I’m a little late to the party ODER: Besser spät als nie…

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Ich bin dank einer ausgelebten Kindheit bei meinen Großeltern ja ein ambitioniertes Nachkriegsenkelkind: geprägt von der großelterlichen Ansicht, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte und es deshalb aufgehoben wird, gepaart mit der Grundhaltung sozialisitischer Arbeiterfamilien, dass man alles immer mal wieder für irgendwas brauchen könnte, und es deshalb aufgehoben wird, weil man ja nie weiß, ob mal richtig schlechte Zeiten kommen, kann man nur dankbar sein, dass meine Familie damals nur alle paar Jahrzehnte übersiedelt ist. Es hätte uns viele Freundschaften und zahlreiche Bandscheiben gekostet, die Tonnen an „Lass es uns mal lieber aufbewahren, man weiß ja nie“-Krempel durch die Weltgeschichte zu transportieren. Das mache Jahrzehnte später lieber ich als Erwachsene beim gefühlten 20. Umzug fünf Jahren. Plunder von einem Keller direkt in den nächsten verfrachten – schreien könnte ich vor lauter Idiotie, und hab ich auch schon oft genug …

An sich war ich immer schon ein reduzierter Mensch: ich kann Dekoplunder nicht wirklich ausstehen, weil man Platz besser nutzen kann, als unnützes Zeugs draufzustellen (eine durchaus stilsichere Mutter und Jahre in WGs und Kleinwohnungen haben mich abseits des großerlterlichen Einflusses gut geschult). Zudem fand ich „schon immer“, dass zu viel – egal von was – eigentlich wenig Sinn macht, weil man ohnehin immer nur eine begrenzte Zahl an Sachen benutzen mag und kann. Nur der Sicherheitsgedanke von anno Schnee, eingangs liebevoll umschrieben, saß mir lange im Genick: „wenn du das jetzt weggibst/wegwirfst/rituell verbrennst/dematerialisiert, dann fehlt es dir womöglich irgendwann später mal, wenn es dir schlechter geht und du es dringend brauchen würdest…“. Also: aufbehalten, wegpacken, mitschleifen, genervt von der eigenen Angst vorm Leben sein.

Und dann kam Lina Jachmann, zum Glück. Ich bin ein paarmal um ihr Einfach leben rumgeschlichen, weil ich Bücher meist gebraucht kaufe (ist günstiger und hat Mehrwert, sozusagen), und hab’s dann doch eingepackt … zum Glück. In einem Stück durchgelesen, hatte ich den Kopf sofort voller Ideen bezüglich materieller Erleichterung und geistiger Weiterbildung, auch wenn letzteres dem Grundsatz eines ambitioniert gelebten Minimalismus wohl erstmal ordentlich widerspricht (Stichwort: Lesen bildet, ich brauche noch mehr Bücher zum Thema Minimalismus, Slow-Fashion, Nachhaltigkeit, Ausmisten … wobei: Bücher gehen immer, zumindest bei mir!). Außerdem habe ich dann auch gleich mal den Inhalt meines Kleiderschranks ordentlich reduziert, weil, himmelarschnochmal, wie viele einfache weiße T-Shirts kann eine Frau besitzen, die nicht (mehr) als Kellnerin und noch nie und wohl auch niemals als Pflegekraft (ge)arbeitet (hat)? Wenn sich meine Lebenslage jemals so verschlechtert, dass mein blankes Überleben nur von der Anzahl an ’sicherheitshalber mal‘ aufbewahrten weißen T-Shirts abhängt, würde ich trotzdem noch 100 werden, locker. Tabula rasa war in dem Fall auch nur auf Ausmisten beschränkt, denn dass in diesem Schrank bis jetzt mit ganz wenigen Ausnahmen praktisch ausschließlich (schick und geschmackvoll umschrieben) „Fast Fashion“ oder auch (direkt und deutlich umschrieben) „menschen- und umweltverachtender Kackdreck“ rumfliegt, war mir schon klar. Die Menge an weißen T-Shirts hätte ich mir sonst gar nicht leisten können, zu keinem Zeitpunkt in diesem Leben und auch nicht über die Jahre verteilt …

Ich hab immer noch zu viel Klamotte. Auch immer noch zu viele weiße Shirts, aber das wird schon noch. Das innere Nachkriegsenkelkind lässt eben nicht so leicht locker, da geht es dann eben auch mal in kleinen Schritten voran. Aber ansonsten fliegt der Plunder hier raus, dass es nur so rauscht. Der Held meines Herzens, an sich mit Ausnahme seiner Bücherregale ein tatsächlicher Minimalist erster Güte, gibt sich beeindruckt und scheint auch ein kleinwenig begeistert ob der stetig zunehmenden Luftigkeit unserer geteilten Traumwohnstätte. Ob seine Begeisterung und Unterstützung sich auch noch halten, wenn ich das erste Mal Waschmittel selbstgemacht habe und und die Wäsche samt Waschmaschine und Wohnung nach zu heiß gewaschenem Kastanienmatsch riechen, wird sich zeigen. Wie sagt er immer: „Leben am Limit“ … Genau!

Man lernt immer dazu, und ich ganz besonders – weil es genug zum Lernen gibt, even if I’m a little late to the party. Es bleibt spannend.