Bullshitbingo-Alarm vom Feinsten oder: mind your words!

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Schon sehr, sehr, sehr lange bevor ich mich mit manch erleuchtendem, was hier neuerdings schriftlich durchgekaut wird, beschäftigt habe, durfte ich immer mal wieder weniger erleuchtende, dafür aber umso „marketingfreundlichere“ Texte zum Thema Mode, Style und wtf man da sonst noch so drumrumlabern kann, verfassen. Was meinereiner und manch andere in diesen Kontexten unter „Recherche“ verbuchen mussten (müssen?!), damit es sich überhaupt lohnt, für Aufträge dieser Art den Laptop hochzuklappen, soll hier gar nicht näher ausgeführt werden, denn irgendwo in all dem Chaos und Wahnsinn meines Inneren schlummert schließlich noch so was wie „Würde“. Charmant-prägnant zusammengefasst lässt sich sagen, dass es gute Gründe gibt, warum alles „rund ums Marketing“ jenseits der Wahrnehmung von Menschen, die es grundlegend verbrechen, „Projekte pitchen“ und beim Anblick einer Flipchart abgehen wie ein Zäpfchen, einen eher bescheidenen Ruf genießt. Gerade auch bei jenem Fußvolk in den billigen Reihen, das zwar vieles mitverbricht, es im Grund aber leider oft „besser weiß“ (wie es so schön heißt) und dieses Wissen nicht so leicht ignorieren kann/will/soll…

Der Grund, warum ich hier so lieblich in einer Jobnostalgie schwelge, die jederzeit wieder zum gegenwärtigen Zustand werden kann, liegt darin, dass mein Eintauchen in tatsächlich erleuchtende Erkenntnisse mich ein Vokabel wiederentdecken hat lassen, das schon seit einigen Jahren in den absurdesten Kontexten unglaublich gerne verwendet und wie die goldene Kuh gemolken wird: „vegan“.
Der Held meines Herzens und ich leben nicht vegan (wir sind ja schon froh, wenn wir überhaupt irgendwas essbares auf den Tisch kriegen – für uns wurden Kochbücher wie „Vegetarisch für Faule“ geschrieben, aber das ist eine andere Geschichte), deshalb habe ich kaum Wissen aus erster Hand bezüglich eines ganz „normalen“ veganen Lebensstils; zudem gewichten befreundete Veganer verschiedene Bereiche unterschiedlich stark, sodass sich auch in der Vegan-Community ein ebenso bunter Mix an Menschen und Ansichten findet, wie eben sonstwo auch.
Dass aber simples Wasser immer schon eher „vegan“ war und „vegan“ bei Deichmann was anderes heißt als bei Ethletic scheint aber auch klar. Scheint.

Beim Bullshitbingo in der unteren Marketingmittelschicht liegt der Fokus auf dem Produkt und jedem noch so irrelevanten Infofuzzelchen, das man halbwegs(!) glaubhaft in einem Text (wiederum) mittlerer Länger verwursten kann. Dass dabei dann schnödes Plastik in allen erdenklichen Formen, Farben und Variationen plötzlich zu „veganem Leder“ wird, ist nicht weiter ungewöhnlich, wenngleich es mir ein sehr imposanter Karrieresprung für die guten alten Plastiktreter zu sein scheint. Aber was tut man nicht alles dafür, dass ein mittelmäßiges Produkt noch mittelmäßigerer Qualität aus fragwürdiger Produktion den potentiellen Kund_inn_en ein wohliges Gefühl um die Leibesmitte zaubert – veganes Leder, Tiere geschützt und dann sogar noch ein echtes Schnäppchen!
Ja genau. Das bisschen Erdöl und der im weiteren Produktionsverlauf daraus folgende Ökowahnsinn sind doch irrelevant, solange man es linguistisch nur in den richtigen Keywordkackdreck verpackt, ist alles gut. Das bisschen Kinderarbeit und Sweatshop geht schon auch in Ordnung, wer praktisch nichts hat, soll ruhig mal für wenig Geld richtig viel arbeiten, aus nix wird schließlich nix und in dem System bleibt es dann auch nix, aber hauptsache, die angewandte Weltrettung bleibt hier bei uns „leistbar“. Also billig. Was interessanterweise kaum jemandem aufzufallen oder zu stören scheint, vegan ist vegan, vor allem, wenn die Industrie das sagt. Die hat immer recht, sagt auch schon Onkel Donald. Trump.
Wer wird denn bei veganem Leder auch immer gleich an Erdöl denken … [was man übrigens wirklich nicht tun sollte, weil es tatsächlich tolle Sachen gibt, aber Stella McCartney & Co. sind marketingmäßig etwas potenter aufgestellt als die Fuzzis, an die ich gerate…]

„Vegan“ ist also Trend, und das bereits seit mehreren Jahren. Das ist auch völlig in Ordnung und im Vergleich zu vielen anderen Trends, die wir alle aktiv und/oder passiv miterleben mussten, geradezu erfreulich; durch Low Carb oder auch diverse Deluxe-Fashionfetzenfabrikanten haben mit Sicherheit schon mehr Tiere und Menschen gelitten. Und dass die Werbung mögliche positive Nebeneffekte diverser Lifestyles und daraus folgender Trends gerne ausgiebigst ausschlachtet, ist schließlich auch kein Geheimnis. Selbst im unteren Mittelsegment der textschaffenden Bullshitbingoisten wird man dazu angehalten, sich verbal an den äußeren Rändern theoretischer Machbarkeiten zu orientieren – seien es Echthaarextensions, die ihren Dienst im Schnitt nach rund drei Monaten quittieren, deren theoretische Haltbarkeit vom Hersteller jedoch mit sechs Monaten angegeben wird, was gefälligst so auch vertextet werden möge (ein Hoch auf die Unhaltbarkeit der teuren Eitelkeit!); seien es Kosmetikprodukte, die man sich auch gerne literweise in die Fresse schmieren kann, so richtig „wirken“ würde es trotzdem nur, wenn man es intra- oder subkutan injiziert: seit ich vor Jahren mit diesen Jöbchen angefangen habe, weiß ich, dass „sich verkaufen“ viele Facetten haben kann und mein spätpubertäres Lebensmotto „Meine Freiheit über alles!“ in einigen Aspekten tatsächlich immer noch Aktualität besitzt.
Letztendlich kommt es natürlich immer darauf an, in welcher Produktsparte man seine Tippserseele gerade verkauft; auf Pornoseiten hatte ich mit „vegan“ immer wenig zu tun (wobei man bitte nicht nicht die Nachfrage nach veganen Dildos unterschätzen sollte…), bei diversen Seitenfüllern bezüglich der deutschen Bauversicherungslandschaft oder langatmigen Verbalergüssen auf Seiten a’la „Cigarillo Aficionado“ war die vegane Schlagwortfrequenz auch deutlich überschaubar. Und während sich „vegan“ auch schön langsam schon etabliert hat, biegen bereits die nächsten Keywors im Lebensmittel-Lifestyle-Wohlfühlsegment um die Ecke, denn wo freiwilliges Abschwören diverser Produkte aufhört, fangen tatsächliche und vermeintliche Unverträglichkeiten gerade erst an … und auch hier liegt im guten Glauben mündiger Konsument_inn_en viel Geld vergraben.

How to survive on something I cooked oder: Wie man auch für wenig Geld beschissen essen kann

Kochen ist ja total in. Unglaublich hip. Kochblogs, Kochshows, eigene Channels rund ums Kochen, alles rührt im Topf. So scheints zumindest.

Ist ja auch alles irgendwie sehr verständlich. Gut und gesund essen erhält Körper und Geist, wie schon seit Jahrhunderten so oder so ähnlich gepredigt wird. Eine ausgewogene Ernährung unterstützt uns im alltäglichen Leben – sich mit der Zubereitung von Nahrung zu beschäftigen ist also nicht nur verständlich, sondern auch löblich. Da es aber mittlerweile wortwörtlich unaussprechliche Zustände angenommen hat, erleben Kochmuffel mit mangelhaftem Talent für die französische Sprache den Boom von der letzten Reihe aus.

Willkommen in meiner Welt.

Ich habe einige Zeit recht gern „Das perfekte Dinner“ geguckt, aus purer Faszination für den Fanatismus anderer. Wie man Stunden in einem Raum zubringen kann, in dem kein Sofa steht, war mir schon immer ein Rätsel. Dass man für Küchenmaschinen, die mehr Funktionen haben als der T1000, gleichviel zahlt wie andere für einen Kleinwagen, ebenso. Und spätestens beim Abschnitt zur Tischdeko war ich bereits auf dem Weg in die Küche, um die TK-Pommes gleichmäßig auf dem Blech zu verteilen – weil ich Hunger bekommen habe, aber nicht kochen kann. Oder – deutlicher formuliert – kochen scheisslangweilig finde. Aber es natürlich tun muss, weil: hungrig bin ich ja trotzdem.

Simple Devise: Nahrung ist Treibstoff. Dank der universalen Weisheiten diverser Foodtrends (Fast, Slow, Healthy, Steady, Hot, Whatthefucksoever) soll aber nicht mehr einfach nur ein physisches Grundbedürfnis gestillt werden, nein, es muss zelebriert werden wie Sau. Auch gut, go for it. Aber bitte, erspart mir den Bullshit – ich bin zu ignorant, um Begeisterung bezüglich einer aus Karotten geschnitzten Rose zu faken. Dafür aber ehrlich dankbar, wenn jemand einfach gut für mich kocht, ohne mir zu erklären, wie und was genau, und mir den Teller und Tisch mit Dekogedönse vollmüllt.

Natürlich koche auch ich frisch, vielfach. Nicht nur weil ich sonst ein schlechtes Gewissen gegenüber meinem Treibstofftank bekomme (danke, liebe Foodfaschisten), sondern auch weil es billiger ist als der Fertigdreck. Ich komme länger mit 2,5 Kilo Kartoffeln aus als mit der Fertigpampe vom Käpt‘n und Konsorten. Dafür nehme ich auch schälen und schnippeln in Kauf (was das denkbar langweiligste an dem ganzen Prozedere ist). Zudem ist der Fertigdreck immer unterirdisch beschissen gewürzt. Ich selbst verwende ja auch und vor allem Käse als Gewürz (man kann praktisch ALLES mit Käse überbacken) und würde nie behaupten, ich könnte die Feinheiten diverser Gewürze irgendwo rausschmecken. Aber bei Preisen von 2,50 Euro aufwärts für halbsättigende Produkte erwarte ich mir etwas mehr Rumms. Denn wenn ich nur rausschmecke, dass da irgendwas fehlt, dann kann ich auch gleich selbst kochen.

Die Faszination mit dem Thema Essen und Nahrungszubereitung darf mir herzlichst gerne ein Rätsel bleiben. Wie man aus einem praktischen Umstand eine verkniffene Leidenschaft kreiert, für die Leute Hunderte von Euros ausgeben, scheint mir eher ein kluger Marketingtrick als echtes Engagement seitens irgendeiner Industrie. Und zweifelhafte lukullische Vergnügungen kriegt man auch mit wenig Geld hin – ich weiß, wovon ich schreibe. Aber jeder braucht ein Hobby, und der Mensch als Gemeinschaftstier wird wohl glücklicher, wenn er im Kollektiv schnibbelt.

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