Bullshitbingo-Alarm vom Feinsten oder: mind your words!

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Schon sehr, sehr, sehr lange bevor ich mich mit manch erleuchtendem, was hier neuerdings schriftlich durchgekaut wird, beschäftigt habe, durfte ich immer mal wieder weniger erleuchtende, dafür aber umso „marketingfreundlichere“ Texte zum Thema Mode, Style und wtf man da sonst noch so drumrumlabern kann, verfassen. Was meinereiner und manch andere in diesen Kontexten unter „Recherche“ verbuchen mussten (müssen?!), damit es sich überhaupt lohnt, für Aufträge dieser Art den Laptop hochzuklappen, soll hier gar nicht näher ausgeführt werden, denn irgendwo in all dem Chaos und Wahnsinn meines Inneren schlummert schließlich noch so was wie „Würde“. Charmant-prägnant zusammengefasst lässt sich sagen, dass es gute Gründe gibt, warum alles „rund ums Marketing“ jenseits der Wahrnehmung von Menschen, die es grundlegend verbrechen, „Projekte pitchen“ und beim Anblick einer Flipchart abgehen wie ein Zäpfchen, einen eher bescheidenen Ruf genießt. Gerade auch bei jenem Fußvolk in den billigen Reihen, das zwar vieles mitverbricht, es im Grund aber leider oft „besser weiß“ (wie es so schön heißt) und dieses Wissen nicht so leicht ignorieren kann/will/soll…

Der Grund, warum ich hier so lieblich in einer Jobnostalgie schwelge, die jederzeit wieder zum gegenwärtigen Zustand werden kann, liegt darin, dass mein Eintauchen in tatsächlich erleuchtende Erkenntnisse mich ein Vokabel wiederentdecken hat lassen, das schon seit einigen Jahren in den absurdesten Kontexten unglaublich gerne verwendet und wie die goldene Kuh gemolken wird: „vegan“.
Der Held meines Herzens und ich leben nicht vegan (wir sind ja schon froh, wenn wir überhaupt irgendwas essbares auf den Tisch kriegen – für uns wurden Kochbücher wie „Vegetarisch für Faule“ geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb habe ich kaum Wissen aus erster Hand bezüglich eines ganz „normalen“ veganen Lebensstils; zudem gewichten befreundete Veganer verschiedene Bereiche unterschiedlich stark, sodass sich auch in der Vegan-Community ein ebenso bunter Mix an Menschen und Ansichten findet, wie eben sonstwo auch.
Dass aber simples Wasser immer schon eher „vegan“ war und „vegan“ bei Deichmann was anderes heißt als bei Ethletic scheint aber auch klar. Scheint.

Beim Bullshitbingo in der unteren Marketingmittelschicht liegt der Fokus auf dem Produkt und jedem noch so irrelevanten Infofuzzelchen, das man halbwegs(!) glaubhaft in einem Text (wiederum) mittlerer Länger verwursten kann. Dass dabei dann schnödes Plastik in allen erdenklichen Formen, Farben und Variationen plötzlich zu „veganem Leder“ wird, ist nicht weiter ungewöhnlich, wenngleich es mir ein sehr imposanter Karrieresprung für die guten alten Plastiktreter zu sein scheint. Aber was tut man nicht alles dafür, dass ein mittelmäßiges Produkt noch mittelmäßigerer Qualität aus fragwürdiger Produktion den potentiellen Kund_inn_en ein wohliges Gefühl um die Leibesmitte zaubert – veganes Leder, Tiere geschützt und dann sogar noch ein echtes Schnäppchen!
Ja genau. Das bisschen Erdöl und der im weiteren Produktionsverlauf daraus folgende Ökowahnsinn sind doch irrelevant, solange man es linguistisch nur in den richtigen Keywordkackdreck verpackt, ist alles gut. Das bisschen Kinderarbeit und Sweatshop geht schon auch in Ordnung, wer praktisch nichts hat, soll ruhig mal für wenig Geld richtig viel arbeiten, aus nix wird schließlich nix und in dem System bleibt es dann auch nix, aber hauptsache, die angewandte Weltrettung bleibt hier bei uns „leistbar“. Also billig. Was interessanterweise kaum jemandem aufzufallen oder zu stören scheint, vegan ist vegan, vor allem, wenn die Industrie das sagt. Die hat immer recht, sagt auch schon Onkel Donald. Trump.
Wer wird denn bei veganem Leder auch immer gleich an Erdöl denken … [was man übrigens wirklich nicht tun sollte, weil es tatsächlich tolle Sachen gibt, aber Stella McCartney & Co. sind marketingmäßig etwas potenter aufgestellt als die Fuzzis, an die ich gerate…]

„Vegan“ ist also Trend, und das bereits seit mehreren Jahren. Das ist auch völlig in Ordnung und im Vergleich zu vielen anderen Trends, die wir alle aktiv und/oder passiv miterleben mussten, geradezu erfreulich; durch Low Carb oder auch diverse Deluxe-Fashionfetzenfabrikanten haben mit Sicherheit schon mehr Tiere und Menschen gelitten. Und dass die Werbung mögliche positive Nebeneffekte diverser Lifestyles und daraus folgender Trends gerne ausgiebigst ausschlachtet, ist schließlich auch kein Geheimnis. Selbst im unteren Mittelsegment der textschaffenden Bullshitbingoisten wird man dazu angehalten, sich verbal an den äußeren Rändern theoretischer Machbarkeiten zu orientieren – seien es Echthaarextensions, die ihren Dienst im Schnitt nach rund drei Monaten quittieren, deren theoretische Haltbarkeit vom Hersteller jedoch mit sechs Monaten angegeben wird, was gefälligst so auch vertextet werden möge (ein Hoch auf die Unhaltbarkeit der teuren Eitelkeit!); seien es Kosmetikprodukte, die man sich auch gerne literweise in die Fresse schmieren kann, so richtig „wirken“ würde es trotzdem nur, wenn man es intra- oder subkutan injiziert: seit ich vor Jahren mit diesen Jöbchen angefangen habe, weiß ich, dass „sich verkaufen“ viele Facetten haben kann und mein spätpubertäres Lebensmotto „Meine Freiheit über alles!“ in einigen Aspekten tatsächlich immer noch Aktualität besitzt.
Letztendlich kommt es natürlich immer darauf an, in welcher Produktsparte man seine Tippserseele gerade verkauft; auf Pornoseiten hatte ich mit „vegan“ immer wenig zu tun (wobei man bitte nicht nicht die Nachfrage nach veganen Dildos unterschätzen sollte…), bei diversen Seitenfüllern bezüglich der deutschen Bauversicherungslandschaft oder langatmigen Verbalergüssen auf Seiten a’la „Cigarillo Aficionado“ war die vegane Schlagwortfrequenz auch deutlich überschaubar. Und während sich „vegan“ auch schön langsam schon etabliert hat, biegen bereits die nächsten Keywors im Lebensmittel-Lifestyle-Wohlfühlsegment um die Ecke, denn wo freiwilliges Abschwören diverser Produkte aufhört, fangen tatsächliche und vermeintliche Unverträglichkeiten gerade erst an … und auch hier liegt im guten Glauben mündiger Konsument_inn_en viel Geld vergraben.

Out with the old, in with the new ODER: die ersten Fair-Fashion-Teile sind da…

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Dezent und umweltverträglicher weil ohne Plastik verpackt: neue Teile für neue Wege.

„Geduld ist die Tugend des Erhabenen“, habe ich als Kellnerin immer jenen wunderbaren Lieblingsgästen erklärt, die der unglaublich charmanten und überhaupt nicht großkotzigen Meinung waren, sie hätten sich in einem übervollen Lokal als einzige meine absolute und ungeteilte logistische Aufmerksamkeit verdient (aber das ist eine andere Geschichte, Stichwort: Dirty Deeds). Dank einprägsamer Erfahrungen bin ich dementsprechen als Gästin (oder Kundin) auch geduldig, aber auch nur in diesen Kontexten. In allen anderen Lebens- und Alltagsbereichen, deren Erledigung und Organisation großteils nur von mir selbst abhängt, erledige ich am liebsten alles unmittelbar sofort insgesamt JETZT, auch wenn das gar nicht immer möglich ist. Und eigentlich selten möglich ist, aber egal.
Erhabenheit wird total überbewertet.

Seitdem mein Schrankinhalt ein wenig geschrumpft ist und ich mich endlich mal ausführlich mit Nachhaltigkeit, Fair-Fashion und Low/Zero-Waste beschäftige, habe ich also beschlossen, dass die wenigeren, ausgewählten Teile, die da denn in Zukunft irgendwann mal einziehen dürfen, nicht nur ästhetischen, sondern auch fairen und nachhaltigen Kriterien entsprechen sollen. Weil ich mit dieser wichtigen Horizonterweiterung aber auch irgendwie etwas spät dran bin, habe ich natürlich demtentsprechend viel angesammelt, was die bei Hennesundehschonwissen (&Co.) eigentlich auch gerne wieder zurückhaben dürfen (aber natürlich nicht wollen, unter anderem auch, weil vieles schon länger lagert, der trendaffine Fast-Fashion-Markt mit sparefrohigen Antitrendlern wie mir und meinen alten Teilen aber eher weniger anzufangen weiß). Mit meiner Flohmarktware habe ich dabei noch weniger neuerkannte ideologische Probleme als mit ein paar Lieblingsteilen, die ich immer noch gerne mag, weil es eben Lieblingsteile sind, auch wenn ich dort, wo sie herkommen, nicht mehr nach solchigen suchen werde. Diese ganz besondere Art von Lieblingsteilen, von denen ich hier spreche, ist zahlenmäßig übrigens sehr überschaubar…weshalb ich immer noch finde, dass trotz Ausräumen zu viel Klamotte im Schrank ist. Aber manchmal braucht das Rumräumen eben auch mehrere Etappen, bis man am Ziel ist – und ich bin ohnehin berüchtigt für meine schnörkelschönen Ab- und Umwege…

Am liebsten würde ich ja – mit Blick auf meine zuvor bereits erwähnte Ungeduld – den gesamten Klamottenbestand (stark reduziert) austauschen, sodass ich fortan in einer fairen, feinen (Traum)Welt leben darf. [Absolut liebste Lieblingsteile ausgenommen – gekauft hab ich sie ja ohnehin schon, da kann ich sie dann auch gleich bis zum bitteren Ende auftragen…] Einen Rundum-Austausch kann ich mir aber natürlich nicht mal ansatzweise leisten, deshalb muss ich mich in Geduld üben und darf in kleinen Schritten in Zukunft neues (und vielleicht auch schon getragenes „neues“) bei mir zuhause begrüßen. Is ja genau meines, das mit der Geduld und so…

Die ersten schwarzen und weißen Basic-Shirts sind aber gerade eingezogen. Und nein, ich habe nicht vor, nochmal einen Riesenhaufen weißer T-Shirts anzusammeln. Aber zwei, drei für die unkreativen und farblosen Safeplayer wie mich darf es dann auch sein. Weil ich nachhaltig und fair ja gerne und vor allem mit minimalistisch verbinden möchte, und da sind solche (Nicht-)Farben eine gute Wahl, weil die zu allem und auch miteinandern funktionieren, und man dementsprechend weniger braucht [jaaaa, theoretisch zumindest, jenseits der großelterlich-wohlmeinenden „Kann man alles nochmal brauchen, wird alles aufbewahrt“-Haltung]. Und im Sinne meiner Anfängerinterpretation von halbwegs nachhaltigem Minimalismus werden dementsprechend ein paar Fast-Fashion-Fummel jetzt in ihr nächstes Leben als Putzlappen transzendieren…damit mehr Platz ist und (so wäre das hehre Ziel) auch bleibt. Und anstelle der transzendentalen Wischmoppübergänger zumindest nix schnelles mehr nachwächst.

First steps oder: nichts neues, aber neuerlich nennenswert?

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Yoghurtglas und Teebecher begleiten mich schon recht lange, die Trinkflasche ist neu – in kleinen (leistbaren) Schritten wird neues und altes Wissen umgesetzt…

Hier geht es gerade in eine neue Richtung, die bekannte Inhalte ergänzt; das passiert nicht zuletzt, weil mein unerträgliches Mitteilungsbedürfnis ja irgendwo angebracht werden muss. Außerdem kann man grundsätzlich vieles mit Humor nehmen, wenn man mag, vor allem auch sich selbst auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen und Einblicken. Und nachdem ich ja eigentlich gerade einen größeren Auftrag als Schreiberlingin zu bearbeiten HÄTTE, Einzelhandel und korrigierende Nebentätigkeit ebenso aus ihren Ecken brüllen und dann noch zwei Konferenz-Proposals be(er?!)arbeitet werden wollen/sollten, bleibt einem doch gar keine andere Möglichkeit, als mal eben schnell neue Leidenschaften für wichtige Dinge zu entwickeln, die dann unglaublich dringend schriftlich festgehalten werden müssen. Weniger ist mehr, lautet schließlich die neue Devise, also soll man sich nicht von zu vielem stressen lassen…

Jede/r von uns kennt das, wenn altbekannte Dinge plötzlich Thema werden oder man, besser gesagt, erkennen darf, dass jene Dinge, die für einen selbst selbstverständlich sind, jemand anderem eher fremd sind. Das soll hier jetzt weder in die kulturrelativistische Who-gives-a-fuck-Richtung noch in die Großmuddi-hat-immer-gesagt-Ecke abdriften, jeder lebt nach anderen Werten und Vorstellungen und das muss auch dann Platz haben, wenn es meiner eigenen Position widerspricht, zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Aber eben weil wir alle unterschiedliche Dinge wissen, kennen und beachten, scheint uns unterschiedliches erwähnenswert oder nicht.

Unabhängig von neuen Zugängen zur minimalistisch-nachhaltigen Lebensweise war mir schon recht lange klar, dass Plastik plöd ist, salopp umschrieben. Schon meine Mutter, ihres Zeichens (und laut der ewig-wiederkehrenden Legendenbildung meiner Großmuddi) ein „zart besaitetes Siebenmonatskind“, hat lieber drei Liter Milch oder Mineralwasser in der Glasflasche durch die Gegend geschleppt, als die gleiche Menge im Tetrapack bzw. in Plastikflaschen zu erwerben. Irgendwann gab es die Möglichkeit im herkömmlichen Lebensmittelhandel zwar nicht bzw. kaum mehr, aber bis es soweit war, hat Muddi fleißig mit Milch- und Sodaflaschen trainiert. Großmuddi hingegen hält die Erfindung von Plastik nach wie vor für ein Geschenk des Himmels (da sie nicht gläubig ist, beißt sich hier die argumentative Logikkatze ziemlich in den Schwanz, aber was soll’s), deshalb gab’s die Jausenboxen und Trinkflaschen immer aus Plastik, aber immerhin nicht Einweg. Tupperware & Co. für alle nur erdenklichen Gelegenheiten, mit meiner Großmuddi als wandelndem Inbegriff von erfolgreich gelebtem Direktvertrieb; einzig die Bananenboxen hat sie nie erworben, weil sie der Meinung war, dass Bananen in ihrer individuellen Endproduktkrümmung zu wenig durchschnittliche Einheitlichkeit aufweisen, als dass sich der Erwerb eines eigenartig geformten Tupperteils langfristig rechnen würde. Der Umstand, dass eine Banane an sich ja schon „verpackt“ beim Verbraucher ankommt und daher nicht unbedingt noch ein Plastikmäntelchen benötigt, war bei der Entscheidungsfindung bezüglich der standhaften Kaufverweigerung übrigens kein Argument.

Es war mir also irgendwie „immer schon“ klar, dass man Getränkeflaschen und Jausenboxen mit Mehrwert verwendet, anstatt das Brötchen zu folieren und sich ständig Einwegflaschen zu kaufen. Einzig das mit dem Mehrwertplastik hatte ich so nicht am Schirm. Und so ich stehe nun vor einer richtig fetten Schublade voll Tupperware und den entsprechenden Fakes (manchmal stand Großmuddi der Sinn nach einem preisgünstigeren Abenteuer aus der No-Name-Ecke), die sich aufgrund ihrer schier beeindruckenden Zahl innerhalb von nur einer Generation auf die gesamte Familie und von dort aus weiter auf diverse ExpartnerInnen, liebevoll ausgewählte Ex-WGs, unzählige – bei Parties/Treffen/Grillfeiern – zwangsbeglückte FreundInnen sowie ein paar Nachbarn verteilt und vererbt haben, Großmuddi sei Dank. Die kann ich natürlich nicht alle weggeben, und wegwerfen ohnehin nicht, was aber auch nicht nötig ist, weil das Zeug mich und die kommenden zehn Generationen mal locker taufrisch übersteht. Außerdem gilt für mich als Enkelkind aus dem Tupperwarezoo immer noch, dass es immerhin Mehrwert ist, wenn auch mit viel mehr, als einem eigentlich lieb sein mag…
Aber mein Yoghurt kommt trotzdem lieber ins Glas, ist seit Jahren dank Bügelverschluss die einzige (zumindest von mir erprobte) Weise, wie es auch IM Behältnis bleibt und nicht liebevoll Bekanntschaft mit dem Inhalt meiner Tasche schließt. Und meine erste Flasche aus Edelstahl habe ich vor kurzem auch endlich erstanden, weil irgendwann mal Schluss mit vermeintlich mehrwertigem Kunststoff sein soll und ich für Glasflaschen leider viel zu ungeschickt bin (meine Mutter hat mir vor Jahren eine wunderschöne und sehr praktische Flasche von Soulbottles geschenkt, die natürlich fast sofort üble Kollateralschäden beim Versuch des erfolgreichen Wassertransports ungeachtet der Gefahren alltäglicher Gravitationsauswirkungen auf meine Motorik davongetragen hat, leider…sie steht aber immer noch in meiner Küche, den Sprung am Flaschenhals habe ich mit Tesa abgeklebt und wenn ich einen guten Tag habe und optimistisch bin, dass ich heute meine Extremitäten und die allgemeine Köperkoordination im Griff habe, dann verwende ich sie zuhause). 

Dss mit der Edelstahlflasche erzähle ich Großmuddi aber nicht, die hält Trinkflaschen und Jausendosen aus Nicht-Plastik wieder für so ’nen neumodischen Dreck…

I’m a little late to the party ODER: Besser spät als nie…

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Ich bin dank einer ausgelebten Kindheit bei meinen Großeltern ja ein ambitioniertes Nachkriegsenkelkind: geprägt von der großelterlichen Ansicht, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte und es deshalb aufgehoben wird, gepaart mit der Grundhaltung sozialisitischer Arbeiterfamilien, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte, und es deshalb aufgehoben wird, weil man ja nie weiß, ob mal richtig schlechte Zeiten kommen, kann man nur dankbar sein, dass meine Familie damals nur alle paar Jahrzehnte übersiedelt ist. Es hätte uns viele Freundschaften und zahlreiche Bandscheiben gekostet, die Tonnen an „Lass es uns mal lieber aufbewahren, man weiß ja nie“-Krempel durch die Weltgeschichte zu transportieren. Das mache Jahrzehnte später lieber ich als Erwachsene beim gefühlten 20. Umzug fünf Jahren. Plunder von einem Keller direkt in den nächsten verfrachten – schreien könnte ich vor lauter Idiotie, und hab ich auch schon oft genug …

An sich war ich immer schon ein reduzierter Mensch: ich kann Dekoplunder nicht wirklich ausstehen, weil man Platz besser nutzen kann, als unnützes Zeugs draufzustellen (eine durchaus stilsichere Mutter und Jahre in WGs und Kleinwohnungen haben mich abseits des großerlterlichen Einflusses gut geschult). Zudem fand ich „schon immer“, dass zu viel – egal von was – eigentlich wenig Sinn macht, weil man ohnehin immer nur eine begrenzte Zahl an Sachen benutzen mag und kann. Nur der Sicherheitsgedanke von anno Schnee, eingangs liebevoll umschrieben, saß mir lange im Genick: „wenn du das jetzt weggibst/wegwirfst/rituell verbrennst/dematerialisiert, dann fehlt es dir womöglich irgendwann später mal, wenn es dir schlechter geht und du es dringend brauchen würdest…“. Also: aufbehalten, wegpacken, mitschleifen, genervt von der eigenen Angst vorm Leben sein.

Und dann kam Lina Jachmann, zum Glück. Ich bin ein paarmal um ihr Einfach leben rumgeschlichen, weil ich Bücher meist gebraucht kaufe (ist günstiger und hat Mehrwert, sozusagen), und hab’s dann doch eingepackt … zum Glück. In einem Stück durchgelesen, hatte ich den Kopf sofort voller Ideen bezüglich materieller Erleichterung und geistiger Weiterbildung, auch wenn letzteres dem Grundsatz eines ambitioniert gelebten Minimalismus wohl erstmal ordentlich widerspricht (Stichwort: Lesen bildet, ich brauche noch mehr Bücher zum Thema Minimalismus, Slow-Fashion, Nachhaltigkeit, Ausmisten … wobei: Bücher gehen immer, zumindest bei mir!). Außerdem habe ich dann auch gleich mal den Inhalt meines Kleiderschranks ordentlich reduziert, weil, himmelarschnochmal, wie viele einfache weiße T-Shirts kann eine Frau besitzen, die nicht (mehr) als Kellnerin und noch nie und wohl auch niemals als Pflegekraft (ge)arbeitet (hat)? Wenn sich meine Lebenslage jemals so verschlechtert, dass mein blankes Überleben nur von der Anzahl an ’sicherheitshalber mal‘ aufbewahrten weißen T-Shirts abhängt, würde ich trotzdem noch 100 werden, locker. Tabula rasa war in dem Fall auch nur auf Ausmisten beschränkt, denn dass in diesem Schrank bis jetzt mit ganz wenigen Ausnahmen praktisch ausschließlich (schick und geschmackvoll umschrieben) „Fast Fashion“ oder auch (direkt und deutlich umschrieben) „menschen- und umweltverachtender Kackdreck“ rumfliegt, war mir schon klar. Die Menge an weißen T-Shirts hätte ich mir sonst gar nicht leisten können, zu keinem Zeitpunkt in diesem Leben und auch nicht über die Jahre verteilt …

Ich hab immer noch zu viel Klamotte. Auch immer noch zu viele weiße Shirts, aber das wird schon noch. Das innere Nachkriegsenkelkind lässt eben nicht so leicht locker, da geht es dann eben auch mal in kleinen Schritten voran. Aber ansonsten fliegt der Plunder hier raus, dass es nur so rauscht. Der Held meines Herzens, an sich mit Ausnahme seiner Bücherregale ein tatsächlicher Minimalist erster Güte, gibt sich beeindruckt und scheint auch ein kleinwenig begeistert ob der stetig zunehmenden Luftigkeit unserer geteilten Traumwohnstätte. Ob seine Begeisterung und Unterstützung sich auch noch halten, wenn ich das erste Mal Waschmittel selbstgemacht habe und und die Wäsche samt Waschmaschine und Wohnung nach zu heiß gewaschenem Kastanienmatsch riechen, wird sich zeigen. Wie sagt er immer: „Leben am Limit“ … Genau!

Man lernt immer dazu, und ich ganz besonders – weil es genug zum Lernen gibt, even if I’m a little late to the party. Es bleibt spannend. 

Mind the pick-up artist oder: ich kotz gleich…

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Niemand will ein Bild sehen, dass man mit pick-up artists in Verbindung bringen kann. Niemand. Deshalb an dieser Stelle lieber ein  Plüschbär. Viel besser.

Neben den diversen Jobs und Jöbchen in der sekundären Textoptimierung sowie der allgemeinen Textgestaltung (bei ganz viel Zeit und Langeweile nachzulesen hier, hier und hier, in leider umgekehrter Reihenfolge) durfte ich vor kurzer Zeit auch ein ganz besonderes Highlight textueller Mitschuldigkeit verantworten, nämlich die Übersetzung einiger E-Books vom Englischen ins Deutsche (was ich nicht alles kann, solange es kein Niveau braucht…).
Dem Konzept des Ibuks als Möglichkeit zur beinahe schwellenlosen und in einigen „Genres“ eher überproportionalen Selbstvermarktung stehe ich eher  skeptisch gegenüber, da der Endverbraucher in dieser seltenen Ausnahme von manchen Gatekeepern (MANCHEN, wenigen, einzelnen!!!) vor fadenscheinig-fragwürdigen Ergüssen und unnötigen Fehlinvestitionen geschützt wird. Und nach genauester Lektüre und Sprachübertragung darf ich die Machwerke, die da über meine Festplatte gewandert sind, durchaus dazuzählen:  E-books „of internationally acclaimed and highly successful pick-up artists“ (also diversen Schmalzbracken mit STD-Flatrate), die ihr geheimes und höchst aufschlussreiches Wissen nach jahrelangen Testphasen ENDLICH (gegen eine in Anbetracht der Erkenntnisse verhältnismäßig geringe monetäre Zuwendung) mit der Welt teilen. Endlich!

Auf durchschnittlich 150 Seiten erschließt sich einem dann dieses „Wissen“, das im Endeffekt keine neue Erkenntnis in sich trägt, und das für teuer Geld. Weniger „über Jahre konzipierte und erprobte Vorgehensweisen, die dich, wenn du ihnen genau folgst, fast immer zum Erfolg führen (also zum Abschlussfick)“, sondern vielmehr eine knackige Mischung aus Verhaltenspsychologie, Kommunikationswissenschaft, NLP und einer Prise Spieltheorie im Abgang, die jeder drittklassige Möchtegern-Flachwichser mit perfekter Einhandmotorik und einem „How I Met your Mother“/“Two and a half men“/Porno-Halbwissen genausogut draufhat, gratis und (auch für die zeitabschnittbeteiligten weiblichen Beschlafutensilien) völlig umsonst. Zudem ist das sogenannte „Wissen“ dieser PUAs (die Szenebezeichnung für „pick-up artists“) keineswegs auf Schwanzträger beschränkt, denn da es sich um geschlechtsneutrale allgemeine Erkenntnisse verschiedener Forschungsgebiete handelt, kann man den Dreck als Frau genauso gut durchziehen, sofern man dabei vor lauter verhaltenem Lachen nicht erstickt. „Stelle dein Gegenüber in den Mittelpunkt, indem du Aufmerksamkeit und Interesse vortäuscht, schaffe eine scheinbare Verbindung durch sich langsam steigernden Körper- und steten Blickkontakt und zeige deine Stärken/Werte, ohne deine Schwächen/Menschlichkeit auszuklammern“ sind ein alter Hut und werden in Teilen sogar bei Bewerbungscoachings trainiert. Das ist so fad wie es klingt, egal in welcher Sprache.

Wenn man die sogenannten „Erfahrungsberichte“ der „Künstler“ lesen und sogar noch übersetzen darf, dann wird schnell klar, dass man es hier mit durchschnittlichen Anmachsprüchen zu tun hat, die einzig und allein eine gewisse verbale Vollständigkeit und eine gekünstelte Flexibilität in der interpersonalen Handhabung auszeichnet. Sprich: es wird in halbwegs vollständigen Sätzen gesprochen und bei vermeintlich unerwarteten Anworten (also alles, was man im weitesten Sinne als „unbeschlafbar“ interpretieren könnte) entsprechend flexibel reagiert und manchmal sogar aufgegeben, was überraschend erscheinen mag, aber durchaus Logik hat. Schließlich will niemand sein Ego riskieren, schon gar nicht in einem Schema, das nur aus Ego besteht.
Weiters findet sich auch ein reichhaltiges und teils höchst originelles Vokabular, das mit linguistischen Meisterwerken wie „Full Close“ (beschreibt die erfolgreiche Endbesteigung), „Street Sarge“ (umschreibt den Plan, Frauen auf der Straße aufzureißen, manchmal auch als „Straßenstrich“ bekannt), oder, mein persönliches Highlight, das „Target“ (also das Beschlafungszielobjekt) brillieren kann. Alles zusammen also die wunderbar professionell geschaffene Illusion einer Welt mit eigenen Regeln und Gesetzmäßigkeiten – das Holodeck auf der Enterprise lässt grüßen.

Einige Absurditäten dieser literarischen Ergüsse ergeben sich aber gar nicht mal aufgrund der unbeschreiblich sagenhaften Kompetenz der Verfasser, sondern mehr aus den kleinen interkoninentalen Unterschieden im kulturellen und sozialen Habitus.
So ist es in ‚unseren Breiten‘ nach wie vor weitestgehend unbekannt, dass Dates gezählt werden und es dementsprechend eine besondere Leistung sein soll, das Beschlafungszielobjekt bereits nach dem ersten Treffen in die Horizontale befördern zu können (außer bei Kevins/Tschastinns/andereKindermitgreislichenNamen unter 35; da ist alles in der Horizontalen ein Ereignis). Dass der berufliche Status und das entsprechende Einkommen praktisch gleich zu Beginn aus taktischen Gründen mitgeteilt werden – jawoll, richtig geraten, Mann möchte von der ersten Sekunde an beeindrucken – kann jenseits des geografischen Zentrums von Schein statt Sein eher befremdlich wirken, vor allem, wenn man einvernehmlich ohnehin nur einmal drüberrutschen möchte. Das so mancher Teil des potentiellen Zielpublikums in dieser Rubrik zudem mit kaum mehr als dem Umstand, dass er des Lesens und Schreibens mächtig ist, punkten kann, wird ebenfalls geflissentlich ignoriert. In dem Land, dass gerade wieder großartig gemacht wird, sind alle PUAs jung, attraktiv, vermögend, erfolgreich und dauergeil, und somit gilt das als Credo für den Rest der Welt. Wie sonst halt auch bei Zeugs, das aus den USA kommt.

Und wenn du es nicht draufhast, dann haste eben Pech – in diesem Fall lautet das kostenlose und realitätsnahe Fazit:

Kannste die Beute nicht ergattern,
muss  die Handmaschine rattern…

Und zum Abschluss jetzt noch diese wunderbare Definition von „pick-up artists“ im urban dictionary:

An overrated self-help movement started by frustrated 30 year old virgins turned amateur con-men that attempts to systematically change meek nerds into false-confident assholes.
„Why is that guy who usually wears videogame t-shirts and unkempt hygiene suddenly wearing douchey sunglasses indoors with a bad haircut and trying to insult every girl in here?“
„Oh him? He read a PUA book
im Original nachzulesen hier 🙂

Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

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Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.    

 

 

Just s(h)itting here oder: neulich beim Vorstellungsgespräch

Auf die Technik der modernen Zeiten werden Loblieder gesungen und Engelschöre der Kreativität trompeten den Abzockern, ähm, pardon, Verantwortlichen bei Äppel, Gugel, Meikrosoft und Konsorten kreative Möglichkeiten der humanitären Alltagsverblödung, ähm, schon wieder pardon, Alltagserleichterung in den Arsch, dass die Kontostände eben jener jubilieren mögen; Fortschritt um jeden Preis ist das Motto, every single fucking second. Auch am früher so schön stillen Örtchen.

Nun sei festgestellt, dass ich grundsätzlich ein sehr zurückgezogener Mensch bin; ich mag zwar einen Hang zur ordinären Wortwahl zeigen (oder, wie meine Omma immer sagt: „Also sowas!!“) und daher ein wenig „laut“ erscheinen, aber ich bin wahrlich nicht die erste an oder auf der Rampe, und auch nicht die 15te. Eher die 150igste. Und eben weil ich so gerne unsichtbar bin, bin ich auch dezent in der Erledigung elementarer Körperfunktionen… Soll heißen: wenn ich einen ziehen lasse, kann schon mal der/dem ein oder anderen flau werden, es können Fliegen sterben und meine Mieze sich unter dem Bett verstecken, aber eines geschieht sicher nicht – dass irgendwer was hört. Nö.

Es gibt Situationen im Leben, da sollte man nicht unsichtbar sein, weil es schlicht schlecht fürs Geschäft ist. Dazu zählen etwa Vorstellungsgespräche, auch jene, von denen man schon im Vorhinein weiß, dass es eine Nullnummer wird. Weil ich bei günstiger Sternenkonstellation, harmonischem Biorhythmus und ausreichend Baldrian im Kaffee auch gerne mal guten Willen zeige, schlage ich dann schon mal bei potentiellen Leerläufern auf, egal wie bescheiden die Ausgangslage scheint. Nachdem ich aufgrund geographischer Missinterpretationen der Firmenschilder fünf Minuten zu spät komme, mache ich schon mal Eindruck bei der hauseigenen Keramik, bei der ich höflich anklopfe, um im Anschluss die Türe zu öffnen, meinen Lebenslauf vorzustrecken und meine üblichen Floskeln auszupacken; Klobesen und Waschbecken zeigen sich wenig beeindruckt, gesegnet seien all jene, die sinnerfassend ein Türschild lesen können. Zwei Türen weiter findet sich die Aufschrift „Empfang“, wo mein Auftritt zwar ebenso wenig zu beeindrucken scheint, dafür jedoch mehr Resonanz hervorruft. Ich werde nach kurzer Wartezeit zur Tür neben der Toilette geschickt, unbeschriftet – dahinter versteckt sich die „Kreativchefin“. Mehr Chefin als kreativ erklärt man sich gegenseitig, was man wollen sollte und nicht will, spricht sich viel Glück aus, schüttelt sich die Hände und weiß, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Das kurzzeitige Verlassen meiner Unsichtbarkeit geht oft mit einem dringenden Drang zum Toilettenbesuch einher, Stresspinkeln at its best. Glücklicherweise habe ich ja bereits herausgefunden, dass sich die Schüssel direkt neben der Chefität befindet. Einmal noch kurz strullern, dann raus und rum und heim. Schon wieder weg, schon wieder unsichtbar. Es wäre so schön gewesen. Wäre. Doch vor einigen Jahren haben findige Ingenieure mit überempfindlichen Nasen WC-Entlüfter ersonnen, die sich nach einem bestimmen Zeitraum – meist etwa drei Sekunden – automatisch einschalten, um den potentiellen Exitus durch akute Darmentleerungsnebenerscheinungen zu verhindern. Nix mehr mit Selbstbestimmung, kein eigener Schalter mehr für den eventuell gewünschten Raumluftaustausch. Dies wiederum weckt bei zurückhaltenden Menschen (MIR!!!!) den Verfolgungswahn alle Welt sei der Meinung, ich scheisse hier mal eben gepflegt ab, komme was wolle, zu Gast bei anderen Leuten kackt es sich umso gemütlicher. Je älter das Entlüftermodell, desto mehr Dezibel im Abgang, sehr entspannend am stillen Örtchen also.

Langer Rede bescheidener Sinn: unsichtbar bleiben wird immer schwieriger in einer Welt, in der man nicht mal mehr Rock, Strümpfe und Schlübber pflichtgemäß handhaben darf, bevor eine Boeing 747 im Hintergrund das individuelle Entleerungsverhalten untermalt. Ohne ausreichende Kenntnisse im Expressstrullern für Angewandte Urinierungskunde werde ich wohl weiterhin mit dem trivialen Drama meiner fehlgeschlagenen Stealthqualitäten im Pinkelbereich leben müssen. Weil es das stille Örtchen nicht mehr gibt und man gar nicht laut genug verkünden kann, dass gerade wieder jemand länger als fünf Sekunden auf der Keramik thront.