings schriftlich durchgekaut wird, beschäftigt habe, durfte ich immer mal wieder weniger erleuchtende, dafür aber umso „marketingfreundlichere“ Texte zum Thema Mode, Style und wtf man da sonst noch so drumrumlabern kann, verfassen. Was meinereiner und manch andere in diesen Kontexten unter „Recherche“ verbuchen mussten (müssen?!), damit es sich überhaupt lohnt, für Aufträge dieser Art den Laptop hochzuklappen, soll hier gar nicht näher ausgeführt werden, denn irgendwo in all dem Chaos und Wahnsinn meines Inneren schlummert schließlich noch so was wie „Würde“. Charmant-prägnant zusammengefasst lässt sich sagen, dass es gute Gründe gibt, warum alles „rund ums Marketing“ jenseits der Wahrnehmung von Menschen, die es grundlegend verbrechen, „Projekte pitchen“ und beim Anblick einer Flipchart abgehen wie ein Zäpfchen, einen eher bescheidenen Ruf genießt. Gerade auch bei jenem Fußvolk in den billigen Reihen, das zwar vieles mitverbricht, es im Grund aber leider oft „besser weiß“ (wie es so schön heißt) und dieses Wissen nicht so leicht ignorieren kann/will/soll…

Der Grund, warum ich hier so lieblich in einer Jobnostalgie schwelge, die jederzeit wieder zum gegenwärtigen Zustand werden kann, liegt darin, dass mein Eintauchen in tatsächlich erleuchtende Erkenntnisse mich ein Vokabel wiederentdecken hat lassen, das schon seit einigen Jahren in den absurdesten Kontexten unglaublich gerne verwendet und wie die goldene Kuh gemolken wird: „vegan“.
Der Held meines Herzens und ich leben nicht vegan (wir sind ja schon froh, wenn wir überhaupt irgendwas essbares auf den Tisch kriegen – für uns wurden Kochbücher wie „Vegetarisch für Faule“ geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb habe ich kaum Wissen aus erster Hand bezüglich eines ganz „normalen“ veganen Lebensstils; zudem gewichten befreundete Veganer verschiedene Bereiche unterschiedlich stark, sodass sich auch in der Vegan-Community ein ebenso bunter Mix an Menschen und Ansichten findet, wie eben sonstwo auch.
Dass aber simples Wasser immer schon eher „vegan“ war und „vegan“ bei Deichmann was anderes heißt als bei Ethletic scheint aber auch klar. Scheint.

Beim Bullshitbingo in der unteren Marketingmittelschicht liegt der Fokus auf dem Produkt und jedem noch so irrelevanten Infofuzzelchen, das man halbwegs(!) glaubhaft in einem Text (wiederum) mittlerer Länger verwursten kann. Dass dabei dann schnödes Plastik in allen erdenklichen Formen, Farben und Variationen plötzlich zu „veganem Leder“ wird, ist nicht weiter ungewöhnlich, wenngleich es mir ein sehr imposanter Karrieresprung für die guten alten Plastiktreter zu sein scheint. Aber was tut man nicht alles dafür, dass ein mittelmäßiges Produkt noch mittelmäßigerer Qualität aus fragwürdiger Produktion den potentiellen Kund_inn_en ein wohliges Gefühl um die Leibesmitte zaubert – veganes Leder, Tiere geschützt und dann sogar noch ein echtes Schnäppchen!
Ja genau. Das bisschen Erdöl und der im weiteren Produktionsverlauf daraus folgende Ökowahnsinn sind doch irrelevant, solange man es linguistisch nur in den richtigen Keywordkackdreck verpackt, ist alles gut. Das bisschen Kinderarbeit und Sweatshop geht schon auch in Ordnung, wer praktisch nichts hat, soll ruhig mal für wenig Geld richtig viel arbeiten, aus nix wird schließlich nix und in dem System bleibt es dann auch nix, aber hauptsache, die angewandte Weltrettung bleibt hier bei uns „leistbar“. Also billig. Was interessanterweise kaum jemandem aufzufallen oder zu stören scheint, vegan ist vegan, vor allem, wenn die Industrie das sagt. Die hat immer recht, sagt auch schon Onkel Donald. Trump.
Wer wird denn bei veganem Leder auch immer gleich an Erdöl denken … [was man übrigens wirklich nicht tun sollte, weil es tatsächlich tolle Sachen gibt, aber Stella McCartney & Co. sind marketingmäßig etwas potenter aufgestellt als die Fuzzis, an die ich gerate…]

„Vegan“ ist also Trend, und das bereits seit mehreren Jahren. Das ist auch völlig in Ordnung und im Vergleich zu vielen anderen Trends, die wir alle aktiv und/oder passiv miterleben mussten, geradezu erfreulich; durch Low Carb oder auch diverse Deluxe-Fashionfetzenfabrikanten haben mit Sicherheit schon mehr Tiere und Menschen gelitten. Und dass die Werbung mögliche positive Nebeneffekte diverser Lifestyles und daraus folgender Trends gerne ausgiebigst ausschlachtet, ist schließlich auch kein Geheimnis. Selbst im unteren Mittelsegment der textschaffenden Bullshitbingoisten wird man dazu angehalten, sich verbal an den äußeren Rändern theoretischer Machbarkeiten zu orientieren – seien es Echthaarextensions, die ihren Dienst im Schnitt nach rund drei Monaten quittieren, deren theoretische Haltbarkeit vom Hersteller jedoch mit sechs Monaten angegeben wird, was gefälligst so auch vertextet werden möge (ein Hoch auf die Unhaltbarkeit der teuren Eitelkeit!); seien es Kosmetikprodukte, die man sich auch gerne literweise in die Fresse schmieren kann, so richtig „wirken“ würde es trotzdem nur, wenn man es intra- oder subkutan injiziert: seit ich vor Jahren mit diesen Jöbchen angefangen habe, weiß ich, dass „sich verkaufen“ viele Facetten haben kann und mein spätpubertäres Lebensmotto „Meine Freiheit über alles!“ in einigen Aspekten tatsächlich immer noch Aktualität besitzt.
Letztendlich kommt es natürlich immer darauf an, in welcher Produktsparte man seine Tippserseele gerade verkauft; auf Pornoseiten hatte ich mit „vegan“ immer wenig zu tun (wobei man bitte nicht nicht die Nachfrage nach veganen Dildos unterschätzen sollte…), bei diversen Seitenfüllern bezüglich der deutschen Bauversicherungslandschaft oder langatmigen Verbalergüssen auf Seiten a’la „Cigarillo Aficionado“ war die vegane Schlagwortfrequenz auch deutlich überschaubar. Und während sich „vegan“ auch schön langsam schon etabliert hat, biegen bereits die nächsten Keywors im Lebensmittel-Lifestyle-Wohlfühlsegment um die Ecke, denn wo freiwilliges Abschwören diverser Produkte aufhört, fangen tatsächliche und vermeintliche Unverträglichkeiten gerade erst an … und auch hier liegt im guten Glauben mündiger Konsument_inn_en viel Geld vergraben.

„Statement Piece“? Piece of Shit!

Die ärmlich-armselig leidenschaftliche Student_in von heute muss für die Leidenschaft nicht selten teuer sparen, indem entscheidende Entwicklungen (manche nennen es auch „Trends“) der Modewelt aufgrund von monetärer Tiefstapelei stofflich spurlos an einem vorübergehen. Nun sind wir Leutchen der Geisteswissenschaften ja als ausgesprochene Modemuffel mit Hang zum Selbstgehäkelten und neurotischer Spiegelbildverweigerung verrufen – und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Doch Klischees sind da, um eloquent dekonstruiert zu werden, und an dieser Stelle soll die Ausnahme auch die Regel bilden: das ist natürlich Bullshit.

Ob bei der antiheteronormativen Diskussionsrunde zum Thema „Selbsterhaltungstrieb der Korbblütler in der globalisierten Konsumwelt“oder bei der frühmorgens um 10.30h stattfindenen Lehrveranstaltung zur „Transzendentalen Tiefenwahrnehmung der Foucault’schen Diskursanalyse in den frühen Werken von Britney Spears“, in der modernen Geisteswissenschaft ist man über den schlichten Denkprozess schon längst hinaus und setzt auch fashion statements – egal welcher Art. Das in diversen Modeblogs und Fiffipostillen in den letzten Jahren geradezu inflationär gebrauchte Konzept des „color blockings“ wurde praktisch an Instituten für Querdenker erfunden. Was dort als Statement gegen den kohärenten Kleidungswahn des Establishments verstanden wurde, erklärten „Glamour“ und Co. zu Trends und wurden nicht müde, unterernährte menschliche Kleiderstangen in überteuerten schrillen Fetzen auf Hochglanzpapier abzudrucken. Wenn die Modewelt 2013 rät, in Pyjamahosen zu Meetings zu flanieren, haben bereits Generationen der Geisteswissenschaften ihr Diplom in Pyjamahosen, Feinrippunterhemden und Adiletten errungen. Und dank unzähliger Modeblogs, betrieben von oft kostenlos agierenden Werbetrommeln in Form von jungen Menschen, die ihre rechte Hand und alle verfügbaren Großmütter für die passenden Accessoires verkaufen würden, verbreiten sich Wahnsinn und Wahnwitz der Textilindustrie heute effizienter denn je. Und billiger, auch für die Konsumenten selbiger Seiten.

Natürlich könnte ich hier jetzt nicht klugscheißern, wenn ich nicht selbst ab und an auf so mancher zuvor beschriebenen Seite landen würde. Was mich immer wieder fasziniert. Denn zum einen wird es mir immer ein Rätsel bleiben, warum besonders teure Teile auch immer so abgrundtief besonders hässlich sind. Und zum anderen wird sich mir nie erschließen, warum gerade diese besonders überteuerten hässlichen Teile für manche im Zentrum ihres Daseins stehen. Zudem erweitert sich mein – als Studentin naturgemäß sehr einseitig beschränkter – Wortschatz durch den Besuch dieser Seiten immer enorm. So durfte ich kürzlich den im Titel genannten Begriff des „statement piece“ zur Kenntnis nehmen, dessen tieferer Sinn sich mir auch nach der Lektüre des Artikels nicht völlig erschlossen hat. Bei mühevoller Beanspruchung von Hausverstand und ein klein wenig beinahe quantenphysikalischer Logik tippe ich einfach mal, dass es sich dabei um ein Kleidungsstück mit Aufdruck handelt – oder es die größtmögliche Form der Rebellion gegen die Gesetze diverser Nudistenkommunen darstellt, indem man demonstrativ einen Pulli überzieht. Oder ein Höschen. Oder eine Burka, solange das noch erlaubt ist. So oder so ergibt sich die Devise „entweder Statement Piece oder nackisch“…zumindest lässt der Artikel diese Vermutung zu.

Man merkt, es gibt gute Gründe, warum ich mein weniges Geld nicht in Modezeitschriften investiere und es beim kostenlosen Konsum diverser Modeblogs bleibt. Man soll ja die eigene Lernfähigkeit nicht überfordern. Und ein piece of shit erkenne ich auch ohne Anweisung…