Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

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Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.    

 

 

Bitch please, oder: das ist nicht Kunst, das kann weg

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Direkt aus der Jobhölle des Teilzeitgrauens für Menschen, die „was mit Büchern und Sprache“ studieren oder studiert haben, finden sich immer mal wieder diverse Jöbchen im Bereich der verbessernden tertiären Textgestaltung, sprich: Korrekturlesen. Der Laie denkt sich: wunderbar, leicht verdientes (Schwarz)Geld. Der semiprofessionelle Kollege weiß: kann so sein, muss nicht, ist selten so. Abseits wissenschaftlicher Arbeiten von legasthenischen ADHSlern und anderen gibt es auch diverse Medien, die ihre hart erwirtschafteten Werbemittel in die gehobene Überprüfung von Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung stecken, um sich vor der geneigten Leserschaft nicht völlig zu blamieren. Das dabei nicht immer die besten der Zunft zum Zuge kommen, zeigen Schlagzeilen wie „Aller guten Dinge sind drei – Drilllinge im Königshaus“ oder „Hier ist man gut zu vögeln“.

Ich zähle mich nicht mal im Traum zu den Besten der Zunft, schon alleine, weil ich immer mal wieder denglisch vor mich hin grammatisiere, wenn ich „in THE flow“ bin und auch weil ich schlicht (zeitlich und umfangmäßig) mehr Erfahrung in der Produktion teils fragwürdiger textlicher Ergüsse mitbringe; auch den Texten auf dieser Seite merkt man die teils mangelnde Zunftfähigkeit durchaus an. Aber wenn man mich will, dann kann man mich schon haben, um beim textuellen Feinschliff Hand anzulegen – hochkonzentriert und mit Spickzettel. Im Nachhinein stellt sich dann nur immer eher die Frage, ob ICH das wirklich gewollt haben würde, wenn ich gewusst hätte, was da kommt…

Ein vor kurzem absolvierter Auftrag in diese Richtung hat wieder einmal deutlich gemacht, dass „die Geschmäcker sind verschieden“ verlogener Bullshit  und „künstlerische Freiheit“ keine Entschuldigung für handwerkliche Unfähigkeit ist. Es ist beim Korrekturlesen an sich scharf zu trennen zwischen wissenschaftlichen Texten, deren sprachlicher Glanz auch gerne völlig unscheinbar sein darf, solange kohärent und stimmig geschrieben wird, und Medien/Werbe-„Texten“, die von einer charmanten Kombination an sprachlicher Kompetenz und ausreichendem Informationsgehalt leben. Verschiedene Geschmäcker und künstlerische Freiheit können sich also nach Herzenslust in der Literatur oder sonstiger Kunst austoben und der gehobene strukturelle Textfaschismus bleibt der Wissenschaft vorbehalten. Wenn ich aber eine zehnseitige Werbebeilage korrigiere, bei der sich mir nicht mal im Ansatz erschließt, what the fuck da jetzt eigentlich beschrieben wird, dann werde ich richtig, richtig pissig. Nicht aufgrund einer Korrektur, die im Grunde keine ist – denn als Korrektur bliebe eigentlich nur die rituelle Verbrennung des Texts samt seines Autors. Nö, ich werde pissig weil da jemandem für richtigen Scheissdreck richtig gutes Geld hinterhergeworfen wird, während unzählige gute und kompetente KollegInnen am Rande des Prekariats wandeln und womöglich auch noch genau hinter diesen wandelnden „künstlerischen Freiheiten“ herräumen müssen, als Korrekturleser, Lektoren, Drucker, Kellner, Putzhilfen oder sonstiges. Und hier zähle ich mich dann doch auch dazu, was aber kein Kompliment ist, denn das hätten viele besser gemacht. Sogar Analphabeten.

Nun mag man sich fragen: was soll diese ganze selbstgerechte Scheisse eigentlich, was will die nette, höfliche Dame eigentlich genau sagen? Und das darf ich dann natürlich nicht wirklich direkt beantworten, weil ich den Job ja noch weiter machen will. Ich darf sagen, dass ich es bei Korrekturaufträgen immer spannend finde, wenn sich mir durch den Text die „Aufgabenstellung“ bzw. Forschungsfrage erschließt, denn dann läuft es schon mal grundlegend in eine gute Richtung. Wenn das nicht passiert, dann hakt es gewaltig. Wenn das nicht passiert UND der Text nicht mal eine grundlegende Kohärenz und Sinnhaftigkeit mitbringt, dann wird es „schwierig“. Vor allem, wenn es keine Kunst sein soll, sondern durchaus allgemein verträglich. Wenn man also eine popkulturelle Theaterperformance mit antikem Background ans potentielle Publikum bringen möchte, sollte man dabei nicht klingen wie Modern Talking beim Gastauftritt in der chinesischen Oper. Die Kunst kommt in dem Fall nach dem Text, nicht im.

Und in diesem speziellen Fall kommt sie wahrscheinlich überhaupt nie, aber das ist auch schon egal. Isses eben Wunst.

[to be continued…]

Das Motivationsschreiben oder: Are you fucking kiddin’ me?

Bei den diversen freien, eigenverantwortlichen, geringfügigen oder sonstigen kreativen Beschäftigungs(förderungs)verhältnissen am Rande des Karrierespektrums ist es ja oft so, dass einem die allzu klassischen Abläufe der Jobsuche erspart bleiben (bei Leuten wie mir, die „Teamfähigkeit“ für eine Beleidigung ihrer selbstständigen Denkweise und “Networking” für was Unzüchtiges mit Massageöl und Fischernetzen halten, hat das definitv Vorteile). Vorstellungsgespräche haben meist nur eine (Knockout-)Runde und in der Regel ist es ausreichend, wenn man eine höfliche Standardmail mit Lebenslauf im Anhang sendet, um mal sein potentielles Plätzchen im Auswahlverfahren zu markieren, ohne weitere übertriebene Extraleistungen.

Selten gefragt ist dabei das titelgebende Motivationsschreiben, eine sinnlose Strafaufgabe direkt aus der Yuppie-BWL-Hölle der USA, die natürlich auch in unserem Raum übernommen werden musste, weil der asoziale 08/15-Gleichschaltungs-Ami-Scheissdreck ja immer besonders zieht, Stichwort Kulturimperialismus u.ä.. Universales Motto dieser Übung allerorts schien mir schon immer ein herzhaftes “Jetzt lasst uns mal ’ne nette kleine Einstiegshürde basteln, damit uns nicht jeder einarmige Vollpfosten mit Grundschulwortschatz anschreibt“ zu sein. Dann doch schon mal lieber eine Stunde des Lebens der potentiellen Einkommensanwärter damit verschwenden, dass ein ewiggleicher, unpersönlich-schleimiger BlaBla-Sermon Marke Googlevorlage-Copy&Paste produziert wird, den sich erst recht keiner durchliest, weil ja ohnehin immer der gleiche Scheissdreck drinsteht.

Was soll man denn auch bitteschön in so einem “Motivationsschreiben” schon großartig Erhellendes verewigen?

  • “Leute, ich bin ein egozentrisches Arschloch mit Stegaslenie und einem leichten Hang zur Cholerik, aber der Stundenlohn, den ihr da genannt habt, der könnte glatt dafür sorgen, dass ich meine eigenen Probleme für etwa 30 Minuten täglich großzügig links liegen lasse, um bei euch ein bisschen den produktiven Teamheini zu machen; weil, Teamfähig bin ich wie Sau, da machen ja andere meine Arbeit”
  • “Ich bin so blöd und oberflächlich, wie ich auf meinem Bewerbungsfoto aussehe, aber mein Kaffee ist spitze und ich kann auch super tippen, echt jetzt, solange mir halt nicht die Krawatte auf der Tastatur im Weg ist”
  • “Ganz ehrlich: ich brauch ’nen Job, ihr habt ’ne Stelle frei die innerhalb des Spektrums meiner besonderen Fähigkeiten und Ausbildungen liegt. Ich mache meinen Job und ihr zahlt mich dafür – Deal?”.

Natürlich hat der ganze Scheissdreck nicht nur System, sondern auch Sinn, das ist mir schon klar (Doktorat sei Dank durfte ich bei dem Zirkus ja auch schon mitmachen); effizient durch die Bewerbungsphase auf Seiten der Ausschreibenden ist die Devise, bloß keine Besonderheiten oder ein wenig Individualität, sondern standardisierte Ausbildungen, Fortbildungen, Lebenswege, Beweggründe, Motivationen. Jede Branche hat ihre bevorzugten Bestseller und Dauerbrenner, die das HR-Department erfreuen. Weil man ja nichts besseres zu tun hat, und sich auch ja alle immer ganz wichtig vorkommen sollen…

Mit ein bisschen Glück und Geschick reicht eines dieser zauberhaften “Motivationsschreiben” auch für mehrere Versuche; in diesem Fall nur bitte immer vergewissern, dass die Unternehmen und Insitutionen richtig ausgetauscht und reinkopiert wurden – sonst folgt eine beleidigt und dezent indignierte Anwort, in der sich die Exzellenzuniversität VonUndZuGroßerName-KleinerOrt „bedauerlicherweise außerstande sieht, Ihren Antrag in weiterer Instanz zu bearbeiten, da Sie sich gemäß Ihres Motivationsschreibens eher dazu berufen fühlen, hervorragende zweisprachige Texte mit dem besonderen Etwas für sexybutts.de und dirtymothafuckacum-in.com zu verfassen“.

Tja, was soll ich sagen… Ich hasse nun mal Zeitverschwendung.

We are delighted to invite you, ODER: auf, auf zu den grauen Frauen

Wer hier ab und an reinliest möge geflissentlich verdrängt haben, dass ich neben trivialer Lebensführung tatsächlich auch ein Doktoratsstudium betreibe (sozusagen), und das ist völlig verständlich; nichtsdestotrotz bin ich in meinen akademischen Bestrebungen mittlerweile an einem Punkt, der mich dazu ermutigt, mit meinem Zeugs auch mal vor die Türe zu gehen, sprich: Proposals raus für Konferenzen und Journals (oder ähnliches…). Zum Glück ist der Punkt, an dem ich bin, singular, und so steht es auch mit den Proposals (eines hab ich sowas von gepflegt verpennt, und man kann sich natürlich auch nicht zu allem melden, also dauert’s manchmal); das eine meine hab ich dafür mit Schmackes und last minute 1 Stunde vor Annahmeschluss in rudimentärstem Englisch rausgeschickt. Entgegen aller Erwartungen hat sich dieser eine singuläre Versuch als absoluter Treffer erwiesen was heißt, dass ich im anstehenden Wonnemonat nach London reisen darf, um völlig fremde Menschen ins Wachkoma zu labern.

Nun hat die selbsterklärte Bildungselite des universitären Elfenbeinturms im Durchschnitt schon mal den ein oder anderen TED-Talk gesehen, wenn auch nur, um mitreden zu können; so ein TED-Talk ist nicht nur interessant und durchaus unterhaltsam, sondern weckt auch gewisse Erwartungen an das eigene Potential, das angesichts dieser Erwartungen jedoch nur müde lächelt und schon mal ein bisschen Lampenfieber vorglüht. Schließlich ist nicht jeder Vortrag gleich ein TED-Talk, auch wenn alles auf Englisch stattfindet. Und die freie Rede (im wörtlichen Sinne) wird gerade in der akademischen Vorhölle der gekränkten Eitelkeiten nicht immer gerne gesehen, auch wenn jeder aus eigner Erfahrung weiß, dass es nichts langweiligeres gibt als gehobene Gelehrte, die den Begriff „Vorlesung“ zu wörtlich verstehen. Gespräche mit KollegInnen sowie umfassende Recherchen haben mich erkennen lassen, dass auch mein Fachbereich einen „Talk“, zu dem ich geladen bin, nicht wörtlich versteht und das gelesene Wort bevorzugt wird. Kein Problem, schließlich ist dann die Gefahr geringer, dass ich mit 200km/h durch den Text brenne und mein DIY-American/Aussie-Slang jegliche Verständigungsbasis von vornherein ausschließt, egal wie professionell ich mit den Stichwortkarten wedle. Soweit sinn wa also mal vorbereitet.

Hätte der Held meines Herzens nicht mutig die Initiaive ergriffen und Teile der Reiseplanung übernommen – romantisch wie wir sind nutzen wir die Gunst der Stunde meiner öffentlichen Blamage für einen Städtetrip – wäre ich wahrscheinlich alleine Last Minute mit dem Zug nach London getingelt…Rucksack packen, Pass checken, färtisch. Oder Autostopp. Oder Fernbus. Irgendwas geht immer, im schlimmsten Fal man selbst. Dass ich also ein Dach über dem Kopf habe und nicht völlig abgeratzt nach 72-Stunden-Anreise im Hort der hehren Bildungsseligkeit aufschlage, haben all jene, die mich visuell und olfaktorisch wahrnehmen können, alleine ihm zu verdanken.

Lebensenergie, die ich bei der Planung einsparen durfte, hab ich dann in eine Fragestunde bei Tante Google investiert, Stichwort „LOL my conference” (oder so ähnlich). Prächtig, was andere sich so einfallen lassen, und beängstigend, was andere so machen müssen, wenn die Karriere danach verlangt. „Kaufen Sie sich einen grauen Hosenanzug, damit sind Sie immer gut angezogen.“ – abgesehen vom inhärenten Sexismus dieser Ansage für weibliche Konferenzler_Innen (Warum sollten Klamotten hier oberste Priorität haben? Wtf, wo bleiben all die gendergemainstreamten Fernweltgelehrt_Inn_en, wenn sie tatsächlich mal praktisch was machen könnten?) fürchte ich mich nun vor dem Heer der grauen (Fach)Frauen; „Wenn Sie neue Leute kennenlernen, tauschen Sie Visitenkarten aus.“ – Hä? Ausgerechnet der ach so durchtechnologisierte und digitalisierungsaffine (anglo)AMERIKANISCHE Raum empfiehlt den Griff zum analogen Urzeitneddwörkingtuhl?; “Notieren Sie Fragen in der Diskussionsrunde, damit Sie diese nicht vergessen. Zudem sehen Sie so interessiert aus.” – HA!!! Jawohl, einmal eine richtige und wichtige Erläuterung. Das werde ich mir merken.

Fairnesshalber sei gesagt, dass ich mir ausschließlich englischsprachige Quellen angesehen habe, da meine Arbeit ja vor allem für den englischsprachigen Raum interessant scheint; mein besonderes Mitleid gilt daher den Retortengelehrten in den USA, wo (Tante Googel nach) besonders viele graue Frauen mit Visitenkarten, Notizblock und den ewiggleichen ‘presentation skills’ ihr Dasein fristen. Da kann man sich im Rest der akademischen Westwelt ja glücklich schätzen, dass Hosenanzüge (zumindest scheinbar) nur Randthema sind.

Ansonsten bin ich mal neugierig, wie alles abläuft. Aber das kann ich ein anderes Mal erläutern. Gerade bin ich nämlich ziemlich unter Zeitdruck, schließlich muss ich bald beruflich nach London….

[Damit ich das in diesem Leben auch mal sagen durfte…]

 

Go cry me a fucking river oder wenn einen der Frust frisst…

Neben allseits „beliebten“ Ausflügen in diese Welt, die man denn da „Alltags/Arbeitswelt“ nennen mag, sowie diversen weiteren Dingen, die man so allgemein unter „Leben“ versteht, arbeite ich ja auch noch rein theoretisch an so etwas wie einer Dissertation. Klingt gut. Macht sich auch gut, nicht zuletzt in der Familie und bei den guten alten Frenemies, die einem ohnehin schon immer gehobene Arroganz im Endstadium unterstellt haben. Und ist mit einer der Hauptgründe, um von der „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil du armes Schwein ja an sich keine tatsächliche Ausbildung hast und nun auch noch im 300sten Semester eines Studiums steckst, für das wir dich dann erst recht wieder am Arbeitsamt wiedertreffen – HaHa!!!)“-Schublade in die „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil what the fuck will diese Akademikertrulla eigentlich hier, die hat doch schon einen Abschluss und dann irgendwann noch ’nen Doktor, warum will die hier bei mir im Laden für lau Pullis falten, wenn die fett Kohle machen kann…?)“-Schublade zu rutschen. Außer man kennt wen der wen kennt der wen kennt und so weiter, das hatten wir ja schon (Stichwort Neddwörking für Vollpfosten), um dann einen mäßig erbärmlichen Nebenjob für Miete und ein wenig Sicherheitsgefühl fürs Seelchen ausüben zu dürfen, ausnahmsweise, hin und wieder.

Nun könnte man zum einen den ewigen Tanz um einen netten kleinen Nebenjob in nicht mehr den allerjüngsten Studentenjahren ja vereinfachen, indem man sich voll und ganz in „die Sache“ hängt und zusieht, dass man „die Sache“ zu einem (guten) Ende bringt. Weil, können könnte man ja viel wenn der Tag ausreichend fidele Stunden hat. Man kann aber auch einfach nur ein wenig gefrustet dasitzen und sich scheissdumm fühlen, weil man eben manchmal richtig scheissdumm ist. Nicht zuletzt im Vergleich zu all diesen überorganisierten akadamisch-demischen Kolleg_Innen, deren strategisches Denken und Handeln um den Erhalt einer mehr oder weniger ordentlichen Anstellung unter meist mehr als weniger prekären Umständen kreist, egal zu welchem Preis. Und da ist jetzt nur von den wirklich guten Zukunftshoffnungen die Rede, Leuten von immenser Bildung, mit Eloquenz, Talent zur Diplomatie und einem Hauch Ellbogen im Abgang. Über all das, was darunter folgt, Mittelmaß mit Freude an der Forschung und Interesse an der Arbeit im wissenschaftlichen Bereich, aber womöglich leider einem ungesunden und wenig förderlichen Interesse an einem eigenen, selbstbestimmten Leben oder – Oh Weh, Oh Graus – mit zuviel Empathievermögen und zuwenig Ellbogen, tja, über all das wollen wir jetzt mal lieber nicht reden. Frauen können in einigen Bereichen noch auf eine Quotenstelle hoffen, bei Männern wird’s dann schon eng. Aber was soll’s, eine neue Elite wird gezüchtet, Wissen jeglicher Art aus der intellektuellen Retorte, möglichst allgemein verträglich und bitte gut für’s Institut und die Universität, dann darf man auch ein wenig Mensch-ärgere-dich-nicht mit den Post-Docs aus dem Sprachlabor spielen. Irgendwer muss schließlich „Spanisch für Anfänger, Modul 1“ oder „Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten: Selbstverliebte Arschlöcher_Innen richtig zitieren“ unterrichten.

Also einfach mal eine Runde Scheissdumm fühlen, da spielt man in der oberen Liga mit; weil, selbst wenn man den Über-Drüber-Titel eher aus privat(wirtschaftlich)en Gründen anstrebt (Stichwort selbstbestimmt Leben für Soziophobiker), mit den ganzen wahnsinnigen Selbstdarstellern aus der Wissenschaft muss man sich ja trotzdem rumschlagen. Und darf dabei leider nicht einmal richtig zuschlagen. Und bemerkt dann immer mal wieder, dass man eigentlich auch einfach nur hübsch im Hörsaal aussieht, weil man von dem Bullshit am Podium gerade mal die Hälfte versteht – wobei einen das Gesamte am Arsch interessiert, was womöglich seinen Teil zum Verständnisproblem beitragen mag, aber wir wollen hier keine Ausreden suchen und Hintertürchen zimmern, wenn man sich einfach gefrustet scheissdumm fühlen kann, das macht an der Stelle mehr Sinn. Und man sehnt sich nach jener unbekannten, fernen Vergangenheit, als man einfach im stillen Kämmerchen an seiner Dissertation feilen durfte, ohne dass man zur Kenntnis nehmen musste, dass es da draußen auch noch eine Welt gibt. Danke Bologna-Prozess, du ScheißDrecksVerfickteAngloAmerikanischenDevotindenArschkriech-Reform.

Irgendwann hört das mit dem einfach mal ein wenig rumsitzen und scheissdumm fühlen vielleicht auch wieder auf – ich bin mir noch nicht ganz sicher, ich warte seit etwa zwei Monaten drauf. Alternativ würde ich ja sonst zu einer Karriere im Bereich „Perlentauchen in der Südsee“ raten, wird vor allem in der Literatur wärmstens empfohlen (bitte keine Fragen nach Quellen, wie bereits erwähnt bin ich derzeit rumsitzend scheissdumm und behaupte daher einfach vor mich hin) und weist wahre Aussteiger-Qualitäten auf. Immerhin durfte ich aber in all der Diss-Zeit (und hat sich wirklich noch nie jemand gefragt, ob diese Abkürzung womöglich von „Dissen“ abgeleitet wird? Weil, sonst könnte es doch auch „Tation“ heißen oder so… Ja gut, okay, ich sitze schon eine ganze Weile gefrustet rum, da wabert dann der Wahnsinn verstärkt…) lernen, dass man die Umstände zusätzlich angestrebter Bildung NIE unterschätzen und die eigenen zwischenmenschlichen, kommunikativen und durchaus auch intellektuellen Fähigkeiten NIE überschätzen sollte. Dann hat man wahrscheinlich durchwegs noch mehr Spaß und überhaupt keinen FriFraFrust…

Networking oder gehobene Arschkriecherei für soziale Vollpfosten, Lektion 1: Sie sind keine Insel!

Wir leben heute ja in einer Welt, in der man jeden Hasenfurz ausfindig machen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel –  Hasenfürze im Umfang einer Boeing 777 scheinen die berühmte Nadel im Heuhaufen zu verkörpern). Sei es die gehobene fachliche Kommunikation per Email, seien es Twitter, Tumblr oder Facebook (linkedIn, Xing & Co. befinden sich hinter der geisteswissenschaftlichen Galaxie gleich rechts) oder auch die gute alte SMS: vor allem schriftlich ist man heute immer präsent. Dies dient nicht nur der Entdeckung neuer Krankheitsbilder mit lustigen Namen (Stichwort: SMS-Daumen, Maus-Arm, Text-Neck, iPhone-Ellbogen), sondern fördert auch das beinahe Orwell’sche Gefühl der permanenten Anwesenheit anderer im eigenen Leben, abseits der NSA (sorry, der war billig aber naheliegend).

Vor allem aber kann der technische Fortschritt auch zu den eigenen Gunsten genutzt werden – das Unwort des Jahrhunderts, „Networking“, ist schließlich auch in der Geisteswissenschaft angekommen, im Jobhopping sowieso. Es wird also genetworkt bis einem das Kotzen kommt und man schon längst nicht mehr weiß, wem man jetzt welchen Scheiß erzählt hat. Denn networking will gelernt sein, um es nicht nur zur Verschwendung der eigenen psychischen Ressourcen zu betreiben, und wer sich hier zu strukturieren weiß, ist klar im Vorteil. Ich persönlich halte „Struktur“ ja für ein Teilgebiet der angewandten Schneeflockenforschung und bin dementsprechend im Nachteil. Aber ich bin ja auch eine Insel.

Zunächst einmal empfiehlt es sich, einen Überblick über die angestrebten Ziele zu gewinnen: die Intensität und Qualität des Networkings mögen abhängig vom Resultat durchaus variieren – deutlicher ausgedrückt: ob ich bei einer alten Dame für 10 Euro die Stunde die Wohnung feudeln oder an der Universität Yale ein Auslandsstipendium erhalten möchte, könnte durchaus unterschiedliche Vorgehensweisen erfordern (außer man möchte bei Queen Elizabeth die Klomuschel polieren – dann dürfte sich der Aufwand in etwa die Waage halten). Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen beginnen schon auf kommunikativen Ebene und ziehen sich dann in den Bereich der Selbstdarstellung, der von entscheidender Bedeutung sein kann: im ersten Fall, um etwas mehr Lohn durch die Darstellung des besonders armen Studentenwürmchens rauszuschlagen, im zweiten Fall, um etwaige Schwächen des Lebenslaufes durch Kommunikation (=Loslaberei) und gute Empfehlungen (Networking-Resultate!) auszugleichen. Und aufmerksame Mitlesende haben es bereits völlig richtig erkannt: ich habe zwar persönliche Erfahrungen mit dem ersten Szenario, bei letzterem kann ich aber nur durch phantasievolle Illusionen auf Grundlage jahrelanger Lektüreerfahrungen gehobener Selbsthilfewerke wie „Chit Chat your Way to Success“, „Die Kunst der Karriere – Verarschen Sie andere und sich selbst“ und „Alles Bullshit, nur ich bin geil“ glänzen.

Zudem erweist es sich auch als günstig, nicht zu verwechseln, wen man in welchem Zusammenhang kennt und kontaktieren möchte – sonst wirds chaotisch. Da ich persönlich ja den Namen der Neo-Bekanntschaft gerne in dem Moment vergesse, in welchem dieser ausgesprochen wird (mein persönliches Saftschubsensyndrom, aber das ist eine andere Geschichte), kann Facebook durchaus hilfreich sein, vorausgesetzt, die Neobekanntschaft entpuppt sich nicht als halbgare Clownsfresse mit Vorliebe für unterirdisch-kreative Pseudonyme („Ach hey, Fpunkt Kpunkt/Halali Halala/Sindi von Armdrahn, schön dich zu sehen!“). Da ich zudem Menschen, mit denen ich zwar kommunizieren und interagieren MUSS, die mich aber am Arsch interessieren, fast grundsätzlich kaum zuhöre, versuche ich auch immer, wesentliche Infos zu unwesentlichen Menschen in einem Notizbuch festzuhalten, damit ich später wenigstens weiß, dass die Frau Doktor keine Geologin, sondern Theologin ist und der Max kein Bauer ist, sondern nur so heißt.  Ist eine etwas plumpe Methode, hilft mir in der Organisation diverser Networkingkacke aber enorm weiter – sofern ich mein Notizbuch immer zur Hand habe. Wer etwas technikaffiner ist, kann hier natürlich auch die Vorzüge diverser Apps und Funktionen eines Smartphones nutzen – Jamba bietet ja schließlich schon seit Jahren höchst erfolgreich(?) den Nacktscanner fürs Gegenüber an, womöglich wäre genau das die richtige Methode, um erinnerungswürdige Erstbegegnungsmomente zu schaffen.

Und Menschen, die sich mit diesem Networkdreck besser auskennen, haben mich mal wissen lassen, dass man „offen auf Neues zugehen“ soll – dann klappt das auch mit dem Network im akademischen Bereich. Glücklicherweise bin ich ja ziemlich kurzsichtig, wenn ich also Brille bzw. Kontaktlinsen ablege, schaffe ich das mit dem „offen auf Neues zugehen“ auch tatsächlich recht gut, weil ich ohnehin nichts sehe. Da es fürs Jobhopping glücklicherweise oft schon ausreicht, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt der jemanden kennt der „da schon mal gejobbt hat“, ist die Gefahr von grenzenlos geforderter Offenheit und Bereitschaft für Neues gering, hier reichen oft schon rein auf Sympathie basierende Kontakte, um die individuelle Bereitschaft für neue Erfahrungen auszureizen. Was gut ist, denn ich bin ja meine eigene Insel und seit die Brücke zum Festland durch ein Erdbeben Stärke 299,487 auf der grenzenlosen Richterskala zerstört wurde, erlaubt der inseleigene Hafen nur sehr eingeschränkte Reisezeiten. (M)Ein Hafen kennt nämlich kein „Neddwörking“.