Revisiting new insights oder: wer suchet, die findet, irgendwann mal irgendwas

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Ich bin eine Frau der Extreme … manchmal, wenn der Biorhytmus es erlaubt, die Extreme nicht zu viel interpersonalen Außenweltkontakt erfordern und die ADHS aufs „D“ scheisst und mich mal machen lässt –  dann bin ich nicht zu bremsen. Ähnlich wie ich mich beruflich und auch akademisch in ein Thema verbeißen und es zu Tode recherchieren kann, bis es für monetäre oder hochschulische professionelle Zusammenhänge vertextet und verbreitet werden kann, sticht mich auch privat immer mal wieder der vielgepriesene Hafer, wenn ich dringend Material für prokrastinierende Ablenkung suche, die ich mir zu dem Zeitpunkt meist nicht leisten kann. Während der Erledigung eines recht umfassenden Textauftrages in den letzten Monaten habe ich nun also extrem minimalisiert. Was auch richtig Spaß gemacht hat und noch machen wird, weil als (bereits erwähntes) Nachkriegsenkelkind das Potential zur Güterreduktion auf vielen Ebenen langfristig erhalten bleibt; „was aufbewahren für schlechte Zeiten“ ist nicht so leicht abzulegen, wie es ein schickes Lifestylebuch erhoffen lässt. 

Gemäß den Inhalten in dem einige Einträge zuvor erwähnten Buch bin ich zudem in die Welt der sogenannten Fair Fashion/Slow Fashion eingetaucht und durfte auch in diesem Bereich viel lernen, erkennen und erfahren. Abseits der tieferen Beschäftigung mit neuen Erkenntnisbereichen war und ist in diesem Zusammenhang gerade auch Instagrähm mit seinen bunten Bildern sehr nützlich, außerdem muss man sich am Klo ja auch irgendwie die Zeit vertreiben. Instagrähm hat mit seinen pädagogischen Ambitionen auch ganz maßgeblich die Herausbildung des Beruf(ung)sstandes der „Influencer“ gefördert (Gesundheit, danke, und nein, Influenza ist was anderes). Besagte Influencer tragen je nach Gesinnungs- und Neigungsgruppe durchaus auch slow/fair/vegan – ansehnlich, viel und häufig, unabhängig davon, auf welchem Klo man das ganze durchscrollt. Was ich auch ganz wunderbar und ästhetisch ansprechend finde, allerdings – wie ich nach längerer Beobachtung feststellen durfte – gerade mal im Ansatz den Kern meiner Sache trifft.
Wenn ich kann, rette ich gerne die Welt – an sich will und muss ich aber erst mal meine eigene ordnen, ausmisten und befreien: von Nippes aus dem letzten Jahrtausend, der nur noch aufgrund meines schlechten Gewissens bei uns im Regal staubfangen darf; von Klamotten, die seit vier Umzügen, drei Hochzeiten und zwei Todesfällen für Zeiten aufbewahrt werden, die nie kommen; von angeschlagenen Müslischüsseln, die ein Geschenk der ehemaligen besten Freundin der Cousine meiner Großmutter waren und deshalb einen GANZ BESONDEREN sentimentalen Wert haben. Darum geht’s.
Weniger darum, ob ich bereit bin, 100 Euro für einen Fummel auszugeben, den ich mir auch für 20 Euro nicht kaufen würde, weil ich zu wenig Fummelfrau bin, um dafür überhaupt (viel) Geld hinzulegen. Funktional, zeitlos, Ausverkauf – kein HipHipsterHurra. Auch schon vor meinem Erkenntniszugewinn war „fast“ bei mir oft „slow“, weil ich generell zu Sachen greife, die man länger als zwei Saisonen tragen kann und zu ignorant bin, um überall dabei zu sein (Highlights des inneren Ignoranzscheißhaufens bis jetzt: Hochwasser-Momjeans, Cut-Out-Klamotte, Würgehalsband). Was nicht heißt, dass mir die unsauberen Herstellungsbedingungen unklar und egal sind; ein „mehr“ von was anderem als bisher ist aber eben auch nicht das, was für mich persönlich in diesem ganz und gar nicht gehypten Minimalismus-Lifestyle drinsteckt.
Dank all der umfassenden Recherchen kann ich es mir in vielen Bereichen in Zukunft besser aussuchen, wie ich was konsumiere; der Held meines Herzens und ich sind immer noch schwer begeistert von den Trinkflaschen und sonstigen öko-umwelt-herstellerfreundlichen Behältnissen, die dabei helfen, zumindest ein wenig Plastikwahnsinn zu verhindern; umweltfreundlich produzierte und menschenfreundlich verarbeitete Basics sind mindestens ebenso angenehm zu tragen wie Altbekanntes und im Sale zu beinahe ebenso guten Sparefrohpreisen erhältlich. Aber das eigentliche Umdenken findet bei mir in der Masse und tatsächlich nicht unbedingt immer in der Klasse statt. Für mich stellt sich bei allen potentiellen Neuerwerbungen – ob Klamotte, Hausrat oder sonstiger Klimbim – zuerst mal die Frage, ob ich etwas in der Art auch sicher noch nicht habe, ob ich es längerfristig nutzen kann, ob ich es sonst sinnvoll ändern, umfunktionieren oder weitergeben kann und ob mich nicht nur ein eventuell niedriger Preis verleitet. Es dauert dann schon mal zwischen zehn Minuten und drei Tagen, bis ich da mit mir selbst ins Reine gekommen bin. Bis dahin ist dann das Teil entweder weg, der Preis nicht mehr so gut oder ich nicht mehr interessiert. Nicht egal, aber durchaus unabhängig davon, wo es wie herkommt und was die Instagrähmer_innen dazu sagen.

Weil: es gibt viele Möglichkeiten, Zeit und Lebensenergie zu verschwenden – und ich kenne fast alle. Fast.

Same Shit, different brand ODER: Geldverbrennung deluxe

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Aus der illustren „Also für dich als Frau hätte ich da ja wieder mal einen Auftrag“-Rubrik a.k.a. „Alltagssexismus freiberuflich gelebt“ darf ich zur Abwechslung mal über Eindrücke berichten, die mich immer wieder zutiefst verwundern (werden): die Macht der Kosmetik und der Schmonzes, der veranstaltet wird, um diese Macht zu erhalten.
Gemäß dem Grundprinzip des Anti-Antiklischees interessiere ich mich selbst am Arsch für Kosmetik, im Zweifelsfall sogar wortwörtlich, wenn es um Bodylotion geht. Weder kann ich das Bedürfnis nachvollziehen, sich das Gesicht zuzukleistern, auf dass die Poren ihren Lebenswillen verlieren (Stichwort: Kriegsbemalung) noch verstehe ich die Ideologie von „Teurer ist besser, und Chanel geht immer“, wenn es darum geht, ein Organ, dass vor allem auch von innen mit Feuchtigkeit versorgt werden will, von außen mit duftiger Chemieerdölpampe vollzuschmieren, damit der Furchenschnitt nicht zu tief fällt. Wir sind alle eitel, jede und jeder auf ihre und seine Weise, und da bin ich keine Ausnahme; dass dabei die Erhaltung der Außenfassade für manche jede Farbe, Menge und Konsistenz sowie jeden Preis haben darf, ist für mich nur immer wieder erstaunlich.
Dabei ist mir durchaus bewusst, dass wir immer noch in einer Zeit leben, in der dafür gesorgt wird, dass sich die Mehrheit der Frauen besser um ihre Fresse als um das, was hinter und unter der Schminkmaske liegt, kümmern, damit sie nur ja ewig jung, begehrenswert und begattenswert bleiben (und ja, den inhärenten patriarchalen Sexismus dieser Wertevermittlung lasse ich jetzt einfach ganz frustriert so stehen. Heute geht’s um meine Verwunderung in Bezug auf Kosmetik. Meine Frustration in Bezug auf den genannten Sexismus, der diese Verwunderung meinereiner überhaupt erst möglich macht, kann ich nicht schriftlich in Worte fassen … dafür hat mich meine Oma zu gut erzogen). Genau deshalb kann ich diverse Spritzenattacken und nachhaltige Einschnitte auch gut verstehen – das ist ehrliche Handarbeit bei der man weiß, was man hat. Zudem genießen die zugespritzten-beschnippelten Madamsen einen hohen (Wieder)Erkennungswert, weil sie eh alle gleich aussehen – was womöglich nicht beabsichtigt sein mag, für all jene, die gerne in der Masse untergehen, aber ein angenehmer Nebeneffekt ist. Sind in dem Kontext vielleicht nur wenige, aber das ist dann auch schon egal. Wenn konturenlose straffe Frische dank partieller Gesichtslähmung beim Kaffeekränzchen vorherrscht, dann demonstriert das kollektive Schönheitsempfinden eine enge Verbindung zu Onkel Botox. Alles klar (ersichtlich), alles völlig in Ordnung, why not?

Warum man aber Versuchstiere, (Umwelt-)Schäden und den eigenen Hausverstand völlig ignoriert, wenn es darum geht, die Fingerchen in überteuerte Tiegelchen zu stecken, um sich Honig, Gold, Plankton, Hyaluron, Collagen und allen anderen möglichen Plunder ins Gesicht zu schmieren, ist mir ein Rätsel – auch wenn ich mehrmals meinen textlichen Senf dazu geben durfte bzw. darf. Und weil Trends eben Trends ablösen und irgendeiner grad immer die (geld)geilere Idee hat, gibt es da auch immer mal wieder „was zu tun“. Wie vor einiger Zeit, als diverse Mittelchen gehyped wurden, deren hauptsächlich beworbener „Wunderwirkstoff“ beim Kontakt im natürlichen Habitat desselben eher Würgereiz und Ekelattacken als begeisterte Zahlungsbereitschaft provozieren würde: Meeresschlonz.
Und bitte nicht falsch verstehen, Algen und Plankton sind unglaublich wichtig fürs Ökosystem und deshalb auf keinen Fall als wertlos und entbehrlich anzusehen. Viele Dinge/Systeme/Lebenwesen sind in ihren jeweiligen Kontexten einfach nur wunderbar für unseren Planeten; deshalb muss man sie sich aber nicht zwangsläufig auch gleich irgenwohin schmieren. Und wenn man das schon machen möchte, dann legen eben gerade jene ach so enthusiastischen Elegien der Marketingabteilungen die Vermutung nahe, man sollte dies wenigstens so naturbelassen wie möglich machen, damit die ach so wertvollen Mineralien, Wirkstoffe und whatthefuckelse auch wirklich ungefiltert da landen, wo man sie gerne haben möchte. Das riecht dann halt nicht so lecker. Die Viskosität mag in diesem Zusammenhang auch eher bescheiden sein. Und ob man sich tatsächlich noch erfolgreich suggerieren kann, stinkiger Schlonz sei auch dann noch SUPER fürs Hautbild, wenn er nicht in diesen diversen schicken Verpackungen mit den tollen Markennamen – ja genau die, die dieses tolle, ewig-jugendliche Lebensgefühl verkaufen – geliefert wird, sei jetzt auch mal dahingestellt.

Es bleiben eben Slogans. Ganz tolle Kreativmenschen werden kräftig dafür entlöhnt, dass sie Begehren schaffen, wo man nicht glauben mag, dass ein vernünftiger Mensch irgendetwas begehren möchte. Vom Null-Prozent-Fett-George-Foreman-Grill über den Kärcher Dampfreiniger für den Hamsterkäfig bis zur Anti-Aging-Algenaugenmaske mit Pfirsich-Banane-Duft wird begehrt und gekauft, dass sich die Kreditkartenfirmen die Hände reiben. Wenige verdienen viel, weil viele viel zahlen.
Ich habe (wahrscheinlich/scheinbar?) noch ein paar gute Jahre vor mir, man mag also einwerfen, ich hätte da leicht reden. Wenn der eigene Faltenwurf noch keine Schatten wirft und man auch dann von Kerlen angesprochen wird, wenn man nicht reich und besoffen aussieht, dann sollte man sich über die Wunder der Kosmetik, die die Abgründe der Natur zukleistern, nicht echauffieren. Mag sein, vielleicht, weiß nicht, interessiert mich eigentlich auch nicht. Wenn es denn irgendwann mal dramatisch wird, hilft Kleister auch nicht, egal wie teuer und schick. Wie eingangs erwähnt beschäftigte ich mich nur beruflich mit Kosmetik, meine privaten Ambitionen im Kleisterbereich sind überschaubar. Und meine beruflich Beschäftigung beschränkt sich in diesem Kontext auch nur darauf, Unnötiges mit vielen Worten möglichst schön darzubieten.

Weil Schein eben über Sein geht…

Bullshitbingo-Alarm vom Feinsten oder: mind your words!

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Schon sehr, sehr, sehr lange bevor ich mich mit manch erleuchtendem, was hier neuerdings schriftlich durchgekaut wird, beschäftigt habe, durfte ich immer mal wieder weniger erleuchtende, dafür aber umso „marketingfreundlichere“ Texte zum Thema Mode, Style und wtf man da sonst noch so drumrumlabern kann, verfassen. Was meinereiner und manch andere in diesen Kontexten unter „Recherche“ verbuchen mussten (müssen?!), damit es sich überhaupt lohnt, für Aufträge dieser Art den Laptop hochzuklappen, soll hier gar nicht näher ausgeführt werden, denn irgendwo in all dem Chaos und Wahnsinn meines Inneren schlummert schließlich noch so was wie „Würde“. Charmant-prägnant zusammengefasst lässt sich sagen, dass es gute Gründe gibt, warum alles „rund ums Marketing“ jenseits der Wahrnehmung von Menschen, die es grundlegend verbrechen, „Projekte pitchen“ und beim Anblick einer Flipchart abgehen wie ein Zäpfchen, einen eher bescheidenen Ruf genießt. Gerade auch bei jenem Fußvolk in den billigen Reihen, das zwar vieles mitverbricht, es im Grund aber leider oft „besser weiß“ (wie es so schön heißt) und dieses Wissen nicht so leicht ignorieren kann/will/soll…

Der Grund, warum ich hier so lieblich in einer Jobnostalgie schwelge, die jederzeit wieder zum gegenwärtigen Zustand werden kann, liegt darin, dass mein Eintauchen in tatsächlich erleuchtende Erkenntnisse mich ein Vokabel wiederentdecken hat lassen, das schon seit einigen Jahren in den absurdesten Kontexten unglaublich gerne verwendet und wie die goldene Kuh gemolken wird: „vegan“.
Der Held meines Herzens und ich leben nicht vegan (wir sind ja schon froh, wenn wir überhaupt irgendwas essbares auf den Tisch kriegen – für uns wurden Kochbücher wie „Vegetarisch für Faule“ geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb habe ich kaum Wissen aus erster Hand bezüglich eines ganz „normalen“ veganen Lebensstils; zudem gewichten befreundete Veganer verschiedene Bereiche unterschiedlich stark, sodass sich auch in der Vegan-Community ein ebenso bunter Mix an Menschen und Ansichten findet, wie eben sonstwo auch.
Dass aber simples Wasser immer schon eher „vegan“ war und „vegan“ bei Deichmann was anderes heißt als bei Ethletic scheint aber auch klar. Scheint.

Beim Bullshitbingo in der unteren Marketingmittelschicht liegt der Fokus auf dem Produkt und jedem noch so irrelevanten Infofuzzelchen, das man halbwegs(!) glaubhaft in einem Text (wiederum) mittlerer Länger verwursten kann. Dass dabei dann schnödes Plastik in allen erdenklichen Formen, Farben und Variationen plötzlich zu „veganem Leder“ wird, ist nicht weiter ungewöhnlich, wenngleich es mir ein sehr imposanter Karrieresprung für die guten alten Plastiktreter zu sein scheint. Aber was tut man nicht alles dafür, dass ein mittelmäßiges Produkt noch mittelmäßigerer Qualität aus fragwürdiger Produktion den potentiellen Kund_inn_en ein wohliges Gefühl um die Leibesmitte zaubert – veganes Leder, Tiere geschützt und dann sogar noch ein echtes Schnäppchen!
Ja genau. Das bisschen Erdöl und der im weiteren Produktionsverlauf daraus folgende Ökowahnsinn sind doch irrelevant, solange man es linguistisch nur in den richtigen Keywordkackdreck verpackt, ist alles gut. Das bisschen Kinderarbeit und Sweatshop geht schon auch in Ordnung, wer praktisch nichts hat, soll ruhig mal für wenig Geld richtig viel arbeiten, aus nix wird schließlich nix und in dem System bleibt es dann auch nix, aber hauptsache, die angewandte Weltrettung bleibt hier bei uns „leistbar“. Also billig. Was interessanterweise kaum jemandem aufzufallen oder zu stören scheint, vegan ist vegan, vor allem, wenn die Industrie das sagt. Die hat immer recht, sagt auch schon Onkel Donald. Trump.
Wer wird denn bei veganem Leder auch immer gleich an Erdöl denken … [was man übrigens wirklich nicht tun sollte, weil es tatsächlich tolle Sachen gibt, aber Stella McCartney & Co. sind marketingmäßig etwas potenter aufgestellt als die Fuzzis, an die ich gerate…]

„Vegan“ ist also Trend, und das bereits seit mehreren Jahren. Das ist auch völlig in Ordnung und im Vergleich zu vielen anderen Trends, die wir alle aktiv und/oder passiv miterleben mussten, geradezu erfreulich; durch Low Carb oder auch diverse Deluxe-Fashionfetzenfabrikanten haben mit Sicherheit schon mehr Tiere und Menschen gelitten. Und dass die Werbung mögliche positive Nebeneffekte diverser Lifestyles und daraus folgender Trends gerne ausgiebigst ausschlachtet, ist schließlich auch kein Geheimnis. Selbst im unteren Mittelsegment der textschaffenden Bullshitbingoisten wird man dazu angehalten, sich verbal an den äußeren Rändern theoretischer Machbarkeiten zu orientieren – seien es Echthaarextensions, die ihren Dienst im Schnitt nach rund drei Monaten quittieren, deren theoretische Haltbarkeit vom Hersteller jedoch mit sechs Monaten angegeben wird, was gefälligst so auch vertextet werden möge (ein Hoch auf die Unhaltbarkeit der teuren Eitelkeit!); seien es Kosmetikprodukte, die man sich auch gerne literweise in die Fresse schmieren kann, so richtig „wirken“ würde es trotzdem nur, wenn man es intra- oder subkutan injiziert: seit ich vor Jahren mit diesen Jöbchen angefangen habe, weiß ich, dass „sich verkaufen“ viele Facetten haben kann und mein spätpubertäres Lebensmotto „Meine Freiheit über alles!“ in einigen Aspekten tatsächlich immer noch Aktualität besitzt.
Letztendlich kommt es natürlich immer darauf an, in welcher Produktsparte man seine Tippserseele gerade verkauft; auf Pornoseiten hatte ich mit „vegan“ immer wenig zu tun (wobei man bitte nicht nicht die Nachfrage nach veganen Dildos unterschätzen sollte…), bei diversen Seitenfüllern bezüglich der deutschen Bauversicherungslandschaft oder langatmigen Verbalergüssen auf Seiten a’la „Cigarillo Aficionado“ war die vegane Schlagwortfrequenz auch deutlich überschaubar. Und während sich „vegan“ auch schön langsam schon etabliert hat, biegen bereits die nächsten Keywors im Lebensmittel-Lifestyle-Wohlfühlsegment um die Ecke, denn wo freiwilliges Abschwören diverser Produkte aufhört, fangen tatsächliche und vermeintliche Unverträglichkeiten gerade erst an … und auch hier liegt im guten Glauben mündiger Konsument_inn_en viel Geld vergraben.

Mind the pick-up artist oder: ich kotz gleich…

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Niemand will ein Bild sehen, dass man mit pick-up artists in Verbindung bringen kann. Niemand. Deshalb an dieser Stelle lieber ein  Plüschbär. Viel besser.

Neben den diversen Jobs und Jöbchen in der sekundären Textoptimierung sowie der allgemeinen Textgestaltung (bei ganz viel Zeit und Langeweile nachzulesen hier, hier und hier, in leider umgekehrter Reihenfolge) durfte ich vor kurzer Zeit auch ein ganz besonderes Highlight textueller Mitschuldigkeit verantworten, nämlich die Übersetzung einiger E-Books vom Englischen ins Deutsche (was ich nicht alles kann, solange es kein Niveau braucht…).
Dem Konzept des Ibuks als Möglichkeit zur beinahe schwellenlosen und in einigen „Genres“ eher überproportionalen Selbstvermarktung stehe ich eher  skeptisch gegenüber, da der Endverbraucher in dieser seltenen Ausnahme von manchen Gatekeepern (MANCHEN, wenigen, einzelnen!!!) vor fadenscheinig-fragwürdigen Ergüssen und unnötigen Fehlinvestitionen geschützt wird. Und nach genauester Lektüre und Sprachübertragung darf ich die Machwerke, die da über meine Festplatte gewandert sind, durchaus dazuzählen:  E-books „of internationally acclaimed and highly successful pick-up artists“ (also diversen Schmalzbracken mit STD-Flatrate), die ihr geheimes und höchst aufschlussreiches Wissen nach jahrelangen Testphasen ENDLICH (gegen eine in Anbetracht der Erkenntnisse verhältnismäßig geringe monetäre Zuwendung) mit der Welt teilen. Endlich!

Auf durchschnittlich 150 Seiten erschließt sich einem dann dieses „Wissen“, das im Endeffekt keine neue Erkenntnis in sich trägt, und das für teuer Geld. Weniger „über Jahre konzipierte und erprobte Vorgehensweisen, die dich, wenn du ihnen genau folgst, fast immer zum Erfolg führen (also zum Abschlussfick)“, sondern vielmehr eine knackige Mischung aus Verhaltenspsychologie, Kommunikationswissenschaft, NLP und einer Prise Spieltheorie im Abgang, die jeder drittklassige Möchtegern-Flachwichser mit perfekter Einhandmotorik und einem „How I Met your Mother“/“Two and a half men“/Porno-Halbwissen genausogut draufhat, gratis und (auch für die zeitabschnittbeteiligten weiblichen Beschlafutensilien) völlig umsonst. Zudem ist das sogenannte „Wissen“ dieser PUAs (die Szenebezeichnung für „pick-up artists“) keineswegs auf Schwanzträger beschränkt, denn da es sich um geschlechtsneutrale allgemeine Erkenntnisse verschiedener Forschungsgebiete handelt, kann man den Dreck als Frau genauso gut durchziehen, sofern man dabei vor lauter verhaltenem Lachen nicht erstickt. „Stelle dein Gegenüber in den Mittelpunkt, indem du Aufmerksamkeit und Interesse vortäuscht, schaffe eine scheinbare Verbindung durch sich langsam steigernden Körper- und steten Blickkontakt und zeige deine Stärken/Werte, ohne deine Schwächen/Menschlichkeit auszuklammern“ sind ein alter Hut und werden in Teilen sogar bei Bewerbungscoachings trainiert. Das ist so fad wie es klingt, egal in welcher Sprache.

Wenn man die sogenannten „Erfahrungsberichte“ der „Künstler“ lesen und sogar noch übersetzen darf, dann wird schnell klar, dass man es hier mit durchschnittlichen Anmachsprüchen zu tun hat, die einzig und allein eine gewisse verbale Vollständigkeit und eine gekünstelte Flexibilität in der interpersonalen Handhabung auszeichnet. Sprich: es wird in halbwegs vollständigen Sätzen gesprochen und bei vermeintlich unerwarteten Anworten (also alles, was man im weitesten Sinne als „unbeschlafbar“ interpretieren könnte) entsprechend flexibel reagiert und manchmal sogar aufgegeben, was überraschend erscheinen mag, aber durchaus Logik hat. Schließlich will niemand sein Ego riskieren, schon gar nicht in einem Schema, das nur aus Ego besteht.
Weiters findet sich auch ein reichhaltiges und teils höchst originelles Vokabular, das mit linguistischen Meisterwerken wie „Full Close“ (beschreibt die erfolgreiche Endbesteigung), „Street Sarge“ (umschreibt den Plan, Frauen auf der Straße aufzureißen, manchmal auch als „Straßenstrich“ bekannt), oder, mein persönliches Highlight, das „Target“ (also das Beschlafungszielobjekt) brillieren kann. Alles zusammen also die wunderbar professionell geschaffene Illusion einer Welt mit eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten – das Holodeck auf der Enterprise lässt grüßen.

Einige Absurditäten dieser literarischen Ergüsse ergeben sich aber gar nicht mal aufgrund der unbeschreiblich sagenhaften Kompetenz der Verfasser, sondern mehr aus den kleinen interkoninentalen Unterschieden im kulturellen und sozialen Habitus.
So ist es in ‚unseren Breiten‘ nach wie vor weitestgehend unbekannt, dass Dates gezählt werden und es dementsprechend eine besondere Leistung sein soll, das Beschlafungszielobjekt bereits nach dem ersten Treffen in die Horizontale befördern zu können (außer bei Kevins/Tschastinns/andereKindermitgreislichenNamen unter 35; da ist alles in der Horizontalen ein Ereignis). Dass der berufliche Status und das entsprechende Einkommen praktisch gleich zu Beginn aus taktischen Gründen mitgeteilt werden – jawoll, richtig geraten, Mann möchte von der ersten Sekunde an beeindrucken – kann jenseits des geografischen Zentrums von Schein statt Sein eher befremdlich wirken, vor allem, wenn man einvernehmlich ohnehin nur einmal drüberrutschen möchte. Das so mancher Teil des potentiellen Zielpublikums in dieser Rubrik zudem mit kaum mehr als dem Umstand, dass er des Lesens und Schreibens mächtig ist, punkten kann, wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. In dem Land, dass gerade wieder großartig gemacht wird, sind alle PUAs jung, attraktiv, vermögend, erfolgreich und dauergeil, und somit gilt das als Credo für den Rest der Welt. Wie sonst halt auch bei Zeugs, das aus den USA kommt.

Und wenn du es nicht draufhast, dann haste eben Pech – in diesem Fall lautet das kostenlose und realitätsnahe Fazit:

Kannste die Beute nicht ergattern,
muss  die Handmaschine rattern…

Und zum Abschluss jetzt noch diese wunderbare Definition von „pick-up artists“ im urban dictionary:

An overrated self-help movement started by frustrated 30 year old virgins turned amateur con-men that attempts to systematically change meek nerds into false-confident assholes.
„Why is that guy who usually wears videogame t-shirts and unkempt hygiene suddenly wearing douchey sunglasses indoors with a bad haircut and trying to insult every girl in here?“
„Oh him? He read a PUA book
im Original nachzulesen hier 🙂

Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

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Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.    

 

 

Bitch please, oder: das ist nicht Kunst, das kann weg

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Direkt aus der Jobhölle des Teilzeitgrauens für Menschen, die „was mit Büchern und Sprache“ studieren oder studiert haben, finden sich immer mal wieder diverse Jöbchen im Bereich der verbessernden tertiären Textgestaltung, sprich: Korrekturlesen. Der Laie denkt sich: wunderbar, leicht verdientes (Schwarz)Geld. Der semiprofessionelle Kollege weiß: kann so sein, muss nicht, ist selten so. Abseits wissenschaftlicher Arbeiten von legasthenischen ADHSlern und anderen gibt es auch diverse Medien, die ihre hart erwirtschafteten Werbemittel in die gehobene Überprüfung von Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung stecken, um sich vor der geneigten Leserschaft nicht völlig zu blamieren. Das dabei nicht immer die besten der Zunft zum Zuge kommen, zeigen Schlagzeilen wie „Aller guten Dinge sind drei – Drilllinge im Königshaus“ oder „Hier ist man gut zu vögeln“.

Ich zähle mich nicht mal im Traum zu den Besten der Zunft, schon alleine, weil ich immer mal wieder denglisch vor mich hin grammatisiere, wenn ich „in THE flow“ bin und auch weil ich schlicht (zeitlich und umfangmäßig) mehr Erfahrung in der Produktion teils fragwürdiger textlicher Ergüsse mitbringe; auch den Texten auf dieser Seite merkt man die teils mangelnde Zunftfähigkeit durchaus an. Aber wenn man mich will, dann kann man mich schon haben, um beim textuellen Feinschliff Hand anzulegen – hochkonzentriert und mit Spickzettel. Im Nachhinein stellt sich dann nur immer eher die Frage, ob ICH das wirklich gewollt haben würde, wenn ich gewusst hätte, was da kommt…

Ein vor kurzem absolvierter Auftrag in diese Richtung hat wieder einmal deutlich gemacht, dass „die Geschmäcker sind verschieden“ verlogener Bullshit  und „künstlerische Freiheit“ keine Entschuldigung für handwerkliche Unfähigkeit ist. Es ist beim Korrekturlesen an sich scharf zu trennen zwischen wissenschaftlichen Texten, deren sprachlicher Glanz auch gerne völlig unscheinbar sein darf, solange kohärent und stimmig geschrieben wird, und Medien/Werbe-„Texten“, die von einer charmanten Kombination an sprachlicher Kompetenz und ausreichendem Informationsgehalt leben. Verschiedene Geschmäcker und künstlerische Freiheit können sich also nach Herzenslust in der Literatur oder sonstiger Kunst austoben und der gehobene strukturelle Textfaschismus bleibt der Wissenschaft vorbehalten. Wenn ich aber eine zehnseitige Werbebeilage korrigiere, bei der sich mir nicht mal im Ansatz erschließt, what the fuck da jetzt eigentlich beschrieben wird, dann werde ich richtig, richtig pissig. Nicht aufgrund einer Korrektur, die im Grunde keine ist – denn als Korrektur bliebe eigentlich nur die rituelle Verbrennung des Texts samt seines Autors. Nö, ich werde pissig weil da jemandem für richtigen Scheissdreck richtig gutes Geld hinterhergeworfen wird, während unzählige gute und kompetente KollegInnen am Rande des Prekariats wandeln und womöglich auch noch genau hinter diesen wandelnden „künstlerischen Freiheiten“ herräumen müssen, als Korrekturleser, Lektoren, Drucker, Kellner, Putzhilfen oder sonstiges. Und hier zähle ich mich dann doch auch dazu, was aber kein Kompliment ist, denn das hätten viele besser gemacht. Sogar Analphabeten.

Nun mag man sich fragen: was soll diese ganze selbstgerechte Scheisse eigentlich, was will die nette, höfliche Dame eigentlich genau sagen? Und das darf ich dann natürlich nicht wirklich direkt beantworten, weil ich den Job ja noch weiter machen will. Ich darf sagen, dass ich es bei Korrekturaufträgen immer spannend finde, wenn sich mir durch den Text die „Aufgabenstellung“ bzw. Forschungsfrage erschließt, denn dann läuft es schon mal grundlegend in eine gute Richtung. Wenn das nicht passiert, dann hakt es gewaltig. Wenn das nicht passiert UND der Text nicht mal eine grundlegende Kohärenz und Sinnhaftigkeit mitbringt, dann wird es „schwierig“. Vor allem, wenn es keine Kunst sein soll, sondern durchaus allgemein verträglich. Wenn man also eine popkulturelle Theaterperformance mit antikem Background ans potentielle Publikum bringen möchte, sollte man dabei nicht klingen wie Modern Talking beim Gastauftritt in der chinesischen Oper. Die Kunst kommt in dem Fall nach dem Text, nicht im.

Und in diesem speziellen Fall kommt sie wahrscheinlich überhaupt nie, aber das ist auch schon egal. Isses eben Wunst.

[to be continued…]

Go cry me a fucking river oder wenn einen der Frust frisst…

Neben allseits „beliebten“ Ausflügen in diese Welt, die man denn da „Alltags/Arbeitswelt“ nennen mag, sowie diversen weiteren Dingen, die man so allgemein unter „Leben“ versteht, arbeite ich ja auch noch rein theoretisch an so etwas wie einer Dissertation. Klingt gut. Macht sich auch gut, nicht zuletzt in der Familie und bei den guten alten Frenemies, die einem ohnehin schon immer gehobene Arroganz im Endstadium unterstellt haben. Und ist mit einer der Hauptgründe, um von der „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil du armes Schwein ja an sich keine tatsächliche Ausbildung hast und nun auch noch im 300sten Semester eines Studiums steckst, für das wir dich dann erst recht wieder am Arbeitsamt wiedertreffen – HaHa!!!)“-Schublade in die „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil what the fuck will diese Akademikertrulla eigentlich hier, die hat doch schon einen Abschluss und dann irgendwann noch ’nen Doktor, warum will die hier bei mir im Laden für lau Pullis falten, wenn die fett Kohle machen kann…?)“-Schublade zu rutschen. Außer man kennt wen der wen kennt der wen kennt und so weiter, das hatten wir ja schon (Stichwort Neddwörking für Vollpfosten), um dann einen mäßig erbärmlichen Nebenjob für Miete und ein wenig Sicherheitsgefühl fürs Seelchen ausüben zu dürfen, ausnahmsweise, hin und wieder.

Nun könnte man zum einen den ewigen Tanz um einen netten kleinen Nebenjob in nicht mehr den allerjüngsten Studentenjahren ja vereinfachen, indem man sich voll und ganz in „die Sache“ hängt und zusieht, dass man „die Sache“ zu einem (guten) Ende bringt. Weil, können könnte man ja viel wenn der Tag ausreichend fidele Stunden hat. Man kann aber auch einfach nur ein wenig gefrustet dasitzen und sich scheissdumm fühlen, weil man eben manchmal richtig scheissdumm ist. Nicht zuletzt im Vergleich zu all diesen überorganisierten akadamisch-demischen Kolleg_Innen, deren strategisches Denken und Handeln um den Erhalt einer mehr oder weniger ordentlichen Anstellung unter meist mehr als weniger prekären Umständen kreist, egal zu welchem Preis. Und da ist jetzt nur von den wirklich guten Zukunftshoffnungen die Rede, Leuten von immenser Bildung, mit Eloquenz, Talent zur Diplomatie und einem Hauch Ellbogen im Abgang. Über all das, was darunter folgt, Mittelmaß mit Freude an der Forschung und Interesse an der Arbeit im wissenschaftlichen Bereich, aber womöglich leider einem ungesunden und wenig förderlichen Interesse an einem eigenen, selbstbestimmten Leben oder – Oh Weh, Oh Graus – mit zuviel Empathievermögen und zuwenig Ellbogen, tja, über all das wollen wir jetzt mal lieber nicht reden. Frauen können in einigen Bereichen noch auf eine Quotenstelle hoffen, bei Männern wird’s dann schon eng. Aber was soll’s, eine neue Elite wird gezüchtet, Wissen jeglicher Art aus der intellektuellen Retorte, möglichst allgemein verträglich und bitte gut für’s Institut und die Universität, dann darf man auch ein wenig Mensch-ärgere-dich-nicht mit den Post-Docs aus dem Sprachlabor spielen. Irgendwer muss schließlich „Spanisch für Anfänger, Modul 1“ oder „Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten: Selbstverliebte Arschlöcher_Innen richtig zitieren“ unterrichten.

Also einfach mal eine Runde Scheissdumm fühlen, da spielt man in der oberen Liga mit; weil, selbst wenn man den Über-Drüber-Titel eher aus privat(wirtschaftlich)en Gründen anstrebt (Stichwort selbstbestimmt Leben für Soziophobiker), mit den ganzen wahnsinnigen Selbstdarstellern aus der Wissenschaft muss man sich ja trotzdem rumschlagen. Und darf dabei leider nicht einmal richtig zuschlagen. Und bemerkt dann immer mal wieder, dass man eigentlich auch einfach nur hübsch im Hörsaal aussieht, weil man von dem Bullshit am Podium gerade mal die Hälfte versteht – wobei einen das Gesamte am Arsch interessiert, was womöglich seinen Teil zum Verständnisproblem beitragen mag, aber wir wollen hier keine Ausreden suchen und Hintertürchen zimmern, wenn man sich einfach gefrustet scheissdumm fühlen kann, das macht an der Stelle mehr Sinn. Und man sehnt sich nach jener unbekannten, fernen Vergangenheit, als man einfach im stillen Kämmerchen an seiner Dissertation feilen durfte, ohne dass man zur Kenntnis nehmen musste, dass es da draußen auch noch eine Welt gibt. Danke Bologna-Prozess, du ScheißDrecksVerfickteAngloAmerikanischenDevotindenArschkriech-Reform.

Irgendwann hört das mit dem einfach mal ein wenig rumsitzen und scheissdumm fühlen vielleicht auch wieder auf – ich bin mir noch nicht ganz sicher, ich warte seit etwa zwei Monaten drauf. Alternativ würde ich ja sonst zu einer Karriere im Bereich „Perlentauchen in der Südsee“ raten, wird vor allem in der Literatur wärmstens empfohlen (bitte keine Fragen nach Quellen, wie bereits erwähnt bin ich derzeit rumsitzend scheissdumm und behaupte daher einfach vor mich hin) und weist wahre Aussteiger-Qualitäten auf. Immerhin durfte ich aber in all der Diss-Zeit (und hat sich wirklich noch nie jemand gefragt, ob diese Abkürzung womöglich von „Dissen“ abgeleitet wird? Weil, sonst könnte es doch auch „Tation“ heißen oder so… Ja gut, okay, ich sitze schon eine ganze Weile gefrustet rum, da wabert dann der Wahnsinn verstärkt…) lernen, dass man die Umstände zusätzlich angestrebter Bildung NIE unterschätzen und die eigenen zwischenmenschlichen, kommunikativen und durchaus auch intellektuellen Fähigkeiten NIE überschätzen sollte. Dann hat man wahrscheinlich durchwegs noch mehr Spaß und überhaupt keinen FriFraFrust…