Just s(h)itting here oder: neulich beim Vorstellungsgespräch

Auf die Technik der modernen Zeiten werden Loblieder gesungen und Engelschöre der Kreativität trompeten den Abzockern, ähm, pardon, Verantwortlichen bei Äppel, Gugel, Meikrosoft und Konsorten kreative Möglichkeiten der humanitären Alltagsverblödung, ähm, schon wieder pardon, Alltagserleichterung in den Arsch, dass die Kontostände eben jener jubilieren mögen; Fortschritt um jeden Preis ist das Motto, every single fucking second. Auch am früher so schön stillen Örtchen.

Nun sei festgestellt, dass ich grundsätzlich ein sehr zurückgezogener Mensch bin; ich mag zwar einen Hang zur ordinären Wortwahl zeigen (oder, wie meine Omma immer sagt: „Also sowas!!“) und daher ein wenig „laut“ erscheinen, aber ich bin wahrlich nicht die erste an oder auf der Rampe, und auch nicht die 15te. Eher die 150igste. Und eben weil ich so gerne unsichtbar bin, bin ich auch dezent in der Erledigung elementarer Körperfunktionen… Soll heißen: wenn ich einen ziehen lasse, kann schon mal der/dem ein oder anderen flau werden, es können Fliegen sterben und meine Mieze sich unter dem Bett verstecken, aber eines geschieht sicher nicht – dass irgendwer was hört. Nö.

Es gibt Situationen im Leben, da sollte man nicht unsichtbar sein, weil es schlicht schlecht fürs Geschäft ist. Dazu zählen etwa Vorstellungsgespräche, auch jene, von denen man schon im Vorhinein weiß, dass es eine Nullnummer wird. Weil ich bei günstiger Sternenkonstellation, harmonischem Biorhythmus und ausreichend Baldrian im Kaffee auch gerne mal guten Willen zeige, schlage ich dann schon mal bei potentiellen Leerläufern auf, egal wie bescheiden die Ausgangslage scheint. Nachdem ich aufgrund geographischer Missinterpretationen der Firmenschilder fünf Minuten zu spät komme, mache ich schon mal Eindruck bei der hauseigenen Keramik, bei der ich höflich anklopfe, um im Anschluss die Türe zu öffnen, meinen Lebenslauf vorzustrecken und meine üblichen Floskeln auszupacken; Klobesen und Waschbecken zeigen sich wenig beeindruckt, gesegnet seien all jene, die sinnerfassend ein Türschild lesen können. Zwei Türen weiter findet sich die Aufschrift „Empfang“, wo mein Auftritt zwar ebenso wenig zu beeindrucken scheint, dafür jedoch mehr Resonanz hervorruft. Ich werde nach kurzer Wartezeit zur Tür neben der Toilette geschickt, unbeschriftet – dahinter versteckt sich die „Kreativchefin“. Mehr Chefin als kreativ erklärt man sich gegenseitig, was man wollen sollte und nicht will, spricht sich viel Glück aus, schüttelt sich die Hände und weiß, dass man sich nie mehr wiedersehen wird.

Das kurzzeitige Verlassen meiner Unsichtbarkeit geht oft mit einem dringenden Drang zum Toilettenbesuch einher, Stresspinkeln at its best. Glücklicherweise habe ich ja bereits herausgefunden, dass sich die Schüssel direkt neben der Chefität befindet. Einmal noch kurz strullern, dann raus und rum und heim. Schon wieder weg, schon wieder unsichtbar. Es wäre so schön gewesen. Wäre. Doch vor einigen Jahren haben findige Ingenieure mit überempfindlichen Nasen WC-Entlüfter ersonnen, die sich nach einem bestimmen Zeitraum – meist etwa drei Sekunden – automatisch einschalten, um den potentiellen Exitus durch akute Darmentleerungsnebenerscheinungen zu verhindern. Nix mehr mit Selbstbestimmung, kein eigener Schalter mehr für den eventuell gewünschten Raumluftaustausch. Dies wiederum weckt bei zurückhaltenden Menschen (MIR!!!!) den Verfolgungswahn alle Welt sei der Meinung, ich scheisse hier mal eben gepflegt ab, komme was wolle, zu Gast bei anderen Leuten kackt es sich umso gemütlicher. Je älter das Entlüftermodell, desto mehr Dezibel im Abgang, sehr entspannend am stillen Örtchen also.

Langer Rede bescheidener Sinn: unsichtbar bleiben wird immer schwieriger in einer Welt, in der man nicht mal mehr Rock, Strümpfe und Schlübber pflichtgemäß handhaben darf, bevor eine Boeing 747 im Hintergrund das individuelle Entleerungsverhalten untermalt. Ohne ausreichende Kenntnisse im Expressstrullern für Angewandte Urinierungskunde werde ich wohl weiterhin mit dem trivialen Drama meiner fehlgeschlagenen Stealthqualitäten im Pinkelbereich leben müssen. Weil es das stille Örtchen nicht mehr gibt und man gar nicht laut genug verkünden kann, dass gerade wieder jemand länger als fünf Sekunden auf der Keramik thront.

We are delighted to invite you, ODER: auf, auf zu den grauen Frauen

Wer hier ab und an reinliest möge geflissentlich verdrängt haben, dass ich neben trivialer Lebensführung tatsächlich auch ein Doktoratsstudium betreibe (sozusagen), und das ist völlig verständlich; nichtsdestotrotz bin ich in meinen akademischen Bestrebungen mittlerweile an einem Punkt, der mich dazu ermutigt, mit meinem Zeugs auch mal vor die Türe zu gehen, sprich: Proposals raus für Konferenzen und Journals (oder ähnliches…). Zum Glück ist der Punkt, an dem ich bin, singular, und so steht es auch mit den Proposals (eines hab ich sowas von gepflegt verpennt, und man kann sich natürlich auch nicht zu allem melden, also dauert’s manchmal); das eine meine hab ich dafür mit Schmackes und last minute 1 Stunde vor Annahmeschluss in rudimentärstem Englisch rausgeschickt. Entgegen aller Erwartungen hat sich dieser eine singuläre Versuch als absoluter Treffer erwiesen was heißt, dass ich im anstehenden Wonnemonat nach London reisen darf, um völlig fremde Menschen ins Wachkoma zu labern.

Nun hat die selbsterklärte Bildungselite des universitären Elfenbeinturms im Durchschnitt schon mal den ein oder anderen TED-Talk gesehen, wenn auch nur, um mitreden zu können; so ein TED-Talk ist nicht nur interessant und durchaus unterhaltsam, sondern weckt auch gewisse Erwartungen an das eigene Potential, das angesichts dieser Erwartungen jedoch nur müde lächelt und schon mal ein bisschen Lampenfieber vorglüht. Schließlich ist nicht jeder Vortrag gleich ein TED-Talk, auch wenn alles auf Englisch stattfindet. Und die freie Rede (im wörtlichen Sinne) wird gerade in der akademischen Vorhölle der gekränkten Eitelkeiten nicht immer gerne gesehen, auch wenn jeder aus eigner Erfahrung weiß, dass es nichts langweiligeres gibt als gehobene Gelehrte, die den Begriff „Vorlesung“ zu wörtlich verstehen. Gespräche mit KollegInnen sowie umfassende Recherchen haben mich erkennen lassen, dass auch mein Fachbereich einen „Talk“, zu dem ich geladen bin, nicht wörtlich versteht und das gelesene Wort bevorzugt wird. Kein Problem, schließlich ist dann die Gefahr geringer, dass ich mit 200km/h durch den Text brenne und mein DIY-American/Aussie-Slang jegliche Verständigungsbasis von vornherein ausschließt, egal wie professionell ich mit den Stichwortkarten wedle. Soweit sinn wa also mal vorbereitet.

Hätte der Held meines Herzens nicht mutig die Initiaive ergriffen und Teile der Reiseplanung übernommen – romantisch wie wir sind nutzen wir die Gunst der Stunde meiner öffentlichen Blamage für einen Städtetrip – wäre ich wahrscheinlich alleine Last Minute mit dem Zug nach London getingelt…Rucksack packen, Pass checken, färtisch. Oder Autostopp. Oder Fernbus. Irgendwas geht immer, im schlimmsten Fal man selbst. Dass ich also ein Dach über dem Kopf habe und nicht völlig abgeratzt nach 72-Stunden-Anreise im Hort der hehren Bildungsseligkeit aufschlage, haben all jene, die mich visuell und olfaktorisch wahrnehmen können, alleine ihm zu verdanken.

Lebensenergie, die ich bei der Planung einsparen durfte, hab ich dann in eine Fragestunde bei Tante Google investiert, Stichwort „LOL my conference” (oder so ähnlich). Prächtig, was andere sich so einfallen lassen, und beängstigend, was andere so machen müssen, wenn die Karriere danach verlangt. „Kaufen Sie sich einen grauen Hosenanzug, damit sind Sie immer gut angezogen.“ – abgesehen vom inhärenten Sexismus dieser Ansage für weibliche Konferenzler_Innen (Warum sollten Klamotten hier oberste Priorität haben? Wtf, wo bleiben all die gendergemainstreamten Fernweltgelehrt_Inn_en, wenn sie tatsächlich mal praktisch was machen könnten?) fürchte ich mich nun vor dem Heer der grauen (Fach)Frauen; „Wenn Sie neue Leute kennenlernen, tauschen Sie Visitenkarten aus.“ – Hä? Ausgerechnet der ach so durchtechnologisierte und digitalisierungsaffine (anglo)AMERIKANISCHE Raum empfiehlt den Griff zum analogen Urzeitneddwörkingtuhl?; “Notieren Sie Fragen in der Diskussionsrunde, damit Sie diese nicht vergessen. Zudem sehen Sie so interessiert aus.” – HA!!! Jawohl, einmal eine richtige und wichtige Erläuterung. Das werde ich mir merken.

Fairnesshalber sei gesagt, dass ich mir ausschließlich englischsprachige Quellen angesehen habe, da meine Arbeit ja vor allem für den englischsprachigen Raum interessant scheint; mein besonderes Mitleid gilt daher den Retortengelehrten in den USA, wo (Tante Googel nach) besonders viele graue Frauen mit Visitenkarten, Notizblock und den ewiggleichen ‘presentation skills’ ihr Dasein fristen. Da kann man sich im Rest der akademischen Westwelt ja glücklich schätzen, dass Hosenanzüge (zumindest scheinbar) nur Randthema sind.

Ansonsten bin ich mal neugierig, wie alles abläuft. Aber das kann ich ein anderes Mal erläutern. Gerade bin ich nämlich ziemlich unter Zeitdruck, schließlich muss ich bald beruflich nach London….

[Damit ich das in diesem Leben auch mal sagen durfte…]