Help yourself oder: Hamm’se das auch in nicht-pink?

2017-04-26-20-46-47.jpg

Die holde Nebenerwerbstätigkeit, die bei selbstverschuldeter unsachgemäßer Zeitplanung oftmals zur intellektuellen Hauptherausforderung wird, birgt nicht nur finanzielle (Teil)Absicherung, sondern manchesmal auch unerwartete Inspiration für unentgeltliche Nebentätigkeiten; einfacher gesprochen: der Alltagswahnsinn kennt keine Grenzen. Auch und gerade nicht im Einzelhandel, der mir neben anderen Sachen ebenfalls bei der Begleichung meiner Lebenserhaltungskosten behilflich ist.

Meinereiner verdient sich in einem Laden für Kinderspielzeug und -accessoires (Altergruppe etwa 0-4) „was dazu“. Meinereiner ist zudem glücklichst freiwillig kinderlos – nach einem langen Arbeitstag durchwegs noch glücklicher ob dieses Umstands. Kurzum: man findet also beim Öffnen der Ladentür eine durchwegs kompetente und hocherfahrene Beratungskraft für den Erwerb von Beschäftigungs- und Dekoequipment für untergroße Noch-Nicht-Erwachsene vor, zumindest in der Theorie. Praktisch bediene ich mich i.d.R. einiger weniger Standardaussagen, weil gerade im Alter zwischen 0 und 4 schlicht noch nicht so umfassend der Bär steppt, wie sich das diverse hochambotionierte angehende Waldorf/Montessori-Eltern gerne vorstellen, meist unterstützt durch eine linguistisch durchwegs hochgeschraubte Marketingrhetorik, die einem auch noch den durchgesifftesten Wattebausch mit Holzspanresten als „haptisches Wunderwerk der frühkindlichen Wahrnehmungserfahrung“ verkauft. Tatsache.

Im Kinderbedarfshandel hat man es meist mit fröhlichen Leuten zu tun, was ebenso meist eine angenehme Verkaufsatmosphäre begünstigt. Gröbere Stressfaktoren ergeben sich allerhöchstens durch freilaufende Kinder, aber jeder Job hat seine Mankos, da muss man sich arrangieren. Gefaktes Interesse am schlafenden Nachwuchs im Kinderwagen oder ähnliches wird glücklicherweise selten gefordert, etwaige Gespräche zu Alter, Größe, Futtergewohnheiten und Stuhlgang selbigen Nachwuchses ergeben sich normalerweise nur durch Nachfrage des Verkaufspersonals und somit meinerseits nie, was ebenfalls einen freundlichen und effizienten Ablauf der professionellen Interaktionen begünstigt. Wenn also in solch lieblicher Umgebung jemand aufschlägt, deren „gute Laune“ einem förmlich duch den halben Laden entgegenweht, dann hat das nicht nur Seltenheitswert, sondern birgt auch eine gewisse Ironie in sich.

Deutlicher gesprochen: wenn einem 30 Jahre ambitioniert gepflegter Alkoholismus anmutig ins Gesicht blicken und eine leicht krächzende (Ex?)Raucherstimme, bemüht um eine korrekte Aussprache, die spannende Frage „Hamm’se auch Bussel?“ äußert, dann liegt die Vermutung nahe, dass heute vielleicht mal ein wenig Abwechslung in den Laden kommt. 
Die Dame sieht sich kurz um, das Vuittontäschchen rutscht ihr dreimal von der Schulter, die Chaneltreter quietschen; sie sieht gutbetucht und völlig hinüber aus. Weit entfernt von Tetrapack und Selbstgedrehter wird hier der Leberzirrhose auf Basis von Sektfrühstück ohne Frühstück und einem „gepflegten (Fass) Wein nach Feierabend“ gehuldigt; weniger, ähm, „angeschickert“ würde Madam definitiv zu unserem Zielpublikum zählen, Stichwort „betuchte Großmutter im Jugendwahn“. 
Nachdem sich die erste Überraschung gelegt und man aus purem Selbsterhaltungsstrieb beschlossen hat, aufgrund der völlig neuen olfaktorischen Erlebniswelten nur mehr ganz flach ein- und auszuatmen, antwortet man ganz kompetent mit „ja natürlich“. Mutig schreitet man durch die Wolke an liebevoll kultivierten Ausdünstungen, um die „Bussel“-Ecke zu erreichen und dem Wunsch der Kundin zu entsprechen. Selbige bemerkt die Bewegung im Raum, fasst sich  ein Herz, dreht sich hochkonzentriert und schwungvoll eineinhalb Mal, und dann noch ein halbes Mal, und torkelt einem auf unsicheren flachen Tretern nach. Ein Schauspiel der Selbstkontrolle auf höchstem Niveau, nur eine Nacht im Weinkeller ist schöner. Die „Bussel“ schillern in allen möglichen Farben und Formen für die Altersgruppe von Null bis Vier, es werden die beliebtesten Dauerbrenner vorgestellt, damit auch mal was weitergeht. Den gelblichen Zeigefinger beinahe zielsicher zwischen Wand, Regalboden und einem pinken Ballerinapuzzle rangierend kommt es zum Gesprächshöhepunkt:

„Hamm’se das au in ned-pink? So unrosa halt?“
„Nein, das Ballerinapuzzle gibt es leider nur in pink, es ist aber auch das einzige in pink. Ansonsten haben wir aber viele Puzzle in anderen Farben.“
„Hm, ähm, äha. Hamm’se noch was anderes zum schpielen für so Kleine?“
„Nein. Leider.“

Ich hätte natürlich nach dem Alter und etwaigen Interessen des Kindes fragen können – im Normalfall hilft sowas enorm weiter. Ich hätte mir mehr Zeit für die Dame nehmen können, schließlich gibt es Leute die behaupten, dass auch Säufer Menschen sind – und nach drei Jahren Gastgewerbe bin ich Leute mit Schlagseite ja auch durchaus gewohnt. Ich hätte sie nach ihren ungefähren Vorstellungen im Sinne der Goetheschen Farbenlehre befragen und ihr in ihrem Zustand vermutlich den halben Laden andrehen können, solange es die richtige Farbe gehabt hätte. Ich hätte ihr einen Eimer Wasser, eine Packung Pfefferminzbonbons und einen guten Therapeuten empfehlen können.

Hätte, hätte, Fahrradkette…

Wer so deutlich nach hart erarbeiteter guter Laune riecht und trotzdem noch nicht brennbar ist, der kommt auch ohne nicht-pinkes „Bussl“ gut durchs Leben. Oder zumindest geschmeidig.    

 

 

A student’s life, Pt. wtf: Lasst euch nicht lumpen, hoch den Humpen!

Stereotype und Klischees helfen uns, die Welt um uns herum in eine gewisse Ordnung zu bringen und uns dementsprechend zu orientieren. Da man sich im Zweifelsfall auch nach einem kaputten Kompass orientieren kann, sei die Validität solcher umweltlichen Orientierungsmaßnahmen mal dahingestellt, ihre Präsenz ist jedoch offensichtlich und hartnäckig. Natürlich kann man diese Stereotype und Klischees auch aufgreifen und künstlerisch/akademisch/intellektuell/humoristisch aufarbeiten, was mit mehr und auch weniger Erfolg gelingt – denn Klischees abzuklopfen ist ja immer unterhaltsam und bringt Quote (Stichwort: das Mario-Barth-Syndrom – Diagnosekriterium: altbekannte Kacke in altbekanntem Kontext frisch aufkochen).

Dankbar wird das Konzept dann, wenn sich Klischees erfüllen: Studis machen gerne Party. Stimmt. So wie viele andere Menschen auch. Vor allem jüngere Leute und/oder all jene, die von der Verantwortung des eigenen Lebens (noch) nicht völlig erdrückt wurden (wobei auch dies ein beliebtes und populäres Motiv ist, zum einen oder anderen Fläschchen zu greifen – richtig, auch hier grüßt das Klischee. Mitarbeitsplus!). Was sich im Studentenleben aber oft praktisch mit der Erledigung zwischenmenschlicher Verpflichtungen feierlicher Natur arrangieren lässt, ist der oft eher flexible Alltag. Wer am nächsten Tag erst mittags sein System für Arbeit oder Uni hochfahren muss, der darf sich auch ohne schlechtes Gewissen um 3 Uhr morgens noch ein Bierchen in die Figur stellen. Zumindest theoretisch. Wer schon früher raus muss, vielleicht sogar aus beruflichen Gründen, der wird selbiges womöglich mit schlechtem Gewissen tun. Das trifft aber nicht nur auf Studenten zu. Denn man soll ja (Vorsicht, Volksmund) die Feste feiern, wie sie fallen.

Ich konnte zwischen fallenden Festen meiner Schulzeit und jener meiner Studentenzeit übrigens noch nie große Unterschiede feststellen, außer bezüglich meiner körperlichen Konstitution. Weiß man einmal fix, dass der nächste Morgen kein früher sein muss, werden Verabredungen getroffen, Lokalitäten oder Freunde besucht und die Humpen gehoben. Das stärkt die Armuskulatur, die interpersonale Kommunikationfähigkeit und die allgemeine Fitness, falls der Abend im besten bzw. schlimmsten Fall mit akrobatischen Höchstleistungen in horizontaler Schieflage endet. Ist die Trainingsfrequenz im Humpenheben jedoch hoch genug, so ist auch der schlimmste Fall kein arges Übel, denn die Gedächtnisleistung ist nicht selten stark eingeschränkt und wer klug trainiert, schafft auch den stilsicheren Abgang. Eine Fertigkeit, die allerdings Übung verlangt.

Der Unterschied zwischen Schul-und Studienzeit zeigt sich bei mir beinahe ausschließlich in dem (leider sehr klischeehaften) Abbau der körperlichen Trainingsleistung – der durchschnittliche Humpen wiegt mittlerweile schwer, weniger im Bizeps denn im Restkörper spürbar. Soll also am nächsten Tag ein gewisses Maß an Leistung erbracht werden, so wird aus dem Humpen auch mal ein Hümpchen, was dann eher in der Ausdauer als im Aufbau trainiert. Ist der nächste Tag Teil eines sogenannten „Wochenendes“, an dem auch mal nichts zu tun ist, dann jedoch fallen nicht nur Feste, sondern auch ich, und zwar kopfüber in den nächsten Humpen, so aus purer Nostalgie… Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, zu denen der Lateinunterricht völlig neue und faszinierende Facetten gewonnen hat, nachdem ich dort mit 1,0 Promille Restalkohol aufgeschlagen bin. Dass sich für meine unmittelbaren Sitznachbarn auch olfaktorisch mit meiner Ankunft neue Facetten eröffnet haben, war mir damals noch nicht bewusst. Diese naive Unschuld der minderjährigen Humpenheberin hat sich im Laufe des Trainings leider verflüchtigt, ebenso wie das „minderjährig“ und die „Unschuld“. Ich kann mich allerdings nicht an Zeiten erinnern, an denen ein Unibesuch mit Restrausch – oder auch nur einem Kater – diesselbe Fazination und Begeisterung in mir ausgelöst hat. Allerdings bin ich in diesem Zustand auch noch nie in einer Latein-LV gesessen, sollte ich vielleicht mal probieren.

Die nachlassende Trainingsleistung zeigt sich aber nicht nur in mangelnder Begeisterungsfähigkeit für narkotisierend wirkende Lehrinhalte. Wenn ich ein kleines Kätzchen vom Vorabend mit mir rumschleppe, neige ich zu erhöhter Unfallfrequenz – sprich: man sieht an der Zahl meine blauen Flecken und Blutergüsse, ob ich mal wieder öfters gefeiert habe und der Kompass wieder kaputt ist. Interessanterweise bin ich in diesen Fällen aber auch in vertrauten Gefilden mit einer konstant gleichbleibenden Zimmerblindheit geschlagen – liebe Freunde haben in diesem Zusammenhang schon drastische Maßnahmen ergriffen. Wenn ich also nach einer kollektiven Trainingseinheit bei mir morgens erwache und der Sofatisch steht am Balkon, die Ecken der Abzugshaube überm Herd sind mit Küchenpapier und Tesafilm überklebt und alle umherliegenden Schuhe und Bücher sind auf einem Haufen unter dem Esstisch gesammelt, dann weiß ich, dass ich am Vorabend nicht alle Besucher persönlich verabschiedet habe. Vom nagenden Schmerz des übertrainierten Humpenellbogens muss ich Kennern der Materie ohnehin nichts erzählen.

Doch ich lasse mich nicht lumpen – als Studentin bin ich potentielles Zielpublikum jeder Lokalität, die über einen funktionierenden Zapfhahn verfügt und Flyer druckt, auf denen irgendwas mit „Party“ steht. Und auch wenn diese Lokalitäten glücklicherweise nicht von mir alleine abhängig sind und ich Flyer, wo irgendwas mit „Party“ draufsteht, grundsätzlich entsorge – ich hebe den Humpen. Manchmal. Wenn ich am nächsten Tag ausschlafen darf. Und nicht heute. Weil ich morgen früh raus muss.

 

Edit: Zuerst fiel mir Lützenkirchens „3 Tage wach“ ein – aber das ist eine gänzlich andere Geschichte und hat nur am Rande was mit Humpenheben zu tun. Deshalb zur abschließenden Inspiration nach der klischeehaften Lektüre ein wenig Remmidemmi…