Bitch please, oder: das ist nicht Kunst, das kann weg

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Direkt aus der Jobhölle des Teilzeitgrauens für Menschen, die „was mit Büchern und Sprache“ studieren oder studiert haben, finden sich immer mal wieder diverse Jöbchen im Bereich der verbessernden tertiären Textgestaltung, sprich: Korrekturlesen. Der Laie denkt sich: wunderbar, leicht verdientes (Schwarz)Geld. Der semiprofessionelle Kollege weiß: kann so sein, muss nicht, ist selten so. Abseits wissenschaftlicher Arbeiten von legasthenischen ADHSlern und anderen gibt es auch diverse Medien, die ihre hart erwirtschafteten Werbemittel in die gehobene Überprüfung von Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung stecken, um sich vor der geneigten Leserschaft nicht völlig zu blamieren. Das dabei nicht immer die besten der Zunft zum Zuge kommen, zeigen Schlagzeilen wie „Aller guten Dinge sind drei – Drilllinge im Königshaus“ oder „Hier ist man gut zu vögeln“.

Ich zähle mich nicht mal im Traum zu den Besten der Zunft, schon alleine, weil ich immer mal wieder denglisch vor mich hin grammatisiere, wenn ich „in THE flow“ bin und auch weil ich schlicht (zeitlich und umfangmäßig) mehr Erfahrung in der Produktion teils fragwürdiger textlicher Ergüsse mitbringe; auch den Texten auf dieser Seite merkt man die teils mangelnde Zunftfähigkeit durchaus an. Aber wenn man mich will, dann kann man mich schon haben, um beim textuellen Feinschliff Hand anzulegen – hochkonzentriert und mit Spickzettel. Im Nachhinein stellt sich dann nur immer eher die Frage, ob ICH das wirklich gewollt haben würde, wenn ich gewusst hätte, was da kommt…

Ein vor kurzem absolvierter Auftrag in diese Richtung hat wieder einmal deutlich gemacht, dass „die Geschmäcker sind verschieden“ verlogener Bullshit  und „künstlerische Freiheit“ keine Entschuldigung für handwerkliche Unfähigkeit ist. Es ist beim Korrekturlesen an sich scharf zu trennen zwischen wissenschaftlichen Texten, deren sprachlicher Glanz auch gerne völlig unscheinbar sein darf, solange kohärent und stimmig geschrieben wird, und Medien/Werbe-„Texten“, die von einer charmanten Kombination an sprachlicher Kompetenz und ausreichendem Informationsgehalt leben. Verschiedene Geschmäcker und künstlerische Freiheit können sich also nach Herzenslust in der Literatur oder sonstiger Kunst austoben und der gehobene strukturelle Textfaschismus bleibt der Wissenschaft vorbehalten. Wenn ich aber eine zehnseitige Werbebeilage korrigiere, bei der sich mir nicht mal im Ansatz erschließt, what the fuck da jetzt eigentlich beschrieben wird, dann werde ich richtig, richtig pissig. Nicht aufgrund einer Korrektur, die im Grunde keine ist – denn als Korrektur bliebe eigentlich nur die rituelle Verbrennung des Texts samt seines Autors. Nö, ich werde pissig weil da jemandem für richtigen Scheissdreck richtig gutes Geld hinterhergeworfen wird, während unzählige gute und kompetente KollegInnen am Rande des Prekariats wandeln und womöglich auch noch genau hinter diesen wandelnden „künstlerischen Freiheiten“ herräumen müssen, als Korrekturleser, Lektoren, Drucker, Kellner, Putzhilfen oder sonstiges. Und hier zähle ich mich dann doch auch dazu, was aber kein Kompliment ist, denn das hätten viele besser gemacht. Sogar Analphabeten.

Nun mag man sich fragen: was soll diese ganze selbstgerechte Scheisse eigentlich, was will die nette, höfliche Dame eigentlich genau sagen? Und das darf ich dann natürlich nicht wirklich direkt beantworten, weil ich den Job ja noch weiter machen will. Ich darf sagen, dass ich es bei Korrekturaufträgen immer spannend finde, wenn sich mir durch den Text die „Aufgabenstellung“ bzw. Forschungsfrage erschließt, denn dann läuft es schon mal grundlegend in eine gute Richtung. Wenn das nicht passiert, dann hakt es gewaltig. Wenn das nicht passiert UND der Text nicht mal eine grundlegende Kohärenz und Sinnhaftigkeit mitbringt, dann wird es „schwierig“. Vor allem, wenn es keine Kunst sein soll, sondern durchaus allgemein verträglich. Wenn man also eine popkulturelle Theaterperformance mit antikem Background ans potentielle Publikum bringen möchte, sollte man dabei nicht klingen wie Modern Talking beim Gastauftritt in der chinesischen Oper. Die Kunst kommt in dem Fall nach dem Text, nicht im.

Und in diesem speziellen Fall kommt sie wahrscheinlich überhaupt nie, aber das ist auch schon egal. Isses eben Wunst.

[to be continued…]

Shit people say ODER: „Also für dich als Frau hätte ich ja einen speziellen Auftrag…“

Manche Menschen verfügen über eine wahre Fülle an Talenten und können dementsprechend mit kreativen, praktischen und sozial kompetenten Eigenschaften ihre Miete und weitere Kosten decken; dazu gehöre ich leider nicht. Neben Eigenständig-Atmen, Aufrecht-Gehen-&-Stehen sowie bei Bedarf mit Offenen-Augen-geradeaus-Schauen zeichnen sich meine Möglichkeiten zur monetären Selbsterhaltung durch bescheidene Überschaubarkeit aus. Zu diesen zählt auch die professionelle Textproduktion jeglicher Art, nicht zuletzt im Onlinebereich. Schnell, anonym, flexible Zeiteinteilung, Heimarbeit – für weltfremde Nachteulen mit beschränkten sozialen Kompetenzen also optimal.

Nun ist es in der professionellen Textproduktion mit leicht werbender Schleimgrütze im Abgang ja grundsätzlich selten so, dass man über die Dinge schreibt, mit denen man sich gut auskennt – die wahre Kunst ist an dieser Stelle schließlich, auch für die hinterletzte Website mit den unattraktivsten und unbekanntesten Produkten informative Texte zu schreiben, die zugleich Begehren schaffen. Ob ein Doppelcarport Premium mit Trapezdachplatte, Feng-Shui-Elemente für die optimal eingeschwungene Deluxe-Hundehütte oder Kosmetikplunder mit der Garantie zur Vollverarsche – auch SIE können sicher nicht ohne! Und so Tippsen wie ich bringen mit ihrem oberflächlichen Kurzzeit-Wissen in einem knackigen, bedarfsorientierten Stil textuell den Schrott unter die Leute, salopp umschrieben.

Wer nun glauben möchte, dass vorurteilsbeladenes Verhalten bezüglich der deutlich erkennbaren Geschlechtszugehörigkeit nur in bestimmten Situationen und Etablissements aufkommt (Stichwort: Kneipe, Bar, Bordell, Straßenstrich), der/die/das irrt. Wo sonst primären Geschlechtsmerkmalen die Schuld für mangelhaftes Benehmen und fehlerhafte Zuschreibungen gegeben wird, zählen in der Auftragsvergabe der Textfließbandproduktion genetisch determinierte Interessensgebiete. Soll bedeuten, dass Aufträge weniger nach tatsächlichem Wissen, sondern mehr gemäß dem ausgesprochen professionellen und erfolgsversprechenden „Also du als Frau kennst dich da ja sicher aus“-Motto vergeben werden. Ein Motto, das nicht nur alle Gender_Beauftragte_N dieseits und jenseits des Hausverstandes zu lauten Schluchzern und leiser Realitätsflucht animiert, sondern auch die Grundlage für einige nette textuelle Absurditäten sein kann.

Nicht nur absurd, sondern beinahe schon abartig pervers sind dann dementsprechend eben jene Auswüchse, die dazu führen, dass eine glücklichst kinderlose Tippse in den fidelsten Ewig-Jungen-Jahren (ja richtig, ich!) plötzlich über die kaum in Worte zu fassenden Vorteile sogenannter Kombikinderwägen schreiben muss, von denen sie natürlich noch nie zuvor gehört hat und hoffentlich auch nie wieder hören wird. In diesen Teilen kann man die zweibeinige nächtliche Ruhestörung in den ersten paar Jahren praktisch vom Geburtskanal bis an die Tore des Kindergartens rollen, im jeweils passenden Multifunktionszu- und umbau natürlich. Eine grandiose Entwicklung im Bereich des Kleinkindtransportgewerbes also, vor allem preislich. Das wertvolle Wissen für die Erstellung von Texten, die unter anderem auch zum Kauf eines Möchtegern-Jaguars für zukünftige Erben und die Hoffnungen dieser Welt motivieren sollen, gewinnt man als völlige Nulpe im Themenbereich übrigens (und wie immer ganz generell) im Netz. Bei der Recherche in diversen Internetforen a’la „Hormone statt Hirn – Mutterschaft und du“ darf man so manche illustren Erkenntnisse zum genannten Thema in Erfahrung bringen, die im Kontext der halbwegs informativen Texterstellung tatsächlich enorm hilfreich sind. Schließlich möchte man ja niemandem den falschen Stoßdämpfer für den Fahrrad-Anbausatz des Schnulli Extreme 3000 Deluxe Pro aufgrund mangelnder Fachkompetenz andrehen. Das könnte bei längeren Ausflügen nämlich zu einer asymmetrischen Verteilung des Windelinhalts führen, was wiederum wenig erfreulich für Windelbefüller und Windelentleerer ist – meinte damals im Forum zumindest „CheyenneproudmommyJustin“. Und die klingt so, also ob sie wüsste, worüber sie schreibt. Vor allem im Gegensatz zu mir. Auch diverse Sicherheits- und Reinigungshinweise übernehme ich natürlich dankbarst – in der KleinkindKotzKunde bin ich schließlich nicht bewandert und ob die abnehmbare Babyschale problemlos in den Porsche Cayenne passt oder man sich dafür doch ein anderes Hauptberufliche-Gattin-Gefährt zulegen muss, damit einem der Airbag beim Kuscheln mit der Säule im Parkhaus nicht den Nachwuchs an die Heckscheibe pfeffert, tangiert mich abseits beruflicher Notwendigkeiten noch nicht mal peripher. Aber das macht auch nichts, denn immerhin sollen so wahnwitzige Textmaschinen wie ich den Plunder ja nur halbwegs ordentlich bewerben und nicht direkt verkaufen, zum Glück. Denn ich weiß nicht, was ich da tue…oder wie meine Omama sagen würde: Rebel without a cause