Revisiting new insights oder: wer suchet, die findet, irgendwann mal irgendwas

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Ich bin eine Frau der Extreme … manchmal, wenn der Biorhytmus es erlaubt, die Extreme nicht zu viel interpersonalen Außenweltkontakt erfordern und die ADHS aufs „D“ scheisst und mich mal machen lässt –  dann bin ich nicht zu bremsen. Ähnlich wie ich mich beruflich und auch akademisch in ein Thema verbeißen und es zu Tode recherchieren kann, bis es für monetäre oder hochschulische professionelle Zusammenhänge vertextet und verbreitet werden kann, sticht mich auch privat immer mal wieder der vielgepriesene Hafer, wenn ich dringend Material für prokrastinierende Ablenkung suche, die ich mir zu dem Zeitpunkt meist nicht leisten kann. Während der Erledigung eines recht umfassenden Textauftrages in den letzten Monaten habe ich nun also extrem minimalisiert. Was auch richtig Spaß gemacht hat und noch machen wird, weil als (bereits erwähntes) Nachkriegsenkelkind das Potential zur Güterreduktion auf vielen Ebenen langfristig erhalten bleibt; „was aufbewahren für schlechte Zeiten“ ist nicht so leicht abzulegen, wie es ein schickes Lifestylebuch erhoffen lässt. 

Gemäß den Inhalten in dem einige Einträge zuvor erwähnten Buch bin ich zudem in die Welt der sogenannten Fair Fashion/Slow Fashion eingetaucht und durfte auch in diesem Bereich viel lernen, erkennen und erfahren. Abseits der tieferen Beschäftigung mit neuen Erkenntnisbereichen war und ist in diesem Zusammenhang gerade auch Instagrähm mit seinen bunten Bildern sehr nützlich, außerdem muss man sich am Klo ja auch irgendwie die Zeit vertreiben. Instagrähm hat mit seinen pädagogischen Ambitionen auch ganz maßgeblich die Herausbildung des Beruf(ung)sstandes der „Influencer“ gefördert (Gesundheit, danke, und nein, Influenza ist was anderes). Besagte Influencer tragen je nach Gesinnungs- und Neigungsgruppe durchaus auch slow/fair/vegan – ansehnlich, viel und häufig, unabhängig davon, auf welchem Klo man das ganze durchscrollt. Was ich auch ganz wunderbar und ästhetisch ansprechend finde, allerdings – wie ich nach längerer Beobachtung feststellen durfte – gerade mal im Ansatz den Kern meiner Sache trifft.
Wenn ich kann, rette ich gerne die Welt – an sich will und muss ich aber erst mal meine eigene ordnen, ausmisten und befreien: von Nippes aus dem letzten Jahrtausend, der nur noch aufgrund meines schlechten Gewissens bei uns im Regal staubfangen darf; von Klamotten, die seit vier Umzügen, drei Hochzeiten und zwei Todesfällen für Zeiten aufbewahrt werden, die nie kommen; von angeschlagenen Müslischüsseln, die ein Geschenk der ehemaligen besten Freundin der Cousine meiner Großmutter waren und deshalb einen GANZ BESONDEREN sentimentalen Wert haben. Darum geht’s.
Weniger darum, ob ich bereit bin, 100 Euro für einen Fummel auszugeben, den ich mir auch für 20 Euro nicht kaufen würde, weil ich zu wenig Fummelfrau bin, um dafür überhaupt (viel) Geld hinzulegen. Funktional, zeitlos, Ausverkauf – kein HipHipsterHurra. Auch schon vor meinem Erkenntniszugewinn war „fast“ bei mir oft „slow“, weil ich generell zu Sachen greife, die man länger als zwei Saisonen tragen kann und zu ignorant bin, um überall dabei zu sein (Highlights des inneren Ignoranzscheißhaufens bis jetzt: Hochwasser-Momjeans, Cut-Out-Klamotte, Würgehalsband). Was nicht heißt, dass mir die unsauberen Herstellungsbedingungen unklar und egal sind; ein „mehr“ von was anderem als bisher ist aber eben auch nicht das, was für mich persönlich in diesem ganz und gar nicht gehypten Minimalismus-Lifestyle drinsteckt.
Dank all der umfassenden Recherchen kann ich es mir in vielen Bereichen in Zukunft besser aussuchen, wie ich was konsumiere; der Held meines Herzens und ich sind immer noch schwer begeistert von den Trinkflaschen und sonstigen öko-umwelt-herstellerfreundlichen Behältnissen, die dabei helfen, zumindest ein wenig Plastikwahnsinn zu verhindern; umweltfreundlich produzierte und menschenfreundlich verarbeitete Basics sind mindestens ebenso angenehm zu tragen wie Altbekanntes und im Sale zu beinahe ebenso guten Sparefrohpreisen erhältlich. Aber das eigentliche Umdenken findet bei mir in der Masse und tatsächlich nicht unbedingt immer in der Klasse statt. Für mich stellt sich bei allen potentiellen Neuerwerbungen – ob Klamotte, Hausrat oder sonstiger Klimbim – zuerst mal die Frage, ob ich etwas in der Art auch sicher noch nicht habe, ob ich es längerfristig nutzen kann, ob ich es sonst sinnvoll ändern, umfunktionieren oder weitergeben kann und ob mich nicht nur ein eventuell niedriger Preis verleitet. Es dauert dann schon mal zwischen zehn Minuten und drei Tagen, bis ich da mit mir selbst ins Reine gekommen bin. Bis dahin ist dann das Teil entweder weg, der Preis nicht mehr so gut oder ich nicht mehr interessiert. Nicht egal, aber durchaus unabhängig davon, wo es wie herkommt und was die Instagrähmer_innen dazu sagen.

Weil: es gibt viele Möglichkeiten, Zeit und Lebensenergie zu verschwenden – und ich kenne fast alle. Fast.

First steps oder: nichts neues, aber neuerlich nennenswert?

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Yoghurtglas und Teebecher begleiten mich schon recht lange, die Trinkflasche ist neu – in kleinen (leistbaren) Schritten wird neues und altes Wissen umgesetzt…

Hier geht es gerade in eine neue Richtung, die bekannte Inhalte ergänzt; das passiert nicht zuletzt, weil mein unerträgliches Mitteilungsbedürfnis ja irgendwo angebracht werden muss. Außerdem kann man grundsätzlich vieles mit Humor nehmen, wenn man mag, vor allem auch sich selbst auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen und Einblicken. Und nachdem ich ja eigentlich gerade einen größeren Auftrag als Schreiberlingin zu bearbeiten HÄTTE, Einzelhandel und korrigierende Nebentätigkeit ebenso aus ihren Ecken brüllen und dann noch zwei Konferenz-Proposals be(er?!)arbeitet werden wollen/sollten, bleibt einem doch gar keine andere Möglichkeit, als mal eben schnell neue Leidenschaften für wichtige Dinge zu entwickeln, die dann unglaublich dringend schriftlich festgehalten werden müssen. Weniger ist mehr, lautet schließlich die neue Devise, also soll man sich nicht von zu vielem stressen lassen…

Jede/r von uns kennt das, wenn altbekannte Dinge plötzlich Thema werden oder man, besser gesagt, erkennen darf, dass jene Dinge, die für einen selbst selbstverständlich sind, jemand anderem eher fremd sind. Das soll hier jetzt weder in die kulturrelativistische Who-gives-a-fuck-Richtung noch in die Großmuddi-hat-immer-gesagt-Ecke abdriften, jeder lebt nach anderen Werten und Vorstellungen und das muss auch dann Platz haben, wenn es meiner eigenen Position widerspricht, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Aber eben weil wir alle unterschiedliche Dinge wissen, kennen und beachten, scheint uns unterschiedliches erwähnenswert oder nicht.

Unabhängig von neuen Zugängen zur minimalistisch-nachhaltigen Lebensweise war mir schon recht lange klar, dass Plastik plöd ist, salopp umschrieben. Schon meine Mutter, ihres Zeichens (und laut der ewig-wiederkehrenden Legendenbildung meiner Großmuddi) ein „zart besaitetes Siebenmonatskind“, hat lieber drei Liter Milch oder Mineralwasser in der Glasflasche durch die Gegend geschleppt, als die gleiche Menge im Tetrapack bzw. in Plastikflaschen zu erwerben. Irgendwann gab es die Möglichkeit im herkömmlichen Lebensmittelhandel zwar nicht bzw. kaum mehr, aber bis es soweit war, hat Muddi fleißig mit Milch- und Sodaflaschen trainiert. Großmuddi hingegen hält die Erfindung von Plastik nach wie vor für ein Geschenk des Himmels (da sie nicht gläubig ist, beißt sich hier die argumentative Logikkatze ziemlich in den Schwanz, aber was soll’s), deshalb gab’s die Jausenboxen und Trinkflaschen immer aus Plastik, aber immerhin nicht Einweg. Tupperware & Co. für alle nur erdenklichen Gelegenheiten, mit meiner Großmuddi als wandelndem Inbegriff von erfolgreich gelebtem Direktvertrieb; einzig die Bananenboxen hat sie nie erworben, weil sie der Meinung war, dass Bananen in ihrer individuellen Endproduktkrümmung zu wenig durchschnittliche Einheitlichkeit aufweisen, als dass sich der Erwerb eines eigenartig geformten Tupperteils langfristig rechnen würde. Der Umstand, dass eine Banane an sich ja schon „verpackt“ beim Verbraucher ankommt und daher nicht unbedingt noch ein Plastikmäntelchen benötigt, war bei der Entscheidungsfindung bezüglich der standhaften Kaufverweigerung übrigens kein Argument.

Es war mir also irgendwie „immer schon“ klar, dass man Getränkeflaschen und Jausenboxen mit Mehrwert verwendet, anstatt das Brötchen zu folieren und sich ständig Einwegflaschen zu kaufen. Einzig das mit dem Mehrwertplastik hatte ich so nicht am Schirm. Und so ich stehe nun vor einer richtig fetten Schublade voll Tupperware und den entsprechenden Fakes (manchmal stand Großmuddi der Sinn nach einem preisgünstigeren Abenteuer aus der No-Name-Ecke), die sich aufgrund ihrer schier beeindruckenden Zahl innerhalb von nur einer Generation auf die gesamte Familie und von dort aus weiter auf diverse ExpartnerInnen, liebevoll ausgewählte Ex-WGs, unzählige – bei Parties/Treffen/Grillfeiern – zwangsbeglückte FreundInnen sowie ein paar Nachbarn verteilt und vererbt haben, Großmuddi sei Dank. Die kann ich natürlich nicht alle weggeben, und wegwerfen ohnehin nicht, was aber auch nicht nötig ist, weil das Zeug mich und die kommenden zehn Generationen mal locker taufrisch übersteht. Außerdem gilt für mich als Enkelkind aus dem Tupperwarezoo immer noch, dass es immerhin Mehrwert ist, wenn auch mit viel mehr, als einem eigentlich lieb sein mag…
Aber mein Yoghurt kommt trotzdem lieber ins Glas, ist seit Jahren dank Bügelverschluss die einzige (zumindest von mir erprobte) Weise, wie es auch IM Behältnis bleibt und nicht liebevoll Bekanntschaft mit dem Inhalt meiner Tasche schließt. Und meine erste Flasche aus Edelstahl habe ich vor kurzem auch endlich erstanden, weil irgendwann mal Schluss mit vermeintlich mehrwertigem Kunststoff sein soll und ich für Glasflaschen leider viel zu ungeschickt bin (meine Mutter hat mir vor Jahren eine wunderschöne und sehr praktische Flasche von Soulbottles geschenkt, die natürlich fast sofort üble Kollateralschäden beim Versuch des erfolgreichen Wassertransports ungeachtet der Gefahren alltäglicher Gravitationsauswirkungen auf meine Motorik davongetragen hat, leider…sie steht aber immer noch in meiner Küche, den Sprung am Flaschenhals habe ich mit Tesa abgeklebt und wenn ich einen guten Tag habe und optimistisch bin, dass ich heute meine Extremitäten und die allgemeine Köperkoordination im Griff habe, dann verwende ich sie zuhause). 

Dss mit der Edelstahlflasche erzähle ich Großmuddi aber nicht, die hält Trinkflaschen und Jausendosen aus Nicht-Plastik wieder für so ’nen neumodischen Dreck…

I’m a little late to the party ODER: Besser spät als nie…

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Ich bin dank einer ausgelebten Kindheit bei meinen Großeltern ja ein ambitioniertes Nachkriegsenkelkind: geprägt von der großelterlichen Ansicht, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte und es deshalb aufgehoben wird, gepaart mit der Grundhaltung sozialisitischer Arbeiterfamilien, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte, und es deshalb aufgehoben wird, weil man ja nie weiß, ob mal richtig schlechte Zeiten kommen, kann man nur dankbar sein, dass meine Familie damals nur alle paar Jahrzehnte übersiedelt ist. Es hätte uns viele Freundschaften und zahlreiche Bandscheiben gekostet, die Tonnen an „Lass es uns mal lieber aufbewahren, man weiß ja nie“-Krempel durch die Weltgeschichte zu transportieren. Das mache Jahrzehnte später lieber ich als Erwachsene beim gefühlten 20. Umzug fünf Jahren. Plunder von einem Keller direkt in den nächsten verfrachten – schreien könnte ich vor lauter Idiotie, und hab ich auch schon oft genug …

An sich war ich immer schon ein reduzierter Mensch: ich kann Dekoplunder nicht wirklich ausstehen, weil man Platz besser nutzen kann, als unnützes Zeugs draufzustellen (eine durchaus stilsichere Mutter und Jahre in WGs und Kleinwohnungen haben mich abseits des großerlterlichen Einflusses gut geschult). Zudem fand ich „schon immer“, dass zu viel – egal von was – eigentlich wenig Sinn macht, weil man ohnehin immer nur eine begrenzte Zahl an Sachen benutzen mag und kann. Nur der Sicherheitsgedanke von anno Schnee, eingangs liebevoll umschrieben, saß mir lange im Genick: „wenn du das jetzt weggibst/wegwirfst/rituell verbrennst/dematerialisiert, dann fehlt es dir womöglich irgendwann später mal, wenn es dir schlechter geht und du es dringend brauchen würdest…“. Also: aufbehalten, wegpacken, mitschleifen, genervt von der eigenen Angst vorm Leben sein.

Und dann kam Lina Jachmann, zum Glück. Ich bin ein paarmal um ihr Einfach leben rumgeschlichen, weil ich Bücher meist gebraucht kaufe (ist günstiger und hat Mehrwert, sozusagen), und hab’s dann doch eingepackt … zum Glück. In einem Stück durchgelesen, hatte ich den Kopf sofort voller Ideen bezüglich materieller Erleichterung und geistiger Weiterbildung, auch wenn letzteres dem Grundsatz eines ambitioniert gelebten Minimalismus wohl erstmal ordentlich widerspricht (Stichwort: Lesen bildet, ich brauche noch mehr Bücher zum Thema Minimalismus, Slow-Fashion, Nachhaltigkeit, Ausmisten … wobei: Bücher gehen immer, zumindest bei mir!). Außerdem habe ich dann auch gleich mal den Inhalt meines Kleiderschranks ordentlich reduziert, weil, himmelarschnochmal, wie viele einfache weiße T-Shirts kann eine Frau besitzen, die nicht (mehr) als Kellnerin und noch nie und wohl auch niemals als Pflegekraft (ge)arbeitet (hat)? Wenn sich meine Lebenslage jemals so verschlechtert, dass mein blankes Überleben nur von der Anzahl an ’sicherheitshalber mal‘ aufbewahrten weißen T-Shirts abhängt, würde ich trotzdem noch 100 werden, locker. Tabula rasa war in dem Fall auch nur auf Ausmisten beschränkt, denn dass in diesem Schrank bis jetzt mit ganz wenigen Ausnahmen praktisch ausschließlich (schick und geschmackvoll umschrieben) „Fast Fashion“ oder auch (direkt und deutlich umschrieben) „menschen- und umweltverachtender Kackdreck“ rumfliegt, war mir schon klar. Die Menge an weißen T-Shirts hätte ich mir sonst gar nicht leisten können, zu keinem Zeitpunkt in diesem Leben und auch nicht über die Jahre verteilt …

Ich hab immer noch zu viel Klamotte. Auch immer noch zu viele weiße Shirts, aber das wird schon noch. Das innere Nachkriegsenkelkind lässt eben nicht so leicht locker, da geht es dann eben auch mal in kleinen Schritten voran. Aber ansonsten fliegt der Plunder hier raus, dass es nur so rauscht. Der Held meines Herzens, an sich mit Ausnahme seiner Bücherregale ein tatsächlicher Minimalist erster Güte, gibt sich beeindruckt und scheint auch ein kleinwenig begeistert ob der stetig zunehmenden Luftigkeit unserer geteilten Traumwohnstätte. Ob seine Begeisterung und Unterstützung sich auch noch halten, wenn ich das erste Mal Waschmittel selbstgemacht habe und und die Wäsche samt Waschmaschine und Wohnung nach zu heiß gewaschenem Kastanienmatsch riechen, wird sich zeigen. Wie sagt er immer: „Leben am Limit“ … Genau!

Man lernt immer dazu, und ich ganz besonders – weil es genug zum Lernen gibt, even if I’m a little late to the party. Es bleibt spannend. 

Mind the pick-up artist oder: ich kotz gleich…

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Niemand will ein Bild sehen, dass man mit pick-up artists in Verbindung bringen kann. Niemand. Deshalb an dieser Stelle lieber ein  Plüschbär. Viel besser.

Neben den diversen Jobs und Jöbchen in der sekundären Textoptimierung sowie der allgemeinen Textgestaltung (bei ganz viel Zeit und Langeweile nachzulesen hier, hier und hier, in leider umgekehrter Reihenfolge) durfte ich vor kurzer Zeit auch ein ganz besonderes Highlight textueller Mitschuldigkeit verantworten, nämlich die Übersetzung einiger E-Books vom Englischen ins Deutsche (was ich nicht alles kann, solange es kein Niveau braucht…).
Dem Konzept des Ibuks als Möglichkeit zur beinahe schwellenlosen und in einigen „Genres“ eher überproportionalen Selbstvermarktung stehe ich eher  skeptisch gegenüber, da der Endverbraucher in dieser seltenen Ausnahme von manchen Gatekeepern (MANCHEN, wenigen, einzelnen!!!) vor fadenscheinig-fragwürdigen Ergüssen und unnötigen Fehlinvestitionen geschützt wird. Und nach genauester Lektüre und Sprachübertragung darf ich die Machwerke, die da über meine Festplatte gewandert sind, durchaus dazuzählen:  E-books „of internationally acclaimed and highly successful pick-up artists“ (also diversen Schmalzbracken mit STD-Flatrate), die ihr geheimes und höchst aufschlussreiches Wissen nach jahrelangen Testphasen ENDLICH (gegen eine in Anbetracht der Erkenntnisse verhältnismäßig geringe monetäre Zuwendung) mit der Welt teilen. Endlich!

Auf durchschnittlich 150 Seiten erschließt sich einem dann dieses „Wissen“, das im Endeffekt keine neue Erkenntnis in sich trägt, und das für teuer Geld. Weniger „über Jahre konzipierte und erprobte Vorgehensweisen, die dich, wenn du ihnen genau folgst, fast immer zum Erfolg führen (also zum Abschlussfick)“, sondern vielmehr eine knackige Mischung aus Verhaltenspsychologie, Kommunikationswissenschaft, NLP und einer Prise Spieltheorie im Abgang, die jeder drittklassige Möchtegern-Flachwichser mit perfekter Einhandmotorik und einem „How I Met your Mother“/“Two and a half men“/Porno-Halbwissen genausogut draufhat, gratis und (auch für die zeitabschnittbeteiligten weiblichen Beschlafutensilien) völlig umsonst. Zudem ist das sogenannte „Wissen“ dieser PUAs (die Szenebezeichnung für „pick-up artists“) keineswegs auf Schwanzträger beschränkt, denn da es sich um geschlechtsneutrale allgemeine Erkenntnisse verschiedener Forschungsgebiete handelt, kann man den Dreck als Frau genauso gut durchziehen, sofern man dabei vor lauter verhaltenem Lachen nicht erstickt. „Stelle dein Gegenüber in den Mittelpunkt, indem du Aufmerksamkeit und Interesse vortäuscht, schaffe eine scheinbare Verbindung durch sich langsam steigernden Körper- und steten Blickkontakt und zeige deine Stärken/Werte, ohne deine Schwächen/Menschlichkeit auszuklammern“ sind ein alter Hut und werden in Teilen sogar bei Bewerbungscoachings trainiert. Das ist so fad wie es klingt, egal in welcher Sprache.

Wenn man die sogenannten „Erfahrungsberichte“ der „Künstler“ lesen und sogar noch übersetzen darf, dann wird schnell klar, dass man es hier mit durchschnittlichen Anmachsprüchen zu tun hat, die einzig und allein eine gewisse verbale Vollständigkeit und eine gekünstelte Flexibilität in der interpersonalen Handhabung auszeichnet. Sprich: es wird in halbwegs vollständigen Sätzen gesprochen und bei vermeintlich unerwarteten Anworten (also alles, was man im weitesten Sinne als „unbeschlafbar“ interpretieren könnte) entsprechend flexibel reagiert und manchmal sogar aufgegeben, was überraschend erscheinen mag, aber durchaus Logik hat. Schließlich will niemand sein Ego riskieren, schon gar nicht in einem Schema, das nur aus Ego besteht.
Weiters findet sich auch ein reichhaltiges und teils höchst originelles Vokabular, das mit linguistischen Meisterwerken wie „Full Close“ (beschreibt die erfolgreiche Endbesteigung), „Street Sarge“ (umschreibt den Plan, Frauen auf der Straße aufzureißen, manchmal auch als „Straßenstrich“ bekannt), oder, mein persönliches Highlight, das „Target“ (also das Beschlafungszielobjekt) brillieren kann. Alles zusammen also die wunderbar professionell geschaffene Illusion einer Welt mit eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten – das Holodeck auf der Enterprise lässt grüßen.

Einige Absurditäten dieser literarischen Ergüsse ergeben sich aber gar nicht mal aufgrund der unbeschreiblich sagenhaften Kompetenz der Verfasser, sondern mehr aus den kleinen interkoninentalen Unterschieden im kulturellen und sozialen Habitus.
So ist es in ‚unseren Breiten‘ nach wie vor weitestgehend unbekannt, dass Dates gezählt werden und es dementsprechend eine besondere Leistung sein soll, das Beschlafungszielobjekt bereits nach dem ersten Treffen in die Horizontale befördern zu können (außer bei Kevins/Tschastinns/andereKindermitgreislichenNamen unter 35; da ist alles in der Horizontalen ein Ereignis). Dass der berufliche Status und das entsprechende Einkommen praktisch gleich zu Beginn aus taktischen Gründen mitgeteilt werden – jawoll, richtig geraten, Mann möchte von der ersten Sekunde an beeindrucken – kann jenseits des geografischen Zentrums von Schein statt Sein eher befremdlich wirken, vor allem, wenn man einvernehmlich ohnehin nur einmal drüberrutschen möchte. Das so mancher Teil des potentiellen Zielpublikums in dieser Rubrik zudem mit kaum mehr als dem Umstand, dass er des Lesens und Schreibens mächtig ist, punkten kann, wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. In dem Land, dass gerade wieder großartig gemacht wird, sind alle PUAs jung, attraktiv, vermögend, erfolgreich und dauergeil, und somit gilt das als Credo für den Rest der Welt. Wie sonst halt auch bei Zeugs, das aus den USA kommt.

Und wenn du es nicht draufhast, dann haste eben Pech – in diesem Fall lautet das kostenlose und realitätsnahe Fazit:

Kannste die Beute nicht ergattern,
muss  die Handmaschine rattern…

Und zum Abschluss jetzt noch diese wunderbare Definition von „pick-up artists“ im urban dictionary:

An overrated self-help movement started by frustrated 30 year old virgins turned amateur con-men that attempts to systematically change meek nerds into false-confident assholes.
„Why is that guy who usually wears videogame t-shirts and unkempt hygiene suddenly wearing douchey sunglasses indoors with a bad haircut and trying to insult every girl in here?“
„Oh him? He read a PUA book
im Original nachzulesen hier 🙂

Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

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Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.    

 

 

Just s(h)itting here oder: neulich beim Vorstellungsgespräch

Auf die Technik der modernen Zeiten werden Loblieder gesungen und Engelschöre der Kreativität trompeten den Abzockern, ähm, pardon, Verantwortlichen bei Äppel, Gugel, Meikrosoft und Konsorten kreative Möglichkeiten der humanitären Alltagsverblödung, ähm, schon wieder pardon, Alltagserleichterung in den Arsch, dass die Kontostände eben jener jubilieren mögen; Fortschritt um jeden Preis ist das Motto, every single fucking second. Auch am früher so schön stillen Örtchen.

Nun sei festgestellt, dass ich grundsätzlich ein sehr zurückgezogener Mensch bin; ich mag zwar einen Hang zur ordinären Wortwahl zeigen (oder, wie meine Omma immer sagt: „Also sowas!!“) und daher ein wenig „laut“ erscheinen, aber ich bin wahrlich nicht die erste an oder auf der Rampe, und auch nicht die 15te. Eher die 150igste. Und eben weil ich so gerne unsichtbar bin, bin ich auch dezent in der Erledigung elementarer Körperfunktionen… Soll heißen: wenn ich einen ziehen lasse, kann schon mal der/dem ein oder anderen flau werden, es können Fliegen sterben und meine Mieze sich unter dem Bett verstecken, aber eines geschieht sicher nicht – dass irgendwer was hört. Nö.

Es gibt Situationen im Leben, da sollte man nicht unsichtbar sein, weil es schlicht schlecht fürs Geschäft ist. Dazu zählen etwa Vorstellungsgespräche, auch jene, von denen man schon im Vorhinein weiß, dass es eine Nullnummer wird. Weil ich bei günstiger Sternenkonstellation, harmonischem Biorhythmus und ausreichend Baldrian im Kaffee auch gerne mal guten Willen zeige, schlage ich dann schon mal bei potentiellen Leerläufern auf, egal wie bescheiden die Ausgangslage scheint. Nachdem ich aufgrund geographischer Missinterpretationen der Firmenschilder fünf Minuten zu spät komme, mache ich schon mal Eindruck bei der hauseigenen Keramik, bei der ich höflich anklopfe, um im Anschluss die Türe zu öffnen, meinen Lebenslauf vorzustrecken und meine üblichen Floskeln auszupacken; Klobesen und Waschbecken zeigen sich wenig beeindruckt, gesegnet seien all jene, die sinnerfassend ein Türschild lesen können. Zwei Türen weiter findet sich die Aufschrift „Empfang“, wo mein Auftritt zwar ebenso wenig zu beeindrucken scheint, dafür jedoch mehr Resonanz hervorruft. Ich werde nach kurzer Wartezeit zur Tür neben der Toilette geschickt, unbeschriftet – dahinter versteckt sich die „Kreativchefin“. Mehr Chefin als kreativ erklärt man sich gegenseitig, was man wollen sollte und nicht will, spricht sich viel Glück aus, schüttelt sich die Hände und weiß, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Das kurzzeitige Verlassen meiner Unsichtbarkeit geht oft mit einem dringenden Drang zum Toilettenbesuch einher, Stresspinkeln at its best. Glücklicherweise habe ich ja bereits herausgefunden, dass sich die Schüssel direkt neben der Chefität befindet. Einmal noch kurz strullern, dann raus und rum und heim. Schon wieder weg, schon wieder unsichtbar. Es wäre so schön gewesen. Wäre. Doch vor einigen Jahren haben findige Ingenieure mit überempfindlichen Nasen WC-Entlüfter ersonnen, die sich nach einem bestimmen Zeitraum – meist etwa drei Sekunden – automatisch einschalten, um den potentiellen Exitus durch akute Darmentleerungsnebenerscheinungen zu verhindern. Nix mehr mit Selbstbestimmung, kein eigener Schalter mehr für den eventuell gewünschten Raumluftaustausch. Dies wiederum weckt bei zurückhaltenden Menschen (MIR!!!!) den Verfolgungswahn alle Welt sei der Meinung, ich scheisse hier mal eben gepflegt ab, komme was wolle, zu Gast bei anderen Leuten kackt es sich umso gemütlicher. Je älter das Entlüftermodell, desto mehr Dezibel im Abgang, sehr entspannend am stillen Örtchen also.

Langer Rede bescheidener Sinn: unsichtbar bleiben wird immer schwieriger in einer Welt, in der man nicht mal mehr Rock, Strümpfe und Schlübber pflichtgemäß handhaben darf, bevor eine Boeing 747 im Hintergrund das individuelle Entleerungsverhalten untermalt. Ohne ausreichende Kenntnisse im Expressstrullern für Angewandte Urinierungskunde werde ich wohl weiterhin mit dem trivialen Drama meiner fehlgeschlagenen Stealthqualitäten im Pinkelbereich leben müssen. Weil es das stille Örtchen nicht mehr gibt und man gar nicht laut genug verkünden kann, dass gerade wieder jemand länger als fünf Sekunden auf der Keramik thront.

We are delighted to invite you, ODER: auf, auf zu den grauen Frauen

Wer hier ab und an reinliest möge geflissentlich verdrängt haben, dass ich neben trivialer Lebensführung tatsächlich auch ein Doktoratsstudium betreibe (sozusagen), und das ist völlig verständlich; nichtsdestotrotz bin ich in meinen akademischen Bestrebungen mittlerweile an einem Punkt, der mich dazu ermutigt, mit meinem Zeugs auch mal vor die Türe zu gehen, sprich: Proposals raus für Konferenzen und Journals (oder ähnliches…). Zum Glück ist der Punkt, an dem ich bin, singular, und so steht es auch mit den Proposals (eines hab ich sowas von gepflegt verpennt, und man kann sich natürlich auch nicht zu allem melden, also dauert’s manchmal); das eine meine hab ich dafür mit Schmackes und last minute 1 Stunde vor Annahmeschluss in rudimentärstem Englisch rausgeschickt. Entgegen aller Erwartungen hat sich dieser eine singuläre Versuch als absoluter Treffer erwiesen was heißt, dass ich im anstehenden Wonnemonat nach London reisen darf, um völlig fremde Menschen ins Wachkoma zu labern.

Nun hat die selbsterklärte Bildungselite des universitären Elfenbeinturms im Durchschnitt schon mal den ein oder anderen TED-Talk gesehen, wenn auch nur, um mitreden zu können; so ein TED-Talk ist nicht nur interessant und durchaus unterhaltsam, sondern weckt auch gewisse Erwartungen an das eigene Potential, das angesichts dieser Erwartungen jedoch nur müde lächelt und schon mal ein bisschen Lampenfieber vorglüht. Schließlich ist nicht jeder Vortrag gleich ein TED-Talk, auch wenn alles auf Englisch stattfindet. Und die freie Rede (im wörtlichen Sinne) wird gerade in der akademischen Vorhölle der gekränkten Eitelkeiten nicht immer gerne gesehen, auch wenn jeder aus eigner Erfahrung weiß, dass es nichts langweiligeres gibt als gehobene Gelehrte, die den Begriff „Vorlesung“ zu wörtlich verstehen. Gespräche mit KollegInnen sowie umfassende Recherchen haben mich erkennen lassen, dass auch mein Fachbereich einen „Talk“, zu dem ich geladen bin, nicht wörtlich versteht und das gelesene Wort bevorzugt wird. Kein Problem, schließlich ist dann die Gefahr geringer, dass ich mit 200km/h durch den Text brenne und mein DIY-American/Aussie-Slang jegliche Verständigungsbasis von vornherein ausschließt, egal wie professionell ich mit den Stichwortkarten wedle. Soweit sinn wa also mal vorbereitet.

Hätte der Held meines Herzens nicht mutig die Initiaive ergriffen und Teile der Reiseplanung übernommen – romantisch wie wir sind nutzen wir die Gunst der Stunde meiner öffentlichen Blamage für einen Städtetrip – wäre ich wahrscheinlich alleine Last Minute mit dem Zug nach London getingelt…Rucksack packen, Pass checken, färtisch. Oder Autostopp. Oder Fernbus. Irgendwas geht immer, im schlimmsten Fal man selbst. Dass ich also ein Dach über dem Kopf habe und nicht völlig abgeratzt nach 72-Stunden-Anreise im Hort der hehren Bildungsseligkeit aufschlage, haben all jene, die mich visuell und olfaktorisch wahrnehmen können, alleine ihm zu verdanken.

Lebensenergie, die ich bei der Planung einsparen durfte, hab ich dann in eine Fragestunde bei Tante Google investiert, Stichwort „LOL my conference” (oder so ähnlich). Prächtig, was andere sich so einfallen lassen, und beängstigend, was andere so machen müssen, wenn die Karriere danach verlangt. „Kaufen Sie sich einen grauen Hosenanzug, damit sind Sie immer gut angezogen.“ – abgesehen vom inhärenten Sexismus dieser Ansage für weibliche Konferenzler_Innen (Warum sollten Klamotten hier oberste Priorität haben? Wtf, wo bleiben all die gendergemainstreamten Fernweltgelehrt_Inn_en, wenn sie tatsächlich mal praktisch was machen könnten?) fürchte ich mich nun vor dem Heer der grauen (Fach)Frauen; „Wenn Sie neue Leute kennenlernen, tauschen Sie Visitenkarten aus.“ – Hä? Ausgerechnet der ach so durchtechnologisierte und digitalisierungsaffine (anglo)AMERIKANISCHE Raum empfiehlt den Griff zum analogen Urzeitneddwörkingtuhl?; “Notieren Sie Fragen in der Diskussionsrunde, damit Sie diese nicht vergessen. Zudem sehen Sie so interessiert aus.” – HA!!! Jawohl, einmal eine richtige und wichtige Erläuterung. Das werde ich mir merken.

Fairnesshalber sei gesagt, dass ich mir ausschließlich englischsprachige Quellen angesehen habe, da meine Arbeit ja vor allem für den englischsprachigen Raum interessant scheint; mein besonderes Mitleid gilt daher den Retortengelehrten in den USA, wo (Tante Googel nach) besonders viele graue Frauen mit Visitenkarten, Notizblock und den ewiggleichen ‘presentation skills’ ihr Dasein fristen. Da kann man sich im Rest der akademischen Westwelt ja glücklich schätzen, dass Hosenanzüge (zumindest scheinbar) nur Randthema sind.

Ansonsten bin ich mal neugierig, wie alles abläuft. Aber das kann ich ein anderes Mal erläutern. Gerade bin ich nämlich ziemlich unter Zeitdruck, schließlich muss ich bald beruflich nach London….

[Damit ich das in diesem Leben auch mal sagen durfte…]