Bitch please, oder: das ist nicht Kunst, das kann weg

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Direkt aus der Jobhölle des Teilzeitgrauens für Menschen, die „was mit Büchern und Sprache“ studieren oder studiert haben, finden sich immer mal wieder diverse Jöbchen im Bereich der verbessernden tertiären Textgestaltung, sprich: Korrekturlesen. Der Laie denkt sich: wunderbar, leicht verdientes (Schwarz)Geld. Der semiprofessionelle Kollege weiß: kann so sein, muss nicht, ist selten so. Abseits wissenschaftlicher Arbeiten von legasthenischen ADHSlern und anderen gibt es auch diverse Medien, die ihre hart erwirtschafteten Werbemittel in die gehobene Überprüfung von Grammatik, Interpunktion und Rechtschreibung stecken, um sich vor der geneigten Leserschaft nicht völlig zu blamieren. Das dabei nicht immer die besten der Zunft zum Zuge kommen, zeigen Schlagzeilen wie „Aller guten Dinge sind drei – Drilllinge im Königshaus“ oder „Hier ist man gut zu vögeln“.

Ich zähle mich nicht mal im Traum zu den Besten der Zunft, schon alleine, weil ich immer mal wieder denglisch vor mich hin grammatisiere, wenn ich „in THE flow“ bin und auch weil ich schlicht (zeitlich und umfangmäßig) mehr Erfahrung in der Produktion teils fragwürdiger textlicher Ergüsse mitbringe; auch den Texten auf dieser Seite merkt man die teils mangelnde Zunftfähigkeit durchaus an. Aber wenn man mich will, dann kann man mich schon haben, um beim textuellen Feinschliff Hand anzulegen – hochkonzentriert und mit Spickzettel. Im Nachhinein stellt sich dann nur immer eher die Frage, ob ICH das wirklich gewollt haben würde, wenn ich gewusst hätte, was da kommt…

Ein vor kurzem absolvierter Auftrag in diese Richtung hat wieder einmal deutlich gemacht, dass „die Geschmäcker sind verschieden“ verlogener Bullshit  und „künstlerische Freiheit“ keine Entschuldigung für handwerkliche Unfähigkeit ist. Es ist beim Korrekturlesen an sich scharf zu trennen zwischen wissenschaftlichen Texten, deren sprachlicher Glanz auch gerne völlig unscheinbar sein darf, solange kohärent und stimmig geschrieben wird, und Medien/Werbe-„Texten“, die von einer charmanten Kombination an sprachlicher Kompetenz und ausreichendem Informationsgehalt leben. Verschiedene Geschmäcker und künstlerische Freiheit können sich also nach Herzenslust in der Literatur oder sonstiger Kunst austoben und der gehobene strukturelle Textfaschismus bleibt der Wissenschaft vorbehalten. Wenn ich aber eine zehnseitige Werbebeilage korrigiere, bei der sich mir nicht mal im Ansatz erschließt, what the fuck da jetzt eigentlich beschrieben wird, dann werde ich richtig, richtig pissig. Nicht aufgrund einer Korrektur, die im Grunde keine ist – denn als Korrektur bliebe eigentlich nur die rituelle Verbrennung des Texts samt seines Autors. Nö, ich werde pissig weil da jemandem für richtigen Scheissdreck richtig gutes Geld hinterhergeworfen wird, während unzählige gute und kompetente KollegInnen am Rande des Prekariats wandeln und womöglich auch noch genau hinter diesen wandelnden „künstlerischen Freiheiten“ herräumen müssen, als Korrekturleser, Lektoren, Drucker, Kellner, Putzhilfen oder sonstiges. Und hier zähle ich mich dann doch auch dazu, was aber kein Kompliment ist, denn das hätten viele besser gemacht. Sogar Analphabeten.

Nun mag man sich fragen: was soll diese ganze selbstgerechte Scheisse eigentlich, was will die nette, höfliche Dame eigentlich genau sagen? Und das darf ich dann natürlich nicht wirklich direkt beantworten, weil ich den Job ja noch weiter machen will. Ich darf sagen, dass ich es bei Korrekturaufträgen immer spannend finde, wenn sich mir durch den Text die „Aufgabenstellung“ bzw. Forschungsfrage erschließt, denn dann läuft es schon mal grundlegend in eine gute Richtung. Wenn das nicht passiert, dann hakt es gewaltig. Wenn das nicht passiert UND der Text nicht mal eine grundlegende Kohärenz und Sinnhaftigkeit mitbringt, dann wird es „schwierig“. Vor allem, wenn es keine Kunst sein soll, sondern durchaus allgemein verträglich. Wenn man also eine popkulturelle Theaterperformance mit antikem Background ans potentielle Publikum bringen möchte, sollte man dabei nicht klingen wie Modern Talking beim Gastauftritt in der chinesischen Oper. Die Kunst kommt in dem Fall nach dem Text, nicht im.

Und in diesem speziellen Fall kommt sie wahrscheinlich überhaupt nie, aber das ist auch schon egal. Isses eben Wunst.

[to be continued…]

Das Motivationsschreiben oder: Are you fucking kiddin’ me?

Bei den diversen freien, eigenverantwortlichen, geringfügigen oder sonstigen kreativen Beschäftigungs(förderungs)verhältnissen am Rande des Karrierespektrums ist es ja oft so, dass einem die allzu klassischen Abläufe der Jobsuche erspart bleiben (bei Leuten wie mir, die „Teamfähigkeit“ für eine Beleidigung ihrer selbstständigen Denkweise und “Networking” für was Unzüchtiges mit Massageöl und Fischernetzen halten, hat das definitv Vorteile). Vorstellungsgespräche haben meist nur eine (Knockout-)Runde und in der Regel ist es ausreichend, wenn man eine höfliche Standardmail mit Lebenslauf im Anhang sendet, um mal sein potentielles Plätzchen im Auswahlverfahren zu markieren, ohne weitere übertriebene Extraleistungen.

Selten gefragt ist dabei das titelgebende Motivationsschreiben, eine sinnlose Strafaufgabe direkt aus der Yuppie-BWL-Hölle der USA, die natürlich auch in unserem Raum übernommen werden musste, weil der asoziale 08/15-Gleichschaltungs-Ami-Scheissdreck ja immer besonders zieht, Stichwort Kulturimperialismus u.ä.. Universales Motto dieser Übung allerorts schien mir schon immer ein herzhaftes “Jetzt lasst uns mal ’ne nette kleine Einstiegshürde basteln, damit uns nicht jeder einarmige Vollpfosten mit Grundschulwortschatz anschreibt“ zu sein. Dann doch schon mal lieber eine Stunde des Lebens der potentiellen Einkommensanwärter damit verschwenden, dass ein ewiggleicher, unpersönlich-schleimiger BlaBla-Sermon Marke Googlevorlage-Copy&Paste produziert wird, den sich erst recht keiner durchliest, weil ja ohnehin immer der gleiche Scheissdreck drinsteht.

Was soll man denn auch bitteschön in so einem “Motivationsschreiben” schon großartig Erhellendes verewigen?

  • “Leute, ich bin ein egozentrisches Arschloch mit Stegaslenie und einem leichten Hang zur Cholerik, aber der Stundenlohn, den ihr da genannt habt, der könnte glatt dafür sorgen, dass ich meine eigenen Probleme für etwa 30 Minuten täglich großzügig links liegen lasse, um bei euch ein bisschen den produktiven Teamheini zu machen; weil, Teamfähig bin ich wie Sau, da machen ja andere meine Arbeit”
  • “Ich bin so blöd und oberflächlich, wie ich auf meinem Bewerbungsfoto aussehe, aber mein Kaffee ist spitze und ich kann auch super tippen, echt jetzt, solange mir halt nicht die Krawatte auf der Tastatur im Weg ist”
  • “Ganz ehrlich: ich brauch ’nen Job, ihr habt ’ne Stelle frei die innerhalb des Spektrums meiner besonderen Fähigkeiten und Ausbildungen liegt. Ich mache meinen Job und ihr zahlt mich dafür – Deal?”.

Natürlich hat der ganze Scheissdreck nicht nur System, sondern auch Sinn, das ist mir schon klar (Doktorat sei Dank durfte ich bei dem Zirkus ja auch schon mitmachen); effizient durch die Bewerbungsphase auf Seiten der Ausschreibenden ist die Devise, bloß keine Besonderheiten oder ein wenig Individualität, sondern standardisierte Ausbildungen, Fortbildungen, Lebenswege, Beweggründe, Motivationen. Jede Branche hat ihre bevorzugten Bestseller und Dauerbrenner, die das HR-Department erfreuen. Weil man ja nichts besseres zu tun hat, und sich auch ja alle immer ganz wichtig vorkommen sollen…

Mit ein bisschen Glück und Geschick reicht eines dieser zauberhaften “Motivationsschreiben” auch für mehrere Versuche; in diesem Fall nur bitte immer vergewissern, dass die Unternehmen und Insitutionen richtig ausgetauscht und reinkopiert wurden – sonst folgt eine beleidigt und dezent indignierte Anwort, in der sich die Exzellenzuniversität VonUndZuGroßerName-KleinerOrt „bedauerlicherweise außerstande sieht, Ihren Antrag in weiterer Instanz zu bearbeiten, da Sie sich gemäß Ihres Motivationsschreibens eher dazu berufen fühlen, hervorragende zweisprachige Texte mit dem besonderen Etwas für sexybutts.de und dirtymothafuckacum-in.com zu verfassen“.

Tja, was soll ich sagen… Ich hasse nun mal Zeitverschwendung.

Just s(h)itting here oder: neulich beim Vorstellungsgespräch

Auf die Technik der modernen Zeiten werden Loblieder gesungen und Engelschöre der Kreativität trompeten den Abzockern, ähm, pardon, Verantwortlichen bei Äppel, Gugel, Meikrosoft und Konsorten kreative Möglichkeiten der humanitären Alltagsverblödung, ähm, schon wieder pardon, Alltagserleichterung in den Arsch, dass die Kontostände eben jener jubilieren mögen; Fortschritt um jeden Preis ist das Motto, every single fucking second. Auch am früher so schön stillen Örtchen.

Nun sei festgestellt, dass ich grundsätzlich ein sehr zurückgezogener Mensch bin; ich mag zwar einen Hang zur ordinären Wortwahl zeigen (oder, wie meine Omma immer sagt: „Also sowas!!“) und daher ein wenig „laut“ erscheinen, aber ich bin wahrlich nicht die erste an oder auf der Rampe, und auch nicht die 15te. Eher die 150igste. Und eben weil ich so gerne unsichtbar bin, bin ich auch dezent in der Erledigung elementarer Körperfunktionen… Soll heißen: wenn ich einen ziehen lasse, kann schon mal der/dem ein oder anderen flau werden, es können Fliegen sterben und meine Mieze sich unter dem Bett verstecken, aber eines geschieht sicher nicht – dass irgendwer was hört. Nö.

Es gibt Situationen im Leben, da sollte man nicht unsichtbar sein, weil es schlicht schlecht fürs Geschäft ist. Dazu zählen etwa Vorstellungsgespräche, auch jene, von denen man schon im Vorhinein weiß, dass es eine Nullnummer wird. Weil ich bei günstiger Sternenkonstellation, harmonischem Biorhythmus und ausreichend Baldrian im Kaffee auch gerne mal guten Willen zeige, schlage ich dann schon mal bei potentiellen Leerläufern auf, egal wie bescheiden die Ausgangslage scheint. Nachdem ich aufgrund geographischer Missinterpretationen der Firmenschilder fünf Minuten zu spät komme, mache ich schon mal Eindruck bei der hauseigenen Keramik, bei der ich höflich anklopfe, um im Anschluss die Türe zu öffnen, meinen Lebenslauf vorzustrecken und meine üblichen Floskeln auszupacken; Klobesen und Waschbecken zeigen sich wenig beeindruckt, gesegnet seien all jene, die sinnerfassend ein Türschild lesen können. Zwei Türen weiter findet sich die Aufschrift „Empfang“, wo mein Auftritt zwar ebenso wenig zu beeindrucken scheint, dafür jedoch mehr Resonanz hervorruft. Ich werde nach kurzer Wartezeit zur Tür neben der Toilette geschickt, unbeschriftet – dahinter versteckt sich die „Kreativchefin“. Mehr Chefin als kreativ erklärt man sich gegenseitig, was man wollen sollte und nicht will, spricht sich viel Glück aus, schüttelt sich die Hände und weiß, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Das kurzzeitige Verlassen meiner Unsichtbarkeit geht oft mit einem dringenden Drang zum Toilettenbesuch einher, Stresspinkeln at its best. Glücklicherweise habe ich ja bereits herausgefunden, dass sich die Schüssel direkt neben der Chefität befindet. Einmal noch kurz strullern, dann raus und rum und heim. Schon wieder weg, schon wieder unsichtbar. Es wäre so schön gewesen. Wäre. Doch vor einigen Jahren haben findige Ingenieure mit überempfindlichen Nasen WC-Entlüfter ersonnen, die sich nach einem bestimmen Zeitraum – meist etwa drei Sekunden – automatisch einschalten, um den potentiellen Exitus durch akute Darmentleerungsnebenerscheinungen zu verhindern. Nix mehr mit Selbstbestimmung, kein eigener Schalter mehr für den eventuell gewünschten Raumluftaustausch. Dies wiederum weckt bei zurückhaltenden Menschen (MIR!!!!) den Verfolgungswahn alle Welt sei der Meinung, ich scheisse hier mal eben gepflegt ab, komme was wolle, zu Gast bei anderen Leuten kackt es sich umso gemütlicher. Je älter das Entlüftermodell, desto mehr Dezibel im Abgang, sehr entspannend am stillen Örtchen also.

Langer Rede bescheidener Sinn: unsichtbar bleiben wird immer schwieriger in einer Welt, in der man nicht mal mehr Rock, Strümpfe und Schlübber pflichtgemäß handhaben darf, bevor eine Boeing 747 im Hintergrund das individuelle Entleerungsverhalten untermalt. Ohne ausreichende Kenntnisse im Expressstrullern für Angewandte Urinierungskunde werde ich wohl weiterhin mit dem trivialen Drama meiner fehlgeschlagenen Stealthqualitäten im Pinkelbereich leben müssen. Weil es das stille Örtchen nicht mehr gibt und man gar nicht laut genug verkünden kann, dass gerade wieder jemand länger als fünf Sekunden auf der Keramik thront.

We are delighted to invite you, ODER: auf, auf zu den grauen Frauen

Wer hier ab und an reinliest möge geflissentlich verdrängt haben, dass ich neben trivialer Lebensführung tatsächlich auch ein Doktoratsstudium betreibe (sozusagen), und das ist völlig verständlich; nichtsdestotrotz bin ich in meinen akademischen Bestrebungen mittlerweile an einem Punkt, der mich dazu ermutigt, mit meinem Zeugs auch mal vor die Türe zu gehen, sprich: Proposals raus für Konferenzen und Journals (oder ähnliches…). Zum Glück ist der Punkt, an dem ich bin, singular, und so steht es auch mit den Proposals (eines hab ich sowas von gepflegt verpennt, und man kann sich natürlich auch nicht zu allem melden, also dauert’s manchmal); das eine meine hab ich dafür mit Schmackes und last minute 1 Stunde vor Annahmeschluss in rudimentärstem Englisch rausgeschickt. Entgegen aller Erwartungen hat sich dieser eine singuläre Versuch als absoluter Treffer erwiesen was heißt, dass ich im anstehenden Wonnemonat nach London reisen darf, um völlig fremde Menschen ins Wachkoma zu labern.

Nun hat die selbsterklärte Bildungselite des universitären Elfenbeinturms im Durchschnitt schon mal den ein oder anderen TED-Talk gesehen, wenn auch nur, um mitreden zu können; so ein TED-Talk ist nicht nur interessant und durchaus unterhaltsam, sondern weckt auch gewisse Erwartungen an das eigene Potential, das angesichts dieser Erwartungen jedoch nur müde lächelt und schon mal ein bisschen Lampenfieber vorglüht. Schließlich ist nicht jeder Vortrag gleich ein TED-Talk, auch wenn alles auf Englisch stattfindet. Und die freie Rede (im wörtlichen Sinne) wird gerade in der akademischen Vorhölle der gekränkten Eitelkeiten nicht immer gerne gesehen, auch wenn jeder aus eigner Erfahrung weiß, dass es nichts langweiligeres gibt als gehobene Gelehrte, die den Begriff „Vorlesung“ zu wörtlich verstehen. Gespräche mit KollegInnen sowie umfassende Recherchen haben mich erkennen lassen, dass auch mein Fachbereich einen „Talk“, zu dem ich geladen bin, nicht wörtlich versteht und das gelesene Wort bevorzugt wird. Kein Problem, schließlich ist dann die Gefahr geringer, dass ich mit 200km/h durch den Text brenne und mein DIY-American/Aussie-Slang jegliche Verständigungsbasis von vornherein ausschließt, egal wie professionell ich mit den Stichwortkarten wedle. Soweit sinn wa also mal vorbereitet.

Hätte der Held meines Herzens nicht mutig die Initiaive ergriffen und Teile der Reiseplanung übernommen – romantisch wie wir sind nutzen wir die Gunst der Stunde meiner öffentlichen Blamage für einen Städtetrip – wäre ich wahrscheinlich alleine Last Minute mit dem Zug nach London getingelt…Rucksack packen, Pass checken, färtisch. Oder Autostopp. Oder Fernbus. Irgendwas geht immer, im schlimmsten Fal man selbst. Dass ich also ein Dach über dem Kopf habe und nicht völlig abgeratzt nach 72-Stunden-Anreise im Hort der hehren Bildungsseligkeit aufschlage, haben all jene, die mich visuell und olfaktorisch wahrnehmen können, alleine ihm zu verdanken.

Lebensenergie, die ich bei der Planung einsparen durfte, hab ich dann in eine Fragestunde bei Tante Google investiert, Stichwort „LOL my conference” (oder so ähnlich). Prächtig, was andere sich so einfallen lassen, und beängstigend, was andere so machen müssen, wenn die Karriere danach verlangt. „Kaufen Sie sich einen grauen Hosenanzug, damit sind Sie immer gut angezogen.“ – abgesehen vom inhärenten Sexismus dieser Ansage für weibliche Konferenzler_Innen (Warum sollten Klamotten hier oberste Priorität haben? Wtf, wo bleiben all die gendergemainstreamten Fernweltgelehrt_Inn_en, wenn sie tatsächlich mal praktisch was machen könnten?) fürchte ich mich nun vor dem Heer der grauen (Fach)Frauen; „Wenn Sie neue Leute kennenlernen, tauschen Sie Visitenkarten aus.“ – Hä? Ausgerechnet der ach so durchtechnologisierte und digitalisierungsaffine (anglo)AMERIKANISCHE Raum empfiehlt den Griff zum analogen Urzeitneddwörkingtuhl?; “Notieren Sie Fragen in der Diskussionsrunde, damit Sie diese nicht vergessen. Zudem sehen Sie so interessiert aus.” – HA!!! Jawohl, einmal eine richtige und wichtige Erläuterung. Das werde ich mir merken.

Fairnesshalber sei gesagt, dass ich mir ausschließlich englischsprachige Quellen angesehen habe, da meine Arbeit ja vor allem für den englischsprachigen Raum interessant scheint; mein besonderes Mitleid gilt daher den Retortengelehrten in den USA, wo (Tante Googel nach) besonders viele graue Frauen mit Visitenkarten, Notizblock und den ewiggleichen ‘presentation skills’ ihr Dasein fristen. Da kann man sich im Rest der akademischen Westwelt ja glücklich schätzen, dass Hosenanzüge (zumindest scheinbar) nur Randthema sind.

Ansonsten bin ich mal neugierig, wie alles abläuft. Aber das kann ich ein anderes Mal erläutern. Gerade bin ich nämlich ziemlich unter Zeitdruck, schließlich muss ich bald beruflich nach London….

[Damit ich das in diesem Leben auch mal sagen durfte…]

 

Why give a fuck oder: „also das tut jetzt ja mal gar nichts für sie“

Jede braucht ein Hobby und ich natürlich auch; da nähen und andere handwerkliche Dinge für mich mehr praktische als entspannende Aspekte beinhalten, bleibt in meinem Fall nur mehr die brachiale triviale Tragik, um den Fremdschämfaktor in ungeahnt entspannende Höhen zu treiben. Soll heißen: wenn die Gefahr wächst, dass irgendwo ein Schalter fliegt und die ADHS mich nahe an den prokrastinierend-chaotischen Wohnungsputz führt, weiche ich von jeglicher Kopfarbeit zurück, lege die Füßchen hoch, schlürfe einen schönen Rum mit Tee und lese mich ein bisschen durchs Indanädd, bevorzugt englischsprachige Seiten a’la Buzzfeed, Fuckyogossips und Konsorten. Weil, wenn schon entspannender Brainfuck, dann richtig.

Leider habe ich manchmal nicht genug Rum im Tee, um das Fremdschämen so richtig grässlich (und vergesslich) zu gestalten; Daher folgt an dieser Stelle ein kleiner Exkurs mit einem Hauch öffentlichem Fremdschämen im Angang, weil: manches ist sogar mir zu doof – trotzdem kann man drüber schreiben. Grundsätzlich sei mal festgehalten, dass ich und Millionen andere Menschen K(immie) K(ay) wieder mal nackt gesehen haben. An sich nichts neues, und sowas wie Instagram oder Twitpic lädt schließlich auch dazu ein, Fotos online zu stellen, da sollte man den Akteuren im Spiel der digitalen Eitelkeiten nun wirklich keine Vorwürfe machen. Zudem braucht – wie bereits zuvor festgehalten – jede ein Hobby, und das gilt natürlich auch für K(immie) – Nacktfotos sind kostengünstig, leicht zu gestalten und können als nette Erinnerung an schönere Zeiten dienen.

An sich also nicht außergewöhnliches, bis sich weitere, bevorzugt bekleidete, Flittervögel der Glitzerwelt dazu berufen fühlten, K(immies) neueste Hobbykreation zu beurteilen. Aufgrund mangelnder Fachkenntnis galten diese Urteile dann weniger der Ästhetik der Bildgestaltung als mehr der Fragwürdigkeit des Bildmittelpunktes. Von da an etwa hatte mich das Drama der egozentrischen Selbstdarsteller endgültig gefangen, zudem war noch Rum mit Tee übrig. Und noch ein bisschen mehr Entspannung nötig.

Fakt ist: Kritikfähigkeit will gelernt sein, K(immie) K(ay) braucht Nachhilfe. Fakt ist auch: nur weil man nahe des Weltfrauentages den getunten Body ins Netz lädt, heißt das noch lange nicht, dass man gleich eine Agenda verfolgt. Auch wenn irgendein PR-Fuzzi (oder die eigene Mudda, oder dein Alda, oder sonstwer, der/die/das lesen und schreiben kann) das Tage später gerne so drehen würde. K(immie) K(ay) ist von „female empowerment“ so weit entfernt wie ich von ihrem Kontostand. Und nein, natürlich und zum Glück kenne ich die Dame nicht persönlich. Dank diverser Entspannungseinheiten im Laufe der Jahre weiß ich von K(immie), dass sie hervorragend vor der Kamera heiraten kann, vor der Kamera stehen, gehen und praktisch alles sonstige machen kann und seit einiger Zeit neben den Designerhandtaschen auch ein paar Kinder durch die Gegend trägt. Und sich gerne (halb)nackt ins Netz lädt. Alles zusammen völlig legitime, aber keineswegs beeindruckende Tätigkeiten. Als einzige klar erkennbare Agenda scheint das Motto „Catch the camera if you can“ zu gelten, und darin ist K(immie) tatsächlich sehr erfolgreich, das muss man ihr lassen.

Im Land der stark begrenzten Möglichkeiten aber kann man nicht einfach ‘lächeln, nicken, weitergehen’, NEIN, es wird diskutiert, kritisiert und ein feministisch-sozialkritisches Anliegen illusioniert, nur weil ein Schrei nach Aufmerksamkeit vor weißen Badezimmerfliesen etwas zuviel Schrei produziert hat. Und ganz ehrlich, ich kriege in meiner geschützten Kreativ-Werk-Stätte ja wirklich wenig popkulturelles mit – wenn die gute K(immie) in all ihrer Geltungssucht mit einem Rattenschwanz an medialen Diskussionsversuchen sogar auf meinem Bildschirm landet, dann habe ich mich zum einen famos falsch versurft und es wird zum anderen unnötig viel Aufhebens um etwas gemacht, was so trivial ist wie ein nackter Körper an sich. Es grüßt der Wahnsinn aus einem Land, in dem Donald Drumpf Zwergenkönig werden möchte. Und versüßt mir den Feierabend. Auf dass ich nicht immer nur über doofe Jobs und Karrierekacke motzen darf…

 

Hummeln im Arsch oder: Shut the Fuck up and stay awkward!

Wenn man hier so ab und an vor sich hin liest, könnte man durchaus den Eindruck gewinnen, ich sei einfach nur furchtbar chaotisch und eigenartigst alternativ-diszipliniert; das ist auch nicht ganz falsch. Und deshalb kann ich auch so hervorragend über Prokrastination schwafeln. Außerdem bin ich eine dieser ausgewachsenen ADHS-Fälle, im mehrfachen Sinne; und auch wenn ich selbst das nicht immer ernst nehme, macht der Dreck immer mal wieder ernst mit mir. Und deshalb brauche ich dann 4 Tage für eine einzige schwafelige Blogpost über Prokrastination. Weil: mein Kopf ist zu klein für all die Dinge, die da drin so rumschwirren, und was keinen eigenen Speicherplatz mehr erwischt, möchte SOFORT raus, erledigt und umgesetzt werden, GLEICH JETZT und ALLES ZUGLEICH. Und deshalb kann ich mich auch hervorragend über meine bescheidene Multitaskingfähigkeit lustig machen; weil Multitasking generell Bullshit ist – erfunden von irgendwelchen Managementfressen (und propatriarchalen Weiberzeitschriften), die ihre Mitarbeitenden (und berufstätige Frauen/Mütter) möglichst effizient ins Burnout (und den völligen Zusammenbruch) katapultieren möchten – und der Multitaskingbullshit bei mir besonders grandios stinkt.

Und bevor hier gleich der Spendenhut durch die Reihen geht, damit ich mir einen schönen Yogitee zum Ritalin einpfeifen kann und dem Abschluss der Dissertation so auf halbwegs funktionsähnlichem Level entgegenschleichen darf, sei festgestellt: hier wird nicht gejammert, hier wird höchstens gelacht. Weil: wenn man sich selbst zu ernst nimmt, macht das schlechte Laune, denn zumindest mit einem Menschen sollte man sich gut verstehen, und das ist man im Idealfall selbst; und: mit sich selbst über sich selbst lachen hält die Lachfalten jung und macht hübsche Herzmuskeln. Und weil’s so lustig ist, mache ich das seit Jahren auch ohne Medis (oder Yogitee, beides zu teuer), denn irgendwie werde ich ein bisschen ausgewachsenes ADHS schon packen, und nicht umgekehrt.

An guten Tagen kann ich mich sogar mehrere Stunden am Stück (exklusive Pinkelpause, ich bin ja nicht Wonderwoman) auf eine Aufgabe konzentrieren – meistens bin ich dann krank oder unter so großem Druck, dass es fast krank macht. An normalen Tagen schleppe ich mein To-Do-Notiz-Orientierungs-Buch überallhin mit (außer zur Pinkelpause, ich bin ja nicht Managementwoman) und komme so halbwegs koordiniert und durchschnittlich „erfolgreich“ durch den Tag, vorausgesetzt, ich vergesse nicht, auch mal im schlauen Büchle nachzuschlagen, was denn eigentlich so ansteht. Kann durchaus passieren. An semioptimalen Tagen danke ich der Papierindustrie für Post-Its, die je nach Wichtigkeit einer halbwegs erfolgreichen Tagesabwicklung praktisch überall kleben und mich daran erinnern, dass

  • Pflanzen umtopfen/gießen/bequatschen
  • Sofa ausklopfen und absaugen
  • recherchieren was Madonna am 26.7.1987 zu essen hatte
  • kurz diese eine Kurzgeschichte nachlesen, aus der man etwas zitieren könnte
  • noch schnell dieses eine Kleid nähen, dessen Schnittmuster easypeasy aussieht

NICHT jetzt sofort und schon gar nicht ZUGLEICH erledigt werden muss, egal wohin der Kopfkompass gerade strebt; wenn die klugen Post-Its mich von der Pinkelpause (ich bin ja nicht Dehydrationswoman) zum Entspannungstee-holen in die Küche und von dort zurück in die Leseecke für Recherchearbeiten schicken, dann versuche ich bestmöglichst zu folgen. Außer mir fällt grad was ganz brilliantes ein. Fensterputzen etwa, oder Zehennägel schneiden.

Menschen mit halbwegs Verstand und einem geregelten Einkommen lassen sich in diesen Zuständen übrigens therapeutisch und medikamentös aushelfen, was vielen hilft. Ich kann mir das derzeit grade nicht leisten, zudem würde das voraussetzen, dass ich mal dran denke, bei irgendwem mal irgendwann einen Termin zwecks Beratung u.ä. zu vereinbaren, nachdem ich meinen Kontostand überprüft habe. Und zwar ziemlich genau in dieser (beinahe schon kausalen) Abfolge. Was ich selten schaffe, weil ich immer ein wenig Angst und Ehrfurcht vor meinem Kontostand habe und diesen daher eher selten sehe; daraus ergibt sich logischerweise ein ignoranzbedingtes monetäres Unvermögen zur erfolgreichen Verabredung für ein (therapeutisches) Beratungsgespräch. Was aber auch völlig in Ordnung ist. Immerhin ging’s mir schon schlechter, und da war dann auch Hilfe da (klar, hab ich nicht selbst organisiert). Und an ganz argen Tagen gönne ich mir eine „energetisierende“ Grüntee-Guarana-Mischung,der einen so dermaßen erfolgreich vitalisiert, dass einem das Marketingkonzept der Teefirma die Hummeln im Arsch zumindest kurzzeitig sediert. Reicht ja auch schon. Stay positive!

The Walking Undead oder: Wer mir Zeit stehlen kann, hat noch ausreichend Pulsschlag

Im steten Bemühen um vielseitige und womöglich doch auch noch regelmäßig Einkünfte (jajaja, die „frei-schaffende“ in mir wird ja wohl noch träumen dürfen…) ergeben sich auch Möglichkeiten, für fast lau und mit viel Liebe zum Mitmensch als OrdinationsassistenIn/ArzthelferIn ein wenig Lebenszeit zu verbringen. An sich eine löblich Tätigkeit und zudem angenehm für Menschen mit Hang zum Zeitmanagement, da hier die Arbeitszeiten teils in Stein gemeißelt und in Großdruck festgehalten sind, sodass die Gefahr von zuviel erwünschter zeitlicher Flexibilität praktisch gebannt scheint. Meist.

Ich muss hier leider passen. Meine tiefsitzende Abneigung gegen unnötige interpersonale Kontakte und Kommunikationsakte hat sich von „latent“ zu „tiefsitzend“ während der Ausübung eben jener Tätigkeit einige Jahre zuvor manifestiert.

Ich war mal ein paar Monate bei einer praktischen Ärztin im Frontdienst. Wir haben uns hervorragend verstanden und waren recht zufrieden miteinander; wenn da nicht noch diese anderen Menschen gewesen wären, ich wäre dort heute noch. Wobei man das jetzt bitte nicht falsch verstehen sollte: wenn ich mit den Fingern in die Kreissäge komme und es heftig blutet, dann denke auch ich an einen Gang zum Fachmenschen. Ebenso wenn ich aufgrund starker Rückenschmerzen tagelang an Gollum erinnere und irgendwann von A nach B zu rollen beginne; da denke ich dann: „ach, so ein kleines Schmerzmittelchen wäre vielleicht angebracht.“ Und auch für Operationen am offenen Herzen, Entbindungen und Amputationen reichen der Konsum einiger YouTube-Videos und eine optimistisch-zuversichtliche DIY-Einstellung sicher nur bedingt aus, um tatsächlich erfolgreich zu sein.

Aber man muss armen OrdinationsassistInnEn auch nicht wegen einem eingewachsenen Zehennagel, Phantomschmerzen zur Arbeitsvermeidung oder unaussprechlicher Medikamente die Hölle heiß machen; das lässt sich doch alles auch verträglich gestalten, weil, Eile beim Arzt macht schlechte Laune, vor allem mir. Weil: diverse Launen sind nicht das Problem der Ordinationsassis (also mir).

Niemand vereinbart einen Termin fast alle wollen zur/m Heilenden ihres Herzens: Das kann natürlich so nicht funktionieren. Um diese Tatsache kompetent zu vermitteln, sitzen dann so Menschlein (wie zum Beispiel ich) hinter einer viel zu großen Pudel und versuchen erstmal herauszufinden, wo bei Namensangaben wie „Christopher Paul Peter“ vorne und hinten ist und ob man der älteren Dame mit dem freundlichen Lächeln und dem geistesabwesenden Blick tatsächlich drei Großpackungen Schlafmittel verschreiben darf, oder ob man sich damit Tage später in den Lokalnachrichten wiederfindet. Die mittelalterliche, vollschlanke Dame, die jeden zweiten Tag nach Rezepten für Blutdruck- und Cholesterinsenker für sich und ihren chronisch kranken Göttergatten verlangt und dabei einen zarten Duft aus dem Potpourri von Döner, Pommes und kaltem Rauch verströmt, schuf mit ihrer beständigen Präsenz einen Hauch Routine und fast wäre ich versucht gewesen, ihr einen eigenen Stuhl mit Gravur ins Wartezimmer zu stellen…aber nur fast. „Ältere“ Damen (fast ausschließlich; das Geschlechterverhältnis scheint nach Erreichen des 65. Lebensjahres doch deutlich zu kippen), die einem tütenweise leere Medikamentenschachteln vor die Nase kippen, weil „also das brauch ich mal sicher, junges Fräulein, und dann sehen wir weiter, und zur Frau Doktor möchte ich auch“; höchst wichtige Damen/Herren, ohne die sich die Welt nicht weiterdrehen würde – weil sie sind schließlich Mag./Dr. Gofuckyourselfandgetalifeasshole  -, die es ungeheuerlich finden, dass sie tatsächlich warten müssen, wo sie doch keinen Termin vereinbart aber es trotzdem furchtbar eilig haben; alte Männer mit Hut (jaaaa, genau, es sind zwar wenige, aber die wenigen haben ihr ganz eigenes Klischee….) die nicht 100% überzeugt davon sind, dass ich als junge Frau tatsächlich lesen und schreiben kann und lieber mit jemand „ernstzunehmenden“ über ihre Medikamente sprechen möchten; und all jene Kandidaten, die laut Selbstdiagnose und Dr. Google praktisch mit einem Fuß im Grab stehen, was sich allerdings (noch) nicht mit den Erkenntnissen der behandelnden Ärzte und diversen tatsächlichen Testergebnissen deckt und dementsprechend natürlich SOFORT, nachdrücklich und ausführlich mit MIR besprochen werden muss, weil, bis zur Frau Doktor ist man ja noch nicht durchgedrungen; …

Ne, das mach ich lieber nicht nochmal. Da muss man definitv dafür gemacht sein, für den Umgang mit Menschen sowieso und hier im speziellen nochmal mehr. Dann doch lieber illustre Text- und Korrekturkatastrophen, da darf ich wenigstens alleine und ohne Menschen vor mich hinexistieren. Und laut lachen ohne dass mich jemand komisch ankuckt oder sich zutiefst beleidigt fühlt…