Revisiting new insights oder: wer suchet, die findet, irgendwann mal irgendwas

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Ich bin eine Frau der Extreme … manchmal, wenn der Biorhytmus es erlaubt, die Extreme nicht zu viel interpersonalen Außenweltkontakt erfordern und die ADHS aufs „D“ scheisst und mich mal machen lässt –  dann bin ich nicht zu bremsen. Ähnlich wie ich mich beruflich und auch akademisch in ein Thema verbeißen und es zu Tode recherchieren kann, bis es für monetäre oder hochschulische professionelle Zusammenhänge vertextet und verbreitet werden kann, sticht mich auch privat immer mal wieder der vielgepriesene Hafer, wenn ich dringend Material für prokrastinierende Ablenkung suche, die ich mir zu dem Zeitpunkt meist nicht leisten kann. Während der Erledigung eines recht umfassenden Textauftrages in den letzten Monaten habe ich nun also extrem minimalisiert. Was auch richtig Spaß gemacht hat und noch machen wird, weil als (bereits erwähntes) Nachkriegsenkelkind das Potential zur Güterreduktion auf vielen Ebenen langfristig erhalten bleibt; „was aufbewahren für schlechte Zeiten“ ist nicht so leicht abzulegen, wie es ein schickes Lifestylebuch erhoffen lässt. 

Gemäß den Inhalten in dem einige Einträge zuvor erwähnten Buch bin ich zudem in die Welt der sogenannten Fair Fashion/Slow Fashion eingetaucht und durfte auch in diesem Bereich viel lernen, erkennen und erfahren. Abseits der tieferen Beschäftigung mit neuen Erkenntnisbereichen war und ist in diesem Zusammenhang gerade auch Instagrähm mit seinen bunten Bildern sehr nützlich, außerdem muss man sich am Klo ja auch irgendwie die Zeit vertreiben. Instagrähm hat mit seinen pädagogischen Ambitionen auch ganz maßgeblich die Herausbildung des Beruf(ung)sstandes der „Influencer“ gefördert (Gesundheit, danke, und nein, Influenza ist was anderes). Besagte Influencer tragen je nach Gesinnungs- und Neigungsgruppe durchaus auch slow/fair/vegan – ansehnlich, viel und häufig, unabhängig davon, auf welchem Klo man das ganze durchscrollt. Was ich auch ganz wunderbar und ästhetisch ansprechend finde, allerdings – wie ich nach längerer Beobachtung feststellen durfte – gerade mal im Ansatz den Kern meiner Sache trifft.
Wenn ich kann, rette ich gerne die Welt – an sich will und muss ich aber erst mal meine eigene ordnen, ausmisten und befreien: von Nippes aus dem letzten Jahrtausend, der nur noch aufgrund meines schlechten Gewissens bei uns im Regal staubfangen darf; von Klamotten, die seit vier Umzügen, drei Hochzeiten und zwei Todesfällen für Zeiten aufbewahrt werden, die nie kommen; von angeschlagenen Müslischüsseln, die ein Geschenk der ehemaligen besten Freundin der Cousine meiner Großmutter waren und deshalb einen GANZ BESONDEREN sentimentalen Wert haben. Darum geht’s.
Weniger darum, ob ich bereit bin, 100 Euro für einen Fummel auszugeben, den ich mir auch für 20 Euro nicht kaufen würde, weil ich zu wenig Fummelfrau bin, um dafür überhaupt (viel) Geld hinzulegen. Funktional, zeitlos, Ausverkauf – kein HipHipsterHurra. Auch schon vor meinem Erkenntniszugewinn war „fast“ bei mir oft „slow“, weil ich generell zu Sachen greife, die man länger als zwei Saisonen tragen kann und zu ignorant bin, um überall dabei zu sein (Highlights des inneren Ignoranzscheißhaufens bis jetzt: Hochwasser-Momjeans, Cut-Out-Klamotte, Würgehalsband). Was nicht heißt, dass mir die unsauberen Herstellungsbedingungen unklar und egal sind; ein „mehr“ von was anderem als bisher ist aber eben auch nicht das, was für mich persönlich in diesem ganz und gar nicht gehypten Minimalismus-Lifestyle drinsteckt.
Dank all der umfassenden Recherchen kann ich es mir in vielen Bereichen in Zukunft besser aussuchen, wie ich was konsumiere; der Held meines Herzens und ich sind immer noch schwer begeistert von den Trinkflaschen und sonstigen öko-umwelt-herstellerfreundlichen Behältnissen, die dabei helfen, zumindest ein wenig Plastikwahnsinn zu verhindern; umweltfreundlich produzierte und menschenfreundlich verarbeitete Basics sind mindestens ebenso angenehm zu tragen wie Altbekanntes und im Sale zu beinahe ebenso guten Sparefrohpreisen erhältlich. Aber das eigentliche Umdenken findet bei mir in der Masse und tatsächlich nicht unbedingt immer in der Klasse statt. Für mich stellt sich bei allen potentiellen Neuerwerbungen – ob Klamotte, Hausrat oder sonstiger Klimbim – zuerst mal die Frage, ob ich etwas in der Art auch sicher noch nicht habe, ob ich es längerfristig nutzen kann, ob ich es sonst sinnvoll ändern, umfunktionieren oder weitergeben kann und ob mich nicht nur ein eventuell niedriger Preis verleitet. Es dauert dann schon mal zwischen zehn Minuten und drei Tagen, bis ich da mit mir selbst ins Reine gekommen bin. Bis dahin ist dann das Teil entweder weg, der Preis nicht mehr so gut oder ich nicht mehr interessiert. Nicht egal, aber durchaus unabhängig davon, wo es wie herkommt und was die Instagrähmer_innen dazu sagen.

Weil: es gibt viele Möglichkeiten, Zeit und Lebensenergie zu verschwenden – und ich kenne fast alle. Fast.

Same Shit, different brand ODER: Geldverbrennung deluxe

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Aus der illustren „Also für dich als Frau hätte ich da ja wieder mal einen Auftrag“-Rubrik a.k.a. „Alltagssexismus freiberuflich gelebt“ darf ich zur Abwechslung mal über Eindrücke berichten, die mich immer wieder zutiefst verwundern (werden): die Macht der Kosmetik und der Schmonzes, der veranstaltet wird, um diese Macht zu erhalten.
Gemäß dem Grundprinzip des Anti-Antiklischees interessiere ich mich selbst am Arsch für Kosmetik, im Zweifelsfall sogar wortwörtlich, wenn es um Bodylotion geht. Weder kann ich das Bedürfnis nachvollziehen, sich das Gesicht zuzukleistern, auf dass die Poren ihren Lebenswillen verlieren (Stichwort: Kriegsbemalung) noch verstehe ich die Ideologie von „Teurer ist besser, und Chanel geht immer“, wenn es darum geht, ein Organ, dass vor allem auch von innen mit Feuchtigkeit versorgt werden will, von außen mit duftiger Chemieerdölpampe vollzuschmieren, damit der Furchenschnitt nicht zu tief fällt. Wir sind alle eitel, jede und jeder auf ihre und seine Weise, und da bin ich keine Ausnahme; dass dabei die Erhaltung der Außenfassade für manche jede Farbe, Menge und Konsistenz sowie jeden Preis haben darf, ist für mich nur immer wieder erstaunlich.
Dabei ist mir durchaus bewusst, dass wir immer noch in einer Zeit leben, in der dafür gesorgt wird, dass sich die Mehrheit der Frauen besser um ihre Fresse als um das, was hinter und unter der Schminkmaske liegt, kümmern, damit sie nur ja ewig jung, begehrenswert und begattenswert bleiben (und ja, den inhärenten patriarchalen Sexismus dieser Wertevermittlung lasse ich jetzt einfach ganz frustriert so stehen. Heute geht’s um meine Verwunderung in Bezug auf Kosmetik. Meine Frustration in Bezug auf den genannten Sexismus, der diese Verwunderung meinereiner überhaupt erst möglich macht, kann ich nicht schriftlich in Worte fassen … dafür hat mich meine Oma zu gut erzogen). Genau deshalb kann ich diverse Spritzenattacken und nachhaltige Einschnitte auch gut verstehen – das ist ehrliche Handarbeit bei der man weiß, was man hat. Zudem genießen die zugespritzten-beschnippelten Madamsen einen hohen (Wieder)Erkennungswert, weil sie eh alle gleich aussehen – was womöglich nicht beabsichtigt sein mag, für all jene, die gerne in der Masse untergehen, aber ein angenehmer Nebeneffekt ist. Sind in dem Kontext vielleicht nur wenige, aber das ist dann auch schon egal. Wenn konturenlose straffe Frische dank partieller Gesichtslähmung beim Kaffeekränzchen vorherrscht, dann demonstriert das kollektive Schönheitsempfinden eine enge Verbindung zu Onkel Botox. Alles klar (ersichtlich), alles völlig in Ordnung, why not?

Warum man aber Versuchstiere, (Umwelt-)Schäden und den eigenen Hausverstand völlig ignoriert, wenn es darum geht, die Fingerchen in überteuerte Tiegelchen zu stecken, um sich Honig, Gold, Plankton, Hyaluron, Collagen und allen anderen möglichen Plunder ins Gesicht zu schmieren, ist mir ein Rätsel – auch wenn ich mehrmals meinen textlichen Senf dazu geben durfte bzw. darf. Und weil Trends eben Trends ablösen und irgendeiner grad immer die (geld)geilere Idee hat, gibt es da auch immer mal wieder „was zu tun“. Wie vor einiger Zeit, als diverse Mittelchen gehyped wurden, deren hauptsächlich beworbener „Wunderwirkstoff“ beim Kontakt im natürlichen Habitat desselben eher Würgereiz und Ekelattacken als begeisterte Zahlungsbereitschaft provozieren würde: Meeresschlonz.
Und bitte nicht falsch verstehen, Algen und Plankton sind unglaublich wichtig fürs Ökosystem und deshalb auf keinen Fall als wertlos und entbehrlich anzusehen. Viele Dinge/Systeme/Lebenwesen sind in ihren jeweiligen Kontexten einfach nur wunderbar für unseren Planeten; deshalb muss man sie sich aber nicht zwangsläufig auch gleich irgenwohin schmieren. Und wenn man das schon machen möchte, dann legen eben gerade jene ach so enthusiastischen Elegien der Marketingabteilungen die Vermutung nahe, man sollte dies wenigstens so naturbelassen wie möglich machen, damit die ach so wertvollen Mineralien, Wirkstoffe und whatthefuckelse auch wirklich ungefiltert da landen, wo man sie gerne haben möchte. Das riecht dann halt nicht so lecker. Die Viskosität mag in diesem Zusammenhang auch eher bescheiden sein. Und ob man sich tatsächlich noch erfolgreich suggerieren kann, stinkiger Schlonz sei auch dann noch SUPER fürs Hautbild, wenn er nicht in diesen diversen schicken Verpackungen mit den tollen Markennamen – ja genau die, die dieses tolle, ewig-jugendliche Lebensgefühl verkaufen – geliefert wird, sei jetzt auch mal dahingestellt.

Es bleiben eben Slogans. Ganz tolle Kreativmenschen werden kräftig dafür entlöhnt, dass sie Begehren schaffen, wo man nicht glauben mag, dass ein vernünftiger Mensch irgendetwas begehren möchte. Vom Null-Prozent-Fett-George-Foreman-Grill über den Kärcher Dampfreiniger für den Hamsterkäfig bis zur Anti-Aging-Algenaugenmaske mit Pfirsich-Banane-Duft wird begehrt und gekauft, dass sich die Kreditkartenfirmen die Hände reiben. Wenige verdienen viel, weil viele viel zahlen.
Ich habe (wahrscheinlich/scheinbar?) noch ein paar gute Jahre vor mir, man mag also einwerfen, ich hätte da leicht reden. Wenn der eigene Faltenwurf noch keine Schatten wirft und man auch dann von Kerlen angesprochen wird, wenn man nicht reich und besoffen aussieht, dann sollte man sich über die Wunder der Kosmetik, die die Abgründe der Natur zukleistern, nicht echauffieren. Mag sein, vielleicht, weiß nicht, interessiert mich eigentlich auch nicht. Wenn es denn irgendwann mal dramatisch wird, hilft Kleister auch nicht, egal wie teuer und schick. Wie eingangs erwähnt beschäftigte ich mich nur beruflich mit Kosmetik, meine privaten Ambitionen im Kleisterbereich sind überschaubar. Und meine beruflich Beschäftigung beschränkt sich in diesem Kontext auch nur darauf, Unnötiges mit vielen Worten möglichst schön darzubieten.

Weil Schein eben über Sein geht…

Out with the old, in with the new ODER: die ersten Fair-Fashion-Teile sind da…

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Dezent und umweltverträglicher weil ohne Plastik verpackt: neue Teile für neue Wege.

„Geduld ist die Tugend des Erhabenen“, habe ich als Kellnerin immer jenen wunderbaren Lieblingsgästen erklärt, die der unglaublich charmanten und überhaupt nicht großkotzigen Meinung waren, sie hätten sich in einem übervollen Lokal als einzige meine absolute und ungeteilte logistische Aufmerksamkeit verdient (aber das ist eine andere Geschichte, Stichwort: Dirty Deeds). Dank einprägsamer Erfahrungen bin ich dementsprechen als Gästin (oder Kundin) auch geduldig, aber auch nur in diesen Kontexten. In allen anderen Lebens- und Alltagsbereichen, deren Erledigung und Organisation großteils nur von mir selbst abhängt, erledige ich am liebsten alles unmittelbar sofort insgesamt JETZT, auch wenn das gar nicht immer möglich ist. Und eigentlich selten möglich ist, aber egal.
Erhabenheit wird total überbewertet.

Seitdem mein Schrankinhalt ein wenig geschrumpft ist und ich mich endlich mal ausführlich mit Nachhaltigkeit, Fair-Fashion und Low/Zero-Waste beschäftige, habe ich also beschlossen, dass die wenigeren, ausgewählten Teile, die da denn in Zukunft irgendwann mal einziehen dürfen, nicht nur ästhetischen, sondern auch fairen und nachhaltigen Kriterien entsprechen sollen. Weil ich mit dieser wichtigen Horizonterweiterung aber auch irgendwie etwas spät dran bin, habe ich natürlich demtentsprechend viel angesammelt, was die bei Hennesundehschonwissen (&Co.) eigentlich auch gerne wieder zurückhaben dürfen (aber natürlich nicht wollen, unter anderem auch, weil vieles schon länger lagert, der trendaffine Fast-Fashion-Markt mit sparefrohigen Antitrendlern wie mir und meinen alten Teilen aber eher weniger anzufangen weiß). Mit meiner Flohmarktware habe ich dabei noch weniger neuerkannte ideologische Probleme als mit ein paar Lieblingsteilen, die ich immer noch gerne mag, weil es eben Lieblingsteile sind, auch wenn ich dort, wo sie herkommen, nicht mehr nach solchigen suchen werde. Diese ganz besondere Art von Lieblingsteilen, von denen ich hier spreche, ist zahlenmäßig übrigens sehr überschaubar…weshalb ich immer noch finde, dass trotz Ausräumen zu viel Klamotte im Schrank ist. Aber manchmal braucht das Rumräumen eben auch mehrere Etappen, bis man am Ziel ist – und ich bin ohnehin berüchtigt für meine schnörkelschönen Ab- und Umwege…

Am liebsten würde ich ja – mit Blick auf meine zuvor bereits erwähnte Ungeduld – den gesamten Klamottenbestand (stark reduziert) austauschen, sodass ich fortan in einer fairen, feinen (Traum)Welt leben darf. [Absolut liebste Lieblingsteile ausgenommen – gekauft hab ich sie ja ohnehin schon, da kann ich sie dann auch gleich bis zum bitteren Ende auftragen…] Einen Rundum-Austausch kann ich mir aber natürlich nicht mal ansatzweise leisten, deshalb muss ich mich in Geduld üben und darf in kleinen Schritten in Zukunft neues (und vielleicht auch schon getragenes „neues“) bei mir zuhause begrüßen. Is ja genau meines, das mit der Geduld und so…

Die ersten schwarzen und weißen Basic-Shirts sind aber gerade eingezogen. Und nein, ich habe nicht vor, nochmal einen Riesenhaufen weißer T-Shirts anzusammeln. Aber zwei, drei für die unkreativen und farblosen Safeplayer wie mich darf es dann auch sein. Weil ich nachhaltig und fair ja gerne und vor allem mit minimalistisch verbinden möchte, und da sind solche (Nicht-)Farben eine gute Wahl, weil die zu allem und auch miteinandern funktionieren, und man dementsprechend weniger braucht [jaaaa, theoretisch zumindest, jenseits der großelterlich-wohlmeinenden „Kann man alles nochmal brauchen, wird alles aufbewahrt“-Haltung]. Und im Sinne meiner Anfängerinterpretation von halbwegs nachhaltigem Minimalismus werden dementsprechend ein paar Fast-Fashion-Fummel jetzt in ihr nächstes Leben als Putzlappen transzendieren…damit mehr Platz ist und (so wäre das hehre Ziel) auch bleibt. Und anstelle der transzendentalen Wischmoppübergänger zumindest nix schnelles mehr nachwächst.

Bullshitbingo Pt. 2 -viel „Wollen“, wenig „Sollen“

Wie ich schon mal erwähnt habe (soweit die Erinnerung nicht trügt), arbeite ich immer mal wieder als Texterin, um meine bescheidenen Talente in den Frondienst des schnöden Mammons zu stellen, weil, nichts ist umsonst, auch nicht die Pflege bescheidener Talente. Besagter schnöder Mammon führt zu öder Tätigkeit, vor allem für so weltfremde Menschen wie mich, die ohne Fernseher am gesellschaftlichen Puls der soziokulturellen Brennpunkte vorbeiexistieren und höchsten Mal von IKEA und H&M so ’ne prä-spammige schicke Werbemail kriegen [und ja, tatsächlich: wer halbwegs schreiben kann, kann damit popkulturelle Ignoranz ebenso halbwegs ausgleichen…]. Trotzdem soll ich Begehren schaffen, wo absolut kein Begehren nötig ist, weil kein Mensch den überteuerten Drecksplunder braucht – bitte gerne, für ausreichend Euro pro Wort verkaufe ich Donald Trump auch Echthaartoupets, damit er sich sein verratztes Meerschweinchen nicht mehr so armselig über das hohle Haupt drapieren muss.

Mal wieder Mode; hatten wa schon, mäßig belustigend. Letztes Mal sollte ich über die Vorzüge „ästhetischer“ Damenunterwäsche schwadronieren – die Recherche zum Thema erwies sich als außerordentlich erleuchtend für jemanden, die ihre Schlübber bei Aldi ersteht (3 Stück für 5 Euro, dafür lachen dir dann Tweetie, der Pink Panther und Betty Boop vom Arsch) und der latente Alltagssexismus des Auftrages an sich rundete die absolut erhellende Texterstellung  gelungen ab. Diesmal war nix mit Alltagssexismus, dafür galt das weitverbreitete Motto der Modewelt („Vorwärts in die Vergangenheit!“) und verlangte eine ausführliche Recherche zum Thema „Jeans sind nie out – aktuelle Trends“, die  geradezu überwältigende Ergebnisse brachte und deren Resultat dem Titel eindeutig widersprach: manches wurde zu Recht geschreddert.

Da Kindheit und Teeniezeit die 80er und 90er ausreichend abdecken, kann ich mich an viele Hässlichkeiten live erinnern und musste manche sogar selbst tragen (nein, Leggings sind immer noch KEINE Hosen); dass also jemand ausgerechnet diese absolut hässlichen und grausam unbequemen Hosen reaktiviert, deren Bund einem bis zum Brustansatz reichen und die jede trächtige Elefantenkuh ästhetischer wirken lassen als ihre(n) Träger(in), hat mich nicht nur zutiefst verstört („sowas von scheissunbequem, die Drecksteile!!!“, ruft es aus dem letzten Jahrhundert; „Das is jetzt wieder hip weil wir noch ein paar Lager voll übrig haben, und außerdem heißt das High-Wa(i)st(e)!!!“, brüllt das Jahr 2016 in die Vergangenheit zurück), sondern auch zutiefst beunruhigt (immerhin werde auch ich irgendwann mal wieder neue Jeans kaufen müssen…ich hoffe, der Trend stirbt schneller als meine Lieblingshosen). Wahrlich faszinierend finde ich es allerdings, dass junge und „moderne“ Frauen, die halb so alt sind wie ich und trotzdem schon rauchen, freiwillig sogenannte „Mom-Jeans“ (Name=Programm) kaufen sollen; klar, damit der Industriewunsch aufgeht, schreiben sich so Honks wie ich die letzten Reste guten Karmas und Ehrgefühl aus dem Verstand, damit dir (ja DIR, dir da draußen mit dem mickrigen Instagram-Account, der noch etwas mehr #YOLO, #WTF, #STYLE und #whatwouldaKartrashianwear vertragen könnte, also kauf, kauf, KAUF!!!!) klar wird, dass „Mom-Jeans der neueste Shit sind, die man lässig mit Shirt und Sneakers zum Bummeln, stylish mit Pumps, Bluse und deiner (obligatorischen) Michael-Kors-Bag (never forget the fucking Michael-Kors-Bag, like, NOBODY got one, biatch) im Office und natürlich schick und sexy mit Stilettos und verführerischem Top im Club kombinieren kann – lass dich nicht vom Namen täuschen, mit Mom-Jeans bestimmst du alleine, was läuft!“…

Überzeugt? Ne? Ne, wär ich auch nicht, das Teil sieht tatsächlich unterirdisch aus, egal an welchem menschlichen Kleiderständer diverse Modemagazine es aufhängen. Aber ab einem gewissen Maß an Informationsüberschuss reagieren Hirn und (Tipp)Hand bei mir dann überreizt und übermütig, was oft zu besonders, ähm, „einzigartiger“ Textkunst führt, die glücklicherweise für drittklassige Lifestyle“blogs“ irgendwo da draußen im WorldWideWeb ausreichen. Und mir ein bisschen Dach überm Kopf und so finanzieren. Und die (ebenso glücklicherweise) mit diesen dermaßen furchtbaren Themen nicht allzu oft bei mir aufkommen, weil ich nach mehr oder weniger erfolgreich absolvierten solcherartigen Aufträgen immer völlig schockiert bin, wieviel unerwünschte Info mein Hirn in sich aufsaugt und nienienienie wieder freigibt – Mom-Jeans forever!!!!

„Statement Piece“? Piece of Shit!

Die ärmlich-armselig leidenschaftliche Student_in von heute muss für die Leidenschaft nicht selten teuer sparen, indem entscheidende Entwicklungen (manche nennen es auch „Trends“) der Modewelt aufgrund von monetärer Tiefstapelei stofflich spurlos an einem vorübergehen. Nun sind wir Leutchen der Geisteswissenschaften ja als ausgesprochene Modemuffel mit Hang zum Selbstgehäkelten und neurotischer Spiegelbildverweigerung verrufen – und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Doch Klischees sind da, um eloquent dekonstruiert zu werden, und an dieser Stelle soll die Ausnahme auch die Regel bilden: das ist natürlich Bullshit.

Ob bei der antiheteronormativen Diskussionsrunde zum Thema „Selbsterhaltungstrieb der Korbblütler in der globalisierten Konsumwelt“oder bei der frühmorgens um 10.30h stattfindenen Lehrveranstaltung zur „Transzendentalen Tiefenwahrnehmung der Foucault’schen Diskursanalyse in den frühen Werken von Britney Spears“, in der modernen Geisteswissenschaft ist man über den schlichten Denkprozess schon längst hinaus und setzt auch fashion statements – egal welcher Art. Das in diversen Modeblogs und Fiffipostillen in den letzten Jahren geradezu inflationär gebrauchte Konzept des „color blockings“ wurde praktisch an Instituten für Querdenker erfunden. Was dort als Statement gegen den kohärenten Kleidungswahn des Establishments verstanden wurde, erklärten „Glamour“ und Co. zu Trends und wurden nicht müde, unterernährte menschliche Kleiderstangen in überteuerten schrillen Fetzen auf Hochglanzpapier abzudrucken. Wenn die Modewelt 2013 rät, in Pyjamahosen zu Meetings zu flanieren, haben bereits Generationen der Geisteswissenschaften ihr Diplom in Pyjamahosen, Feinrippunterhemden und Adiletten errungen. Und dank unzähliger Modeblogs, betrieben von oft kostenlos agierenden Werbetrommeln in Form von jungen Menschen, die ihre rechte Hand und alle verfügbaren Großmütter für die passenden Accessoires verkaufen würden, verbreiten sich Wahnsinn und Wahnwitz der Textilindustrie heute effizienter denn je. Und billiger, auch für die Konsumenten selbiger Seiten.

Natürlich könnte ich hier jetzt nicht klugscheißern, wenn ich nicht selbst ab und an auf so mancher zuvor beschriebenen Seite landen würde. Was mich immer wieder fasziniert. Denn zum einen wird es mir immer ein Rätsel bleiben, warum besonders teure Teile auch immer so abgrundtief besonders hässlich sind. Und zum anderen wird sich mir nie erschließen, warum gerade diese besonders überteuerten hässlichen Teile für manche im Zentrum ihres Daseins stehen. Zudem erweitert sich mein – als Studentin naturgemäß sehr einseitig beschränkter – Wortschatz durch den Besuch dieser Seiten immer enorm. So durfte ich kürzlich den im Titel genannten Begriff des „statement piece“ zur Kenntnis nehmen, dessen tieferer Sinn sich mir auch nach der Lektüre des Artikels nicht völlig erschlossen hat. Bei mühevoller Beanspruchung von Hausverstand und ein klein wenig beinahe quantenphysikalischer Logik tippe ich einfach mal, dass es sich dabei um ein Kleidungsstück mit Aufdruck handelt – oder es die größtmögliche Form der Rebellion gegen die Gesetze diverser Nudistenkommunen darstellt, indem man demonstrativ einen Pulli überzieht. Oder ein Höschen. Oder eine Burka, solange das noch erlaubt ist. So oder so ergibt sich die Devise „entweder Statement Piece oder nackisch“…zumindest lässt der Artikel diese Vermutung zu.

Man merkt, es gibt gute Gründe, warum ich mein weniges Geld nicht in Modezeitschriften investiere und es beim kostenlosen Konsum diverser Modeblogs bleibt. Man soll ja die eigene Lernfähigkeit nicht überfordern. Und ein piece of shit erkenne ich auch ohne Anweisung…

Sommerloch 2014, Pt. I: Primark, du Sau…und nur DU!

Das Semester klingt aus, der Sommer nähert sich und alles fährt auf Urlaub außer ein paar armen kleinen Redaktionspraktikanten, die sich zusammen mit überbeschäftigten Untersubventionierten die (vermeintlich) heiße Jahreszeit zuhause vertreiben müssen. Damit Brot und Spiele für die armseligen Daheimgebliebenen nicht allzu fade werden, findet sich glücklicherweise in regelmäßigen Abständen ein dankbares Sommerlochthema, welches unnötig lange und langweilige Artikel zu überstrapazierten und ansonsten vernachlässigten Themen der Welt begründet  und auch der plakativsten Kapitalistensau einen Hauch soziales Gewissen auf die Facebook-Timeline zaubert.

Derzeit ist ja Primark-Bashing ganz groß. Seitdem in einigen Kleidern hilfesuchende Botschaften der (scheinbar) tatsächlich Herstellenden gefunden wurden, geht ein Aufschrei durch ganz Europa, da vorher nicht klar war, dass man bei der Herstellung eines Shirts zum Verkaufspreis von 3 Euro nur bedingt das Nettogehalt  eines Herzchirurgen erreicht. Woher hätten wir das auch wissen sollen? Primark ist also ganz böse und nun sogar Sklavenhalter, obwohl es nicht mal ein amerikanisches Unternehmen ist. Naja, man lernt nie aus. Dass man als Hersteller eines Shirts zum Verkaufspreis von 100 Euro (etwa vom Hügelficker, mythologischen Siegesgöttinnen und trauernden italienischen Tussitoasteropfern) leider auch nicht in der chirurgischen Gehaltsstufe unterwegs ist, sondern sich im Grunde ebenfalls nicht mal die Tinte für das ausgeschriebene Wort „Nettoverdienst“ leisten kann, hat Naomi Klein bereits 1999 eindrücklich nachgewiesen – kollektivgesellschaftliche Amnesie im Bereich des prestigereichen Markenklamotten-Schwanzlängenvergleichs sorgt allerdings immer wieder erfolgreich dafür, dass dies maximal am Rande Erwähnung findet, in Kreisen neidischer linker Proletarier. Denn die Lady und der Gentlemen schweigen und genießen. Und Doppelmoral macht sich immer gut, denn doppelt hält ja auch besser.

Das Thema an sich ist – höflich formuliert – schwierig. Es gibt Stimmen, die verständlicherweise zum Boykott aufrufen; es gibt Stimmen, die sich gegen den Boykott aussprechen und durchaus nachvollziehbar mit einer steigenden Selbstständigkeit von Frauen in den peripheren (?) Gebieten der Welt argumentieren (getreu dem Motto: besser Sweatshop als Zwangsehe, oder so ähnlich). Es gibt viele Stimmen, die darüber sprechen und tatsächlich betroffene Stimmen sind kaum zu hören – außer natürlich es bröckelt ihnen mal wieder der Arbeitsplatz über den Köpfen zusammen und man muss einfach hinschauen, weil die Weltverschwörung der Unabhängigen Medien mit reinem Herzen und sozialem Gewissen beschließt, das Drama zwischen den Rubriken „Fette, alte, weiße Männer streiten sich um die Weltherrschaft“ und „Die Fussballergebnisse der letzten drei Jahrzehnte im Vergleich zur zunehmenden Popularität manuell kalibrierter Sportgeräte“ einzuschieben, um uns mit dem kleinen Blick auf das Elend außerhalb der westlichen Festung moralisch abzuwatschen. Auf dass wir unsere 10-Euro-Jeans in Zukunft selbst weben mögen.

Nein, ich bin kein ausgesprochener Fan von Primark (nicht zuletzt da seit der Eröffnung der hiesigen Filiale das Straßenbild von zahlreichen Damen geprägt wird, deren Gewandungen jeder kurzsichtigen, farbenblinden Puffmutter zur Ehre gereichen). Ich halte den Laden allerdings auch nicht für den moralisch-kapitalistischen Untergang des Abendlandes. Was ich noch perverser finde als 3-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung sind 100-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung. Weil dann nämlich aus ehrlichem Beschiss ein riesiger Haufen Dreckskacke wird, im übertragenen Sinn gesprochen. Oder vielleicht auch einfach direkt rausgerotzt.

Die Liga der (selbstver)herrlich(enden) (Selbst)Gerechten bietet bei Artikeln dieser Art gegen Schluss immer praktische Tipps zur kurzzeitigen Hebung der Potentialkundenmoral an („Nehmen Sie über die Produktnummer Kontakt mit der verantwortlichen Näherin in Bangladesh auf, um zu verifizieren, dass dieser der Zugang zur örtlichen Badekloake in der Freizeit nicht verwehrt wird“, „Beim Kauf eines von Lothar Matthäus designten Badeanzugs erhalten Sie ein Like auf Facebook, welches die Patenschaft für einen minderjährigen Fussballvernäher übernimmt“) – dafür bin ich jetzt wenig talentiert, da ich leider beim Projekt „Angewandter Weltfrieden mit praktischer kapitalistischer Magnetfeldumkrümmung“ noch nicht weit genug vorangekommen bin. Ich kann mich also (je nach individuellem Humor- und Stilempfinden)  über die wahren Dramen dieser Welt mokieren, um dem Klischee der lustigen Menschen mit traurigen Themen ein wenig nachzukommen. Ich kann aber keinen Stoff weben. Oder halbwegs passabel nähen. Und stricken kann ich nur riesige Schals, die man auch mal locker im King-Size-Bed als Bettdecke verwenden kann. Für welche ich aber die Wolle nicht selbst herstellen kann, da ich keine Schafe besitze und auch nicht wüsste, wo ich einfach mal so ein Schaf scheren kann – von einem Spinnrad gar nicht zu reden…

So, ich habe anfangs einen unnötig langen und langweiligen Artikel versprochen und mein Versprechen gehalten. Und wenn man dann irgendwann doch mal draufkommt, dass die ganze Aktion ein Protest von Aktivisten war, da die echten Sklavenarbeiter weder die Zeit noch das Equipment zur Verfügung haben, um ihre halbe Lebensgeschichte auf eine Waschanweisung zu sticken, dann macht das die ganze Sache auch nicht besser. Und jetzt ist aber echt Schluss.