Das Motivationsschreiben oder: Are you fucking kiddin’ me?

Bei den diversen freien, eigenverantwortlichen, geringfügigen oder sonstigen kreativen Beschäftigungs(förderungs)verhältnissen am Rande des Karrierespektrums ist es ja oft so, dass einem die allzu klassischen Abläufe der Jobsuche erspart bleiben (bei Leuten wie mir, die „Teamfähigkeit“ für eine Beleidigung ihrer selbstständigen Denkweise und “Networking” für was Unzüchtiges mit Massageöl und Fischernetzen halten, hat das definitv Vorteile). Vorstellungsgespräche haben meist nur eine (Knockout-)Runde und in der Regel ist es ausreichend, wenn man eine höfliche Standardmail mit Lebenslauf im Anhang sendet, um mal sein potentielles Plätzchen im Auswahlverfahren zu markieren, ohne weitere übertriebene Extraleistungen.

Selten gefragt ist dabei das titelgebende Motivationsschreiben, eine sinnlose Strafaufgabe direkt aus der Yuppie-BWL-Hölle der USA, die natürlich auch in unserem Raum übernommen werden musste, weil der asoziale 08/15-Gleichschaltungs-Ami-Scheissdreck ja immer besonders zieht, Stichwort Kulturimperialismus u.ä.. Universales Motto dieser Übung allerorts schien mir schon immer ein herzhaftes “Jetzt lasst uns mal ’ne nette kleine Einstiegshürde basteln, damit uns nicht jeder einarmige Vollpfosten mit Grundschulwortschatz anschreibt“ zu sein. Dann doch schon mal lieber eine Stunde des Lebens der potentiellen Einkommensanwärter damit verschwenden, dass ein ewiggleicher, unpersönlich-schleimiger BlaBla-Sermon Marke Googlevorlage-Copy&Paste produziert wird, den sich erst recht keiner durchliest, weil ja ohnehin immer der gleiche Scheissdreck drinsteht.

Was soll man denn auch bitteschön in so einem “Motivationsschreiben” schon großartig Erhellendes verewigen?

  • “Leute, ich bin ein egozentrisches Arschloch mit Stegaslenie und einem leichten Hang zur Cholerik, aber der Stundenlohn, den ihr da genannt habt, der könnte glatt dafür sorgen, dass ich meine eigenen Probleme für etwa 30 Minuten täglich großzügig links liegen lasse, um bei euch ein bisschen den produktiven Teamheini zu machen; weil, Teamfähig bin ich wie Sau, da machen ja andere meine Arbeit”
  • “Ich bin so blöd und oberflächlich, wie ich auf meinem Bewerbungsfoto aussehe, aber mein Kaffee ist spitze und ich kann auch super tippen, echt jetzt, solange mir halt nicht die Krawatte auf der Tastatur im Weg ist”
  • “Ganz ehrlich: ich brauch ’nen Job, ihr habt ’ne Stelle frei die innerhalb des Spektrums meiner besonderen Fähigkeiten und Ausbildungen liegt. Ich mache meinen Job und ihr zahlt mich dafür – Deal?”.

Natürlich hat der ganze Scheissdreck nicht nur System, sondern auch Sinn, das ist mir schon klar (Doktorat sei Dank durfte ich bei dem Zirkus ja auch schon mitmachen); effizient durch die Bewerbungsphase auf Seiten der Ausschreibenden ist die Devise, bloß keine Besonderheiten oder ein wenig Individualität, sondern standardisierte Ausbildungen, Fortbildungen, Lebenswege, Beweggründe, Motivationen. Jede Branche hat ihre bevorzugten Bestseller und Dauerbrenner, die das HR-Department erfreuen. Weil man ja nichts besseres zu tun hat, und sich auch ja alle immer ganz wichtig vorkommen sollen…

Mit ein bisschen Glück und Geschick reicht eines dieser zauberhaften “Motivationsschreiben” auch für mehrere Versuche; in diesem Fall nur bitte immer vergewissern, dass die Unternehmen und Insitutionen richtig ausgetauscht und reinkopiert wurden – sonst folgt eine beleidigt und dezent indignierte Anwort, in der sich die Exzellenzuniversität VonUndZuGroßerName-KleinerOrt „bedauerlicherweise außerstande sieht, Ihren Antrag in weiterer Instanz zu bearbeiten, da Sie sich gemäß Ihres Motivationsschreibens eher dazu berufen fühlen, hervorragende zweisprachige Texte mit dem besonderen Etwas für sexybutts.de und dirtymothafuckacum-in.com zu verfassen“.

Tja, was soll ich sagen… Ich hasse nun mal Zeitverschwendung.

Shit people say ODER: „Also für dich als Frau hätte ich ja einen speziellen Auftrag…“

Manche Menschen verfügen über eine wahre Fülle an Talenten und können dementsprechend mit kreativen, praktischen und sozial kompetenten Eigenschaften ihre Miete und weitere Kosten decken; dazu gehöre ich leider nicht. Neben Eigenständig-Atmen, Aufrecht-Gehen-&-Stehen sowie bei Bedarf mit Offenen-Augen-geradeaus-Schauen zeichnen sich meine Möglichkeiten zur monetären Selbsterhaltung durch bescheidene Überschaubarkeit aus. Zu diesen zählt auch die professionelle Textproduktion jeglicher Art, nicht zuletzt im Onlinebereich. Schnell, anonym, flexible Zeiteinteilung, Heimarbeit – für weltfremde Nachteulen mit beschränkten sozialen Kompetenzen also optimal.

Nun ist es in der professionellen Textproduktion mit leicht werbender Schleimgrütze im Abgang ja grundsätzlich selten so, dass man über die Dinge schreibt, mit denen man sich gut auskennt – die wahre Kunst ist an dieser Stelle schließlich, auch für die hinterletzte Website mit den unattraktivsten und unbekanntesten Produkten informative Texte zu schreiben, die zugleich Begehren schaffen. Ob ein Doppelcarport Premium mit Trapezdachplatte, Feng-Shui-Elemente für die optimal eingeschwungene Deluxe-Hundehütte oder Kosmetikplunder mit der Garantie zur Vollverarsche – auch SIE können sicher nicht ohne! Und so Tippsen wie ich bringen mit ihrem oberflächlichen Kurzzeit-Wissen in einem knackigen, bedarfsorientierten Stil textuell den Schrott unter die Leute, salopp umschrieben.

Wer nun glauben möchte, dass vorurteilsbeladenes Verhalten bezüglich der deutlich erkennbaren Geschlechtszugehörigkeit nur in bestimmten Situationen und Etablissements aufkommt (Stichwort: Kneipe, Bar, Bordell, Straßenstrich), der/die/das irrt. Wo sonst primären Geschlechtsmerkmalen die Schuld für mangelhaftes Benehmen und fehlerhafte Zuschreibungen gegeben wird, zählen in der Auftragsvergabe der Textfließbandproduktion genetisch determinierte Interessensgebiete. Soll bedeuten, dass Aufträge weniger nach tatsächlichem Wissen, sondern mehr gemäß dem ausgesprochen professionellen und erfolgsversprechenden „Also du als Frau kennst dich da ja sicher aus“-Motto vergeben werden. Ein Motto, das nicht nur alle Gender_Beauftragte_N dieseits und jenseits des Hausverstandes zu lauten Schluchzern und leiser Realitätsflucht animiert, sondern auch die Grundlage für einige nette textuelle Absurditäten sein kann.

Nicht nur absurd, sondern beinahe schon abartig pervers sind dann dementsprechend eben jene Auswüchse, die dazu führen, dass eine glücklichst kinderlose Tippse in den fidelsten Ewig-Jungen-Jahren (ja richtig, ich!) plötzlich über die kaum in Worte zu fassenden Vorteile sogenannter Kombikinderwägen schreiben muss, von denen sie natürlich noch nie zuvor gehört hat und hoffentlich auch nie wieder hören wird. In diesen Teilen kann man die zweibeinige nächtliche Ruhestörung in den ersten paar Jahren praktisch vom Geburtskanal bis an die Tore des Kindergartens rollen, im jeweils passenden Multifunktionszu- und umbau natürlich. Eine grandiose Entwicklung im Bereich des Kleinkindtransportgewerbes also, vor allem preislich. Das wertvolle Wissen für die Erstellung von Texten, die unter anderem auch zum Kauf eines Möchtegern-Jaguars für zukünftige Erben und die Hoffnungen dieser Welt motivieren sollen, gewinnt man als völlige Nulpe im Themenbereich übrigens (und wie immer ganz generell) im Netz. Bei der Recherche in diversen Internetforen a’la „Hormone statt Hirn – Mutterschaft und du“ darf man so manche illustren Erkenntnisse zum genannten Thema in Erfahrung bringen, die im Kontext der halbwegs informativen Texterstellung tatsächlich enorm hilfreich sind. Schließlich möchte man ja niemandem den falschen Stoßdämpfer für den Fahrrad-Anbausatz des Schnulli Extreme 3000 Deluxe Pro aufgrund mangelnder Fachkompetenz andrehen. Das könnte bei längeren Ausflügen nämlich zu einer asymmetrischen Verteilung des Windelinhalts führen, was wiederum wenig erfreulich für Windelbefüller und Windelentleerer ist – meinte damals im Forum zumindest „CheyenneproudmommyJustin“. Und die klingt so, also ob sie wüsste, worüber sie schreibt. Vor allem im Gegensatz zu mir. Auch diverse Sicherheits- und Reinigungshinweise übernehme ich natürlich dankbarst – in der KleinkindKotzKunde bin ich schließlich nicht bewandert und ob die abnehmbare Babyschale problemlos in den Porsche Cayenne passt oder man sich dafür doch ein anderes Hauptberufliche-Gattin-Gefährt zulegen muss, damit einem der Airbag beim Kuscheln mit der Säule im Parkhaus nicht den Nachwuchs an die Heckscheibe pfeffert, tangiert mich abseits beruflicher Notwendigkeiten noch nicht mal peripher. Aber das macht auch nichts, denn immerhin sollen so wahnwitzige Textmaschinen wie ich den Plunder ja nur halbwegs ordentlich bewerben und nicht direkt verkaufen, zum Glück. Denn ich weiß nicht, was ich da tue…oder wie meine Omama sagen würde: Rebel without a cause

Beginners only

„Wat mutt, dat mutt“ …spricht der weise Klugscheißer mit Hang zum Fatalismus gerne mal locker aus. Kommt gut in der nachmittäglichen Doku-Soap (Scripted-Shit), eignet sich auch, um bei semiprofessionellen Personalmeetings  mal locker-flockigen Kontakt zum einfachen Mitarbeitersegment zu simulieren und aus akademischem Munde signalisiert es eine intellektuelle Sympathie mit dem postmarxistischen Kampf um Lohn fürs Brot. Eine multifunktionell einsetzbare Volksweisheit sozusagen.

Eine besonders ironische Note im Abgang enthält besagte kluggeschissene Weisheit aber für Studenten und jene, die es zumindest theoretisch sind. Multifunktionalität vom Feinsten ist gefragt, wenn neben der Nahrung fürs Hirn auch noch ein wenig Nahrung für den Rest des Körpers beschafft werden soll. Wer nicht der vielbeneideten HaBeSöTö-Fraktion (Hauptberufliche Söhne/Töchter) angehört, muss sich mit den unterschiedlichsten und durchaus auch eindrucksvollen beruflichen Nebentätigkeiten vertraut machen, die man im Vollbesitz seiner (vor allem) körperlichen Kräfte ausüben könnte. Das schult für die Zukunft als Arbeiterameise, lehrt devoten Gehorsam, trägt zur Widerstandsfähigkeit bei und eröffnet einem Welten, bei denen man sich auch im Nachhinein nicht sicher ist, ob deren Öffnung tatsächlich notwendig für die berufliche und persönliche Weiterentwicklung war. Doch wir sind ja keine Karrieristen, wir sind Studenten und können ruhig hart rangenommen werden, bevor wir nach Abschluss des Studiums automatisch in die Führungsetage renommierter Firmen strömen, um dort vom ersten Tag an für wenig Arbeit ein exorbitantes Gehalt zu kassieren. So läuft das nämlich immer, ausnahmslos. Vor allem in den Geisteswissenschaften. (Ich verbitte mir an dieser Stelle hämisches Gelächter auf den billigen Plätzen.)

Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird erkannt haben: „Hier schreibt eine Geisteswissenschaftlerin!“ (Richtig. Auf Wunsch dürfen gerne 100 Punkte gutgeschrieben werden, Waschmaschinen gibt es allerdings nicht.) „Und die will ein Buch schreiben!“ (Falsch. Denn sonst würde ich hier nicht WordPress plagen, sondern überarbeitete, unterbezahlte Verlagsangestellte. Die 100 Punkte werden im Bedarfsfall an dieser Stelle wieder abgezogen, Waschmaschinen gibt es immer noch nicht.) „Die will hier jetzt in dutzenden Post rumjammern, wie hart das Studentenleben sein kann.“ (Falsch. Dafür gibt es -100 Punkte, wer jetzt genervt die Augen verdreht, muss zur Strafe die „Shades of Grey“-Trilogie lesen.)

Richtig ist vielmehr, dass im Leben ja vieles eine Frage der Perspektive ist – eine weniger volksweisheitliche, trotzdem aber immer noch klugscheißerische Feststellung. Kommt bezüglich der Intensität an diskutabler Weisheit auch weniger aus der Philosophie (Kant und Nietzsche rotieren im Grab) als aus der Psychologie, wahrscheinlich aber aus dem amerikanischen Self-Improvement-Gedöns. Kann aber trotzdem hilfreich sein, um sich den grauen Alltag zwischen den heiligen Hallen der akademischen Bildung und dem simplen Brotjob ein wenig unterhaltsamer zu gestalten. Denn wer längerfristige akademische Abenteuer über ein Diplom (bzw. Bachelor/Master) hinaus plant, ist ebenso längerfristig Teil der erlauchten Gemeinde der multifunktionellen Jobhopper. Und daraus lassen sich mitunter interessante, wenn nicht sogar amüsante Erkenntnisse gewinnen. Die man ja auch mal schriftlich festhalten kann, um damit im virtuellen Nirvana Menschen zu beglücken, die sich dank des Blogtitels einen schlüpfrigen Inhalt erhofft hatten. Oder zumindest ein paar Schmuddelbildchen zur Inspiration für weiterführende Genitalgymnastik.

Stattdessen gibts jetzt betitelungsmäßig eine Mogelpackung mit erhofftem Mehrwert – sozusagen. Wat mutt, dat mutt.