Mind the pick-up artist oder: ich kotz gleich…

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Niemand will ein Bild sehen, dass man mit pick-up artists in Verbindung bringen kann. Niemand. Deshalb an dieser Stelle lieber ein  Plüschbär. Viel besser.

Neben den diversen Jobs und Jöbchen in der sekundären Textoptimierung sowie der allgemeinen Textgestaltung (bei ganz viel Zeit und Langeweile nachzulesen hier, hier und hier, in leider umgekehrter Reihenfolge) durfte ich vor kurzer Zeit auch ein ganz besonderes Highlight textueller Mitschuldigkeit verantworten, nämlich die Übersetzung einiger E-Books vom Englischen ins Deutsche (was ich nicht alles kann, solange es kein Niveau braucht…).
Dem Konzept des Ibuks als Möglichkeit zur beinahe schwellenlosen und in einigen „Genres“ eher überproportionalen Selbstvermarktung stehe ich eher  skeptisch gegenüber, da der Endverbraucher in dieser seltenen Ausnahme von manchen Gatekeepern (MANCHEN, wenigen, einzelnen!!!) vor fadenscheinig-fragwürdigen Ergüssen und unnötigen Fehlinvestitionen geschützt wird. Und nach genauester Lektüre und Sprachübertragung darf ich die Machwerke, die da über meine Festplatte gewandert sind, durchaus dazuzählen:  E-books „of internationally acclaimed and highly successful pick-up artists“ (also diversen Schmalzbracken mit STD-Flatrate), die ihr geheimes und höchst aufschlussreiches Wissen nach jahrelangen Testphasen ENDLICH (gegen eine in Anbetracht der Erkenntnisse verhältnismäßig geringe monetäre Zuwendung) mit der Welt teilen. Endlich!

Auf durchschnittlich 150 Seiten erschließt sich einem dann dieses „Wissen“, das im Endeffekt keine neue Erkenntnis in sich trägt, und das für teuer Geld. Weniger „über Jahre konzipierte und erprobte Vorgehensweisen, die dich, wenn du ihnen genau folgst, fast immer zum Erfolg führen (also zum Abschlussfick)“, sondern vielmehr eine knackige Mischung aus Verhaltenspsychologie, Kommunikationswissenschaft, NLP und einer Prise Spieltheorie im Abgang, die jeder drittklassige Möchtegern-Flachwichser mit perfekter Einhandmotorik und einem „How I Met your Mother“/“Two and a half men“/Porno-Halbwissen genausogut draufhat, gratis und (auch für die zeitabschnittbeteiligten weiblichen Beschlafutensilien) völlig umsonst. Zudem ist das sogenannte „Wissen“ dieser PUAs (die Szenebezeichnung für „pick-up artists“) keineswegs auf Schwanzträger beschränkt, denn da es sich um geschlechtsneutrale allgemeine Erkenntnisse verschiedener Forschungsgebiete handelt, kann man den Dreck als Frau genauso gut durchziehen, sofern man dabei vor lauter verhaltenem Lachen nicht erstickt. „Stelle dein Gegenüber in den Mittelpunkt, indem du Aufmerksamkeit und Interesse vortäuscht, schaffe eine scheinbare Verbindung durch sich langsam steigernden Körper- und steten Blickkontakt und zeige deine Stärken/Werte, ohne deine Schwächen/Menschlichkeit auszuklammern“ sind ein alter Hut und werden in Teilen sogar bei Bewerbungscoachings trainiert. Das ist so fad wie es klingt, egal in welcher Sprache.

Wenn man die sogenannten „Erfahrungsberichte“ der „Künstler“ lesen und sogar noch übersetzen darf, dann wird schnell klar, dass man es hier mit durchschnittlichen Anmachsprüchen zu tun hat, die einzig und allein eine gewisse verbale Vollständigkeit und eine gekünstelte Flexibilität in der interpersonalen Handhabung auszeichnet. Sprich: es wird in halbwegs vollständigen Sätzen gesprochen und bei vermeintlich unerwarteten Anworten (also alles, was man im weitesten Sinne als „unbeschlafbar“ interpretieren könnte) entsprechend flexibel reagiert und manchmal sogar aufgegeben, was überraschend erscheinen mag, aber durchaus Logik hat. Schließlich will niemand sein Ego riskieren, schon gar nicht in einem Schema, das nur aus Ego besteht.
Weiters findet sich auch ein reichhaltiges und teils höchst originelles Vokabular, das mit linguistischen Meisterwerken wie „Full Close“ (beschreibt die erfolgreiche Endbesteigung), „Street Sarge“ (umschreibt den Plan, Frauen auf der Straße aufzureißen, manchmal auch als „Straßenstrich“ bekannt), oder, mein persönliches Highlight, das „Target“ (also das Beschlafungszielobjekt) brillieren kann. Alles zusammen also die wunderbar professionell geschaffene Illusion einer Welt mit eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten – das Holodeck auf der Enterprise lässt grüßen.

Einige Absurditäten dieser literarischen Ergüsse ergeben sich aber gar nicht mal aufgrund der unbeschreiblich sagenhaften Kompetenz der Verfasser, sondern mehr aus den kleinen interkoninentalen Unterschieden im kulturellen und sozialen Habitus.
So ist es in ‚unseren Breiten‘ nach wie vor weitestgehend unbekannt, dass Dates gezählt werden und es dementsprechend eine besondere Leistung sein soll, das Beschlafungszielobjekt bereits nach dem ersten Treffen in die Horizontale befördern zu können (außer bei Kevins/Tschastinns/andereKindermitgreislichenNamen unter 35; da ist alles in der Horizontalen ein Ereignis). Dass der berufliche Status und das entsprechende Einkommen praktisch gleich zu Beginn aus taktischen Gründen mitgeteilt werden – jawoll, richtig geraten, Mann möchte von der ersten Sekunde an beeindrucken – kann jenseits des geografischen Zentrums von Schein statt Sein eher befremdlich wirken, vor allem, wenn man einvernehmlich ohnehin nur einmal drüberrutschen möchte. Das so mancher Teil des potentiellen Zielpublikums in dieser Rubrik zudem mit kaum mehr als dem Umstand, dass er des Lesens und Schreibens mächtig ist, punkten kann, wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. In dem Land, dass gerade wieder großartig gemacht wird, sind alle PUAs jung, attraktiv, vermögend, erfolgreich und dauergeil, und somit gilt das als Credo für den Rest der Welt. Wie sonst halt auch bei Zeugs, das aus den USA kommt.

Und wenn du es nicht draufhast, dann haste eben Pech – in diesem Fall lautet das kostenlose und realitätsnahe Fazit:

Kannste die Beute nicht ergattern,
muss  die Handmaschine rattern…

Und zum Abschluss jetzt noch diese wunderbare Definition von „pick-up artists“ im urban dictionary:

An overrated self-help movement started by frustrated 30 year old virgins turned amateur con-men that attempts to systematically change meek nerds into false-confident assholes.
„Why is that guy who usually wears videogame t-shirts and unkempt hygiene suddenly wearing douchey sunglasses indoors with a bad haircut and trying to insult every girl in here?“
„Oh him? He read a PUA book
im Original nachzulesen hier 🙂