Out with the old, in with the new ODER: die ersten Fair-Fashion-Teile sind da…

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Dezent und umweltverträglicher weil ohne Plastik verpackt: neue Teile für neue Wege.

„Geduld ist die Tugend des Erhabenen“, habe ich als Kellnerin immer jenen wunderbaren Lieblingsgästen erklärt, die der unglaublich charmanten und überhaupt nicht großkotzigen Meinung waren, sie hätten sich in einem übervollen Lokal als einzige meine absolute und ungeteilte logistische Aufmerksamkeit verdient (aber das ist eine andere Geschichte, Stichwort: Dirty Deeds). Dank einprägsamer Erfahrungen bin ich dementsprechen als Gästin (oder Kundin) auch geduldig, aber auch nur in diesen Kontexten. In allen anderen Lebens- und Alltagsbereichen, deren Erledigung und Organisation großteils nur von mir selbst abhängt, erledige ich am liebsten alles unmittelbar sofort insgesamt JETZT, auch wenn das gar nicht immer möglich ist. Und eigentlich selten möglich ist, aber egal.
Erhabenheit wird total überbewertet.

Seitdem mein Schrankinhalt ein wenig geschrumpft ist und ich mich endlich mal ausführlich mit Nachhaltigkeit, Fair-Fashion und Low/Zero-Waste beschäftige, habe ich also beschlossen, dass die wenigeren, ausgewählten Teile, die da denn in Zukunft irgendwann mal einziehen dürfen, nicht nur ästhetischen, sondern auch fairen und nachhaltigen Kriterien entsprechen sollen. Weil ich mit dieser wichtigen Horizonterweiterung aber auch irgendwie etwas spät dran bin, habe ich natürlich demtentsprechend viel angesammelt, was die bei Hennesundehschonwissen (&Co.) eigentlich auch gerne wieder zurückhaben dürfen (aber natürlich nicht wollen, unter anderem auch, weil vieles schon länger lagert, der trendaffine Fast-Fashion-Markt mit sparefrohigen Antitrendlern wie mir und meinen alten Teilen aber eher weniger anzufangen weiß). Mit meiner Flohmarktware habe ich dabei noch weniger neuerkannte ideologische Probleme als mit ein paar Lieblingsteilen, die ich immer noch gerne mag, weil es eben Lieblingsteile sind, auch wenn ich dort, wo sie herkommen, nicht mehr nach solchigen suchen werde. Diese ganz besondere Art von Lieblingsteilen, von denen ich hier spreche, ist zahlenmäßig übrigens sehr überschaubar…weshalb ich immer noch finde, dass trotz Ausräumen zu viel Klamotte im Schrank ist. Aber manchmal braucht das Rumräumen eben auch mehrere Etappen, bis man am Ziel ist – und ich bin ohnehin berüchtigt für meine schnörkelschönen Ab- und Umwege…

Am liebsten würde ich ja – mit Blick auf meine zuvor bereits erwähnte Ungeduld – den gesamten Klamottenbestand (stark reduziert) austauschen, sodass ich fortan in einer fairen, feinen (Traum)Welt leben darf. [Absolut liebste Lieblingsteile ausgenommen – gekauft hab ich sie ja ohnehin schon, da kann ich sie dann auch gleich bis zum bitteren Ende auftragen…] Einen Rundum-Austausch kann ich mir aber natürlich nicht mal ansatzweise leisten, deshalb muss ich mich in Geduld üben und darf in kleinen Schritten in Zukunft neues (und vielleicht auch schon getragenes „neues“) bei mir zuhause begrüßen. Is ja genau meines, das mit der Geduld und so…

Die ersten schwarzen und weißen Basic-Shirts sind aber gerade eingezogen. Und nein, ich habe nicht vor, nochmal einen Riesenhaufen weißer T-Shirts anzusammeln. Aber zwei, drei für die unkreativen und farblosen Safeplayer wie mich darf es dann auch sein. Weil ich nachhaltig und fair ja gerne und vor allem mit minimalistisch verbinden möchte, und da sind solche (Nicht-)Farben eine gute Wahl, weil die zu allem und auch miteinandern funktionieren, und man dementsprechend weniger braucht [jaaaa, theoretisch zumindest, jenseits der großelterlich-wohlmeinenden „Kann man alles nochmal brauchen, wird alles aufbewahrt“-Haltung]. Und im Sinne meiner Anfängerinterpretation von halbwegs nachhaltigem Minimalismus werden dementsprechend ein paar Fast-Fashion-Fummel jetzt in ihr nächstes Leben als Putzlappen transzendieren…damit mehr Platz ist und (so wäre das hehre Ziel) auch bleibt. Und anstelle der transzendentalen Wischmoppübergänger zumindest nix schnelles mehr nachwächst.

Why give a fuck oder: „also das tut jetzt ja mal gar nichts für sie“

Jede braucht ein Hobby und ich natürlich auch; da nähen und andere handwerkliche Dinge für mich mehr praktische als entspannende Aspekte beinhalten, bleibt in meinem Fall nur mehr die brachiale triviale Tragik, um den Fremdschämfaktor in ungeahnt entspannende Höhen zu treiben. Soll heißen: wenn die Gefahr wächst, dass irgendwo ein Schalter fliegt und die ADHS mich nahe an den prokrastinierend-chaotischen Wohnungsputz führt, weiche ich von jeglicher Kopfarbeit zurück, lege die Füßchen hoch, schlürfe einen schönen Rum mit Tee und lese mich ein bisschen durchs Indanädd, bevorzugt englischsprachige Seiten a’la Buzzfeed, Fuckyogossips und Konsorten. Weil, wenn schon entspannender Brainfuck, dann richtig.

Leider habe ich manchmal nicht genug Rum im Tee, um das Fremdschämen so richtig grässlich (und vergesslich) zu gestalten; Daher folgt an dieser Stelle ein kleiner Exkurs mit einem Hauch öffentlichem Fremdschämen im Angang, weil: manches ist sogar mir zu doof – trotzdem kann man drüber schreiben. Grundsätzlich sei mal festgehalten, dass ich und Millionen andere Menschen K(immie) K(ay) wieder mal nackt gesehen haben. An sich nichts neues, und sowas wie Instagram oder Twitpic lädt schließlich auch dazu ein, Fotos online zu stellen, da sollte man den Akteuren im Spiel der digitalen Eitelkeiten nun wirklich keine Vorwürfe machen. Zudem braucht – wie bereits zuvor festgehalten – jede ein Hobby, und das gilt natürlich auch für K(immie) – Nacktfotos sind kostengünstig, leicht zu gestalten und können als nette Erinnerung an schönere Zeiten dienen.

An sich also nicht außergewöhnliches, bis sich weitere, bevorzugt bekleidete, Flittervögel der Glitzerwelt dazu berufen fühlten, K(immies) neueste Hobbykreation zu beurteilen. Aufgrund mangelnder Fachkenntnis galten diese Urteile dann weniger der Ästhetik der Bildgestaltung als mehr der Fragwürdigkeit des Bildmittelpunktes. Von da an etwa hatte mich das Drama der egozentrischen Selbstdarsteller endgültig gefangen, zudem war noch Rum mit Tee übrig. Und noch ein bisschen mehr Entspannung nötig.

Fakt ist: Kritikfähigkeit will gelernt sein, K(immie) K(ay) braucht Nachhilfe. Fakt ist auch: nur weil man nahe des Weltfrauentages den getunten Body ins Netz lädt, heißt das noch lange nicht, dass man gleich eine Agenda verfolgt. Auch wenn irgendein PR-Fuzzi (oder die eigene Mudda, oder dein Alda, oder sonstwer, der/die/das lesen und schreiben kann) das Tage später gerne so drehen würde. K(immie) K(ay) ist von „female empowerment“ so weit entfernt wie ich von ihrem Kontostand. Und nein, natürlich und zum Glück kenne ich die Dame nicht persönlich. Dank diverser Entspannungseinheiten im Laufe der Jahre weiß ich von K(immie), dass sie hervorragend vor der Kamera heiraten kann, vor der Kamera stehen, gehen und praktisch alles sonstige machen kann und seit einiger Zeit neben den Designerhandtaschen auch ein paar Kinder durch die Gegend trägt. Und sich gerne (halb)nackt ins Netz lädt. Alles zusammen völlig legitime, aber keineswegs beeindruckende Tätigkeiten. Als einzige klar erkennbare Agenda scheint das Motto „Catch the camera if you can“ zu gelten, und darin ist K(immie) tatsächlich sehr erfolgreich, das muss man ihr lassen.

Im Land der stark begrenzten Möglichkeiten aber kann man nicht einfach ‘lächeln, nicken, weitergehen’, NEIN, es wird diskutiert, kritisiert und ein feministisch-sozialkritisches Anliegen illusioniert, nur weil ein Schrei nach Aufmerksamkeit vor weißen Badezimmerfliesen etwas zuviel Schrei produziert hat. Und ganz ehrlich, ich kriege in meiner geschützten Kreativ-Werk-Stätte ja wirklich wenig popkulturelles mit – wenn die gute K(immie) in all ihrer Geltungssucht mit einem Rattenschwanz an medialen Diskussionsversuchen sogar auf meinem Bildschirm landet, dann habe ich mich zum einen famos falsch versurft und es wird zum anderen unnötig viel Aufhebens um etwas gemacht, was so trivial ist wie ein nackter Körper an sich. Es grüßt der Wahnsinn aus einem Land, in dem Donald Drumpf Zwergenkönig werden möchte. Und versüßt mir den Feierabend. Auf dass ich nicht immer nur über doofe Jobs und Karrierekacke motzen darf…

 

Optimize the Shit out of your Day ODER: Kampf der Prokrastination! [Pt. 1?]

Im „frei-schaffenden“ Überlebens- und Akadamischen-demiker-alltag lebt man ja nicht selten von der gehobenen Form der dringend nötigen Selbstmotivation, und zwar nur davon. Da die akademische Hobbythek in weiterführenden Etappen oft durch wenig dringliche Deadlines drängt, wird hier die berühmt-berüchtigte Motivation oft zwanghafter ge- und versucht, als dies bei textlichen Tätigkeiten (wui, eine ausgezeichnete Alliteration, ich sollte mich womöglich doch bei Schwiegertochter gesucht als vorzügliche Verbalakrobatin für Veras Off-Stimme bewerben…) im Dienste der Marktwirtschaft möglich ist, deren Deadlines meist dringlicher sind. Sprich, die locker-flockige New-Economy-Redens(un)art „Och, ich kann auch locker mal 48 Stunden durcharbeiten, auch ganz ohne Ritalin und Koks“ trifft bei mir vor allem dann zu, wenn ich diese 48 Stunden dann auch am Bankkonto wiederfinden kann. Vor allem, wenn es mal wieder dringend nötig ist, was „nettes“ am Konto zu finden.

Sollten die Deadlines jedoch zu locker gesetzt sein – egal ob im akadamischen oder kapitalfaschistischen Bereich – so neige ich durchaus dazu, mal über den ein oder anderen Umweg zu schleichen, bevor das Ziel auch nur in Sichtweite kommt. Ist das zu bearbeitende Thema tatsächlich ganz und gar grauslich, dann kann es sogar passieren, dass ich beinahe sinnvoll vor mich hin prokrastiniere und die Fenster putze oder den Abfluss aufschraube, um ihn von haarigen Unmöglichkeiten zu befreien. Das Grausen vor der eigentlichen Aufgabe muss allerdings schon sehr groß sein, um mich zum sinnvoll-prokrastinieren zu bewegen – schließlich macht schlechtes Gewissen bezüglich sinnvoller Zeitverschwendung in etwa so viel Spaß wie ein Diätverstoß bei Magersucht.

Wie bereits beschrieben hat der Frust mich in den letzten Monaten ein wenig gefressen, weshalb ich die allseits bekannte Form von alltäglicher Prokrastination in völlig neue Höhen erheben durfte: unter anderem habe ich meine Klamottenvorräte mehrmals ausgesprochen erfolgreich dezimiert, sodass „Underdressed“ nun nicht mehr nur eine momentane Zustandsbeschreibung, sondern ein langfristiges Lebensgefühl darstellt; ich habe meine Kaffeetassen alphabetisch nach Herkunftsland geordnet und war mal wieder beeindruckt, wie weit die Made reisen kann; ich habe meinen MP-3-Player per youtube-Anleitung aufgeschraubt und repariert (mäßig erfolgreich) und anschließend ein neueres, vollständig geschlossenes und dementsprechend funktionstüchtiges Modell erstanden (äußerst erfolgreich); ich habe täglich die neuesten Jobangebote für frustrierte Aushilfsakademiker mit Soziophobie durchforstet und mir phantasievoll ausgemalt, wie viel einfacher mein Leben wäre, wenn ich mich mit der Tatsache arrangieren könnte, dass Menschen gerne reden, grundsätzlich, viel und meist geschwurbelten Smalltalk-Bullshit (weil, man kennt sich ja eigentlich nicht so in der alltäglichen Dienstleistungsgesellschaft, aber das muss ja nicht heißen, dass man deshalb gleich die Schnauze hält); ich habe die Katze gebürstet, gestreichelt, mit Leckerlis beglückt, ihre Katzentoiletten sorgfältig gereinigt und raumkonzeptuell neu arrangiert, die Katzendecken gewaschen, gebügelt und dekorativ drapiert und versucht, der Katze „Sitz“ und „Platz“ beizubringen; ich habe dem Held meines Herzens über Nationalgrenzen hinweg nachgeschmachtet – hochkonzentriert, melodramatisch und sehr sorgfältig – weil er zum richtigen falschen Zeitpunkt außer Landes arbeiten durfte; ich habe meine Lebensmittelvorräte nach Verfallsdatum geordnet und die Asia Nudelsnacks mit MHD „April 2013“ ganz vorne aufgereiht, damit der Chemieplunder bald gegessen wird (man beachte die Formulierung: die Passivkonstruktion, mein Freund und Helfer!); ich habe Samen einer mir unbekannten und von Aldi als “Lieblicher Lavendel” bezeichneten Pflanze erstanden und versuche mich nun erstmals in der Zierpflanzenaufzucht (immerhin, es sprießt schon was, wie das Foto zeigt…); ich habe endlich herausgefunden, warum allgemein immer von „Verschlaf den Raab“ die Rede ist, wenn gewisse deutsche Privatsender einen vermeintlichen Dauerbrenner in die 10stündige dauerwerbende Selbstdarstellungsarena schicken; ich habe mich vermeintlich differenziert und reflektiert mit meinem recht ausgeprägten Aggressionspotential beschäftigt und versuche mich seitdem getreu der US-amerikanischen Self-Improvement-Yes-You-Can-Kacke in der improvisierten Form des Anger Managements; außerdem habe ich auch ganz sorgfältig vor mich hingeatmet und versucht, dabei niemanden zu stören.

Ach ja, und ich habe mal wieder eine Blogpost geschrieben….vier Tage lang.

 

 

Lavendel

 

 

„Statement Piece“? Piece of Shit!

Die ärmlich-armselig leidenschaftliche Student_in von heute muss für die Leidenschaft nicht selten teuer sparen, indem entscheidende Entwicklungen (manche nennen es auch „Trends“) der Modewelt aufgrund von monetärer Tiefstapelei stofflich spurlos an einem vorübergehen. Nun sind wir Leutchen der Geisteswissenschaften ja als ausgesprochene Modemuffel mit Hang zum Selbstgehäkelten und neurotischer Spiegelbildverweigerung verrufen – und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Doch Klischees sind da, um eloquent dekonstruiert zu werden, und an dieser Stelle soll die Ausnahme auch die Regel bilden: das ist natürlich Bullshit.

Ob bei der antiheteronormativen Diskussionsrunde zum Thema „Selbsterhaltungstrieb der Korbblütler in der globalisierten Konsumwelt“oder bei der frühmorgens um 10.30h stattfindenen Lehrveranstaltung zur „Transzendentalen Tiefenwahrnehmung der Foucault’schen Diskursanalyse in den frühen Werken von Britney Spears“, in der modernen Geisteswissenschaft ist man über den schlichten Denkprozess schon längst hinaus und setzt auch fashion statements – egal welcher Art. Das in diversen Modeblogs und Fiffipostillen in den letzten Jahren geradezu inflationär gebrauchte Konzept des „color blockings“ wurde praktisch an Instituten für Querdenker erfunden. Was dort als Statement gegen den kohärenten Kleidungswahn des Establishments verstanden wurde, erklärten „Glamour“ und Co. zu Trends und wurden nicht müde, unterernährte menschliche Kleiderstangen in überteuerten schrillen Fetzen auf Hochglanzpapier abzudrucken. Wenn die Modewelt 2013 rät, in Pyjamahosen zu Meetings zu flanieren, haben bereits Generationen der Geisteswissenschaften ihr Diplom in Pyjamahosen, Feinrippunterhemden und Adiletten errungen. Und dank unzähliger Modeblogs, betrieben von oft kostenlos agierenden Werbetrommeln in Form von jungen Menschen, die ihre rechte Hand und alle verfügbaren Großmütter für die passenden Accessoires verkaufen würden, verbreiten sich Wahnsinn und Wahnwitz der Textilindustrie heute effizienter denn je. Und billiger, auch für die Konsumenten selbiger Seiten.

Natürlich könnte ich hier jetzt nicht klugscheißern, wenn ich nicht selbst ab und an auf so mancher zuvor beschriebenen Seite landen würde. Was mich immer wieder fasziniert. Denn zum einen wird es mir immer ein Rätsel bleiben, warum besonders teure Teile auch immer so abgrundtief besonders hässlich sind. Und zum anderen wird sich mir nie erschließen, warum gerade diese besonders überteuerten hässlichen Teile für manche im Zentrum ihres Daseins stehen. Zudem erweitert sich mein – als Studentin naturgemäß sehr einseitig beschränkter – Wortschatz durch den Besuch dieser Seiten immer enorm. So durfte ich kürzlich den im Titel genannten Begriff des „statement piece“ zur Kenntnis nehmen, dessen tieferer Sinn sich mir auch nach der Lektüre des Artikels nicht völlig erschlossen hat. Bei mühevoller Beanspruchung von Hausverstand und ein klein wenig beinahe quantenphysikalischer Logik tippe ich einfach mal, dass es sich dabei um ein Kleidungsstück mit Aufdruck handelt – oder es die größtmögliche Form der Rebellion gegen die Gesetze diverser Nudistenkommunen darstellt, indem man demonstrativ einen Pulli überzieht. Oder ein Höschen. Oder eine Burka, solange das noch erlaubt ist. So oder so ergibt sich die Devise „entweder Statement Piece oder nackisch“…zumindest lässt der Artikel diese Vermutung zu.

Man merkt, es gibt gute Gründe, warum ich mein weniges Geld nicht in Modezeitschriften investiere und es beim kostenlosen Konsum diverser Modeblogs bleibt. Man soll ja die eigene Lernfähigkeit nicht überfordern. Und ein piece of shit erkenne ich auch ohne Anweisung…

Sommerloch 2014, Pt. I: Primark, du Sau…und nur DU!

Das Semester klingt aus, der Sommer nähert sich und alles fährt auf Urlaub außer ein paar armen kleinen Redaktionspraktikanten, die sich zusammen mit überbeschäftigten Untersubventionierten die (vermeintlich) heiße Jahreszeit zuhause vertreiben müssen. Damit Brot und Spiele für die armseligen Daheimgebliebenen nicht allzu fade werden, findet sich glücklicherweise in regelmäßigen Abständen ein dankbares Sommerlochthema, welches unnötig lange und langweilige Artikel zu überstrapazierten und ansonsten vernachlässigten Themen der Welt begründet  und auch der plakativsten Kapitalistensau einen Hauch soziales Gewissen auf die Facebook-Timeline zaubert.

Derzeit ist ja Primark-Bashing ganz groß. Seitdem in einigen Kleidern hilfesuchende Botschaften der (scheinbar) tatsächlich Herstellenden gefunden wurden, geht ein Aufschrei durch ganz Europa, da vorher nicht klar war, dass man bei der Herstellung eines Shirts zum Verkaufspreis von 3 Euro nur bedingt das Nettogehalt  eines Herzchirurgen erreicht. Woher hätten wir das auch wissen sollen? Primark ist also ganz böse und nun sogar Sklavenhalter, obwohl es nicht mal ein amerikanisches Unternehmen ist. Naja, man lernt nie aus. Dass man als Hersteller eines Shirts zum Verkaufspreis von 100 Euro (etwa vom Hügelficker, mythologischen Siegesgöttinnen und trauernden italienischen Tussitoasteropfern) leider auch nicht in der chirurgischen Gehaltsstufe unterwegs ist, sondern sich im Grunde ebenfalls nicht mal die Tinte für das ausgeschriebene Wort „Nettoverdienst“ leisten kann, hat Naomi Klein bereits 1999 eindrücklich nachgewiesen – kollektivgesellschaftliche Amnesie im Bereich des prestigereichen Markenklamotten-Schwanzlängenvergleichs sorgt allerdings immer wieder erfolgreich dafür, dass dies maximal am Rande Erwähnung findet, in Kreisen neidischer linker Proletarier. Denn die Lady und der Gentlemen schweigen und genießen. Und Doppelmoral macht sich immer gut, denn doppelt hält ja auch besser.

Das Thema an sich ist – höflich formuliert – schwierig. Es gibt Stimmen, die verständlicherweise zum Boykott aufrufen; es gibt Stimmen, die sich gegen den Boykott aussprechen und durchaus nachvollziehbar mit einer steigenden Selbstständigkeit von Frauen in den peripheren (?) Gebieten der Welt argumentieren (getreu dem Motto: besser Sweatshop als Zwangsehe, oder so ähnlich). Es gibt viele Stimmen, die darüber sprechen und tatsächlich betroffene Stimmen sind kaum zu hören – außer natürlich es bröckelt ihnen mal wieder der Arbeitsplatz über den Köpfen zusammen und man muss einfach hinschauen, weil die Weltverschwörung der Unabhängigen Medien mit reinem Herzen und sozialem Gewissen beschließt, das Drama zwischen den Rubriken „Fette, alte, weiße Männer streiten sich um die Weltherrschaft“ und „Die Fussballergebnisse der letzten drei Jahrzehnte im Vergleich zur zunehmenden Popularität manuell kalibrierter Sportgeräte“ einzuschieben, um uns mit dem kleinen Blick auf das Elend außerhalb der westlichen Festung moralisch abzuwatschen. Auf dass wir unsere 10-Euro-Jeans in Zukunft selbst weben mögen.

Nein, ich bin kein ausgesprochener Fan von Primark (nicht zuletzt da seit der Eröffnung der hiesigen Filiale das Straßenbild von zahlreichen Damen geprägt wird, deren Gewandungen jeder kurzsichtigen, farbenblinden Puffmutter zur Ehre gereichen). Ich halte den Laden allerdings auch nicht für den moralisch-kapitalistischen Untergang des Abendlandes. Was ich noch perverser finde als 3-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung sind 100-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung. Weil dann nämlich aus ehrlichem Beschiss ein riesiger Haufen Dreckskacke wird, im übertragenen Sinn gesprochen. Oder vielleicht auch einfach direkt rausgerotzt.

Die Liga der (selbstver)herrlich(enden) (Selbst)Gerechten bietet bei Artikeln dieser Art gegen Schluss immer praktische Tipps zur kurzzeitigen Hebung der Potentialkundenmoral an („Nehmen Sie über die Produktnummer Kontakt mit der verantwortlichen Näherin in Bangladesh auf, um zu verifizieren, dass dieser der Zugang zur örtlichen Badekloake in der Freizeit nicht verwehrt wird“, „Beim Kauf eines von Lothar Matthäus designten Badeanzugs erhalten Sie ein Like auf Facebook, welches die Patenschaft für einen minderjährigen Fussballvernäher übernimmt“) – dafür bin ich jetzt wenig talentiert, da ich leider beim Projekt „Angewandter Weltfrieden mit praktischer kapitalistischer Magnetfeldumkrümmung“ noch nicht weit genug vorangekommen bin. Ich kann mich also (je nach individuellem Humor- und Stilempfinden)  über die wahren Dramen dieser Welt mokieren, um dem Klischee der lustigen Menschen mit traurigen Themen ein wenig nachzukommen. Ich kann aber keinen Stoff weben. Oder halbwegs passabel nähen. Und stricken kann ich nur riesige Schals, die man auch mal locker im King-Size-Bed als Bettdecke verwenden kann. Für welche ich aber die Wolle nicht selbst herstellen kann, da ich keine Schafe besitze und auch nicht wüsste, wo ich einfach mal so ein Schaf scheren kann – von einem Spinnrad gar nicht zu reden…

So, ich habe anfangs einen unnötig langen und langweiligen Artikel versprochen und mein Versprechen gehalten. Und wenn man dann irgendwann doch mal draufkommt, dass die ganze Aktion ein Protest von Aktivisten war, da die echten Sklavenarbeiter weder die Zeit noch das Equipment zur Verfügung haben, um ihre halbe Lebensgeschichte auf eine Waschanweisung zu sticken, dann macht das die ganze Sache auch nicht besser. Und jetzt ist aber echt Schluss.

A student’s life, Pt. wtf: Lasst euch nicht lumpen, hoch den Humpen!

Stereotype und Klischees helfen uns, die Welt um uns herum in eine gewisse Ordnung zu bringen und uns dementsprechend zu orientieren. Da man sich im Zweifelsfall auch nach einem kaputten Kompass orientieren kann, sei die Validität solcher umweltlichen Orientierungsmaßnahmen mal dahingestellt, ihre Präsenz ist jedoch offensichtlich und hartnäckig. Natürlich kann man diese Stereotype und Klischees auch aufgreifen und künstlerisch/akademisch/intellektuell/humoristisch aufarbeiten, was mit mehr und auch weniger Erfolg gelingt – denn Klischees abzuklopfen ist ja immer unterhaltsam und bringt Quote (Stichwort: das Mario-Barth-Syndrom – Diagnosekriterium: altbekannte Kacke in altbekanntem Kontext frisch aufkochen).

Dankbar wird das Konzept dann, wenn sich Klischees erfüllen: Studis machen gerne Party. Stimmt. So wie viele andere Menschen auch. Vor allem jüngere Leute und/oder all jene, die von der Verantwortung des eigenen Lebens (noch) nicht völlig erdrückt wurden (wobei auch dies ein beliebtes und populäres Motiv ist, zum einen oder anderen Fläschchen zu greifen – richtig, auch hier grüßt das Klischee. Mitarbeitsplus!). Was sich im Studentenleben aber oft praktisch mit der Erledigung zwischenmenschlicher Verpflichtungen feierlicher Natur arrangieren lässt, ist der oft eher flexible Alltag. Wer am nächsten Tag erst mittags sein System für Arbeit oder Uni hochfahren muss, der darf sich auch ohne schlechtes Gewissen um 3 Uhr morgens noch ein Bierchen in die Figur stellen. Zumindest theoretisch. Wer schon früher raus muss, vielleicht sogar aus beruflichen Gründen, der wird selbiges womöglich mit schlechtem Gewissen tun. Das trifft aber nicht nur auf Studenten zu. Denn man soll ja (Vorsicht, Volksmund) die Feste feiern, wie sie fallen.

Ich konnte zwischen fallenden Festen meiner Schulzeit und jener meiner Studentenzeit übrigens noch nie große Unterschiede feststellen, außer bezüglich meiner körperlichen Konstitution. Weiß man einmal fix, dass der nächste Morgen kein früher sein muss, werden Verabredungen getroffen, Lokalitäten oder Freunde besucht und die Humpen gehoben. Das stärkt die Armuskulatur, die interpersonale Kommunikationfähigkeit und die allgemeine Fitness, falls der Abend im besten bzw. schlimmsten Fall mit akrobatischen Höchstleistungen in horizontaler Schieflage endet. Ist die Trainingsfrequenz im Humpenheben jedoch hoch genug, so ist auch der schlimmste Fall kein arges Übel, denn die Gedächtnisleistung ist nicht selten stark eingeschränkt und wer klug trainiert, schafft auch den stilsicheren Abgang. Eine Fertigkeit, die allerdings Übung verlangt.

Der Unterschied zwischen Schul-und Studienzeit zeigt sich bei mir beinahe ausschließlich in dem (leider sehr klischeehaften) Abbau der körperlichen Trainingsleistung – der durchschnittliche Humpen wiegt mittlerweile schwer, weniger im Bizeps denn im Restkörper spürbar. Soll also am nächsten Tag ein gewisses Maß an Leistung erbracht werden, so wird aus dem Humpen auch mal ein Hümpchen, was dann eher in der Ausdauer als im Aufbau trainiert. Ist der nächste Tag Teil eines sogenannten „Wochenendes“, an dem auch mal nichts zu tun ist, dann jedoch fallen nicht nur Feste, sondern auch ich, und zwar kopfüber in den nächsten Humpen, so aus purer Nostalgie… Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, zu denen der Lateinunterricht völlig neue und faszinierende Facetten gewonnen hat, nachdem ich dort mit 1,0 Promille Restalkohol aufgeschlagen bin. Dass sich für meine unmittelbaren Sitznachbarn auch olfaktorisch mit meiner Ankunft neue Facetten eröffnet haben, war mir damals noch nicht bewusst. Diese naive Unschuld der minderjährigen Humpenheberin hat sich im Laufe des Trainings leider verflüchtigt, ebenso wie das „minderjährig“ und die „Unschuld“. Ich kann mich allerdings nicht an Zeiten erinnern, an denen ein Unibesuch mit Restrausch – oder auch nur einem Kater – diesselbe Fazination und Begeisterung in mir ausgelöst hat. Allerdings bin ich in diesem Zustand auch noch nie in einer Latein-LV gesessen, sollte ich vielleicht mal probieren.

Die nachlassende Trainingsleistung zeigt sich aber nicht nur in mangelnder Begeisterungsfähigkeit für narkotisierend wirkende Lehrinhalte. Wenn ich ein kleines Kätzchen vom Vorabend mit mir rumschleppe, neige ich zu erhöhter Unfallfrequenz – sprich: man sieht an der Zahl meine blauen Flecken und Blutergüsse, ob ich mal wieder öfters gefeiert habe und der Kompass wieder kaputt ist. Interessanterweise bin ich in diesen Fällen aber auch in vertrauten Gefilden mit einer konstant gleichbleibenden Zimmerblindheit geschlagen – liebe Freunde haben in diesem Zusammenhang schon drastische Maßnahmen ergriffen. Wenn ich also nach einer kollektiven Trainingseinheit bei mir morgens erwache und der Sofatisch steht am Balkon, die Ecken der Abzugshaube überm Herd sind mit Küchenpapier und Tesafilm überklebt und alle umherliegenden Schuhe und Bücher sind auf einem Haufen unter dem Esstisch gesammelt, dann weiß ich, dass ich am Vorabend nicht alle Besucher persönlich verabschiedet habe. Vom nagenden Schmerz des übertrainierten Humpenellbogens muss ich Kennern der Materie ohnehin nichts erzählen.

Doch ich lasse mich nicht lumpen – als Studentin bin ich potentielles Zielpublikum jeder Lokalität, die über einen funktionierenden Zapfhahn verfügt und Flyer druckt, auf denen irgendwas mit „Party“ steht. Und auch wenn diese Lokalitäten glücklicherweise nicht von mir alleine abhängig sind und ich Flyer, wo irgendwas mit „Party“ draufsteht, grundsätzlich entsorge – ich hebe den Humpen. Manchmal. Wenn ich am nächsten Tag ausschlafen darf. Und nicht heute. Weil ich morgen früh raus muss.

 

Edit: Zuerst fiel mir Lützenkirchens „3 Tage wach“ ein – aber das ist eine gänzlich andere Geschichte und hat nur am Rande was mit Humpenheben zu tun. Deshalb zur abschließenden Inspiration nach der klischeehaften Lektüre ein wenig Remmidemmi…