Optimize the Shit out of your Day ODER: Kampf der Prokrastination! [Pt. 1?]

Im „frei-schaffenden“ Überlebens- und Akadamischen-demiker-alltag lebt man ja nicht selten von der gehobenen Form der dringend nötigen Selbstmotivation, und zwar nur davon. Da die akademische Hobbythek in weiterführenden Etappen oft durch wenig dringliche Deadlines drängt, wird hier die berühmt-berüchtigte Motivation oft zwanghafter ge- und versucht, als dies bei textlichen Tätigkeiten (wui, eine ausgezeichnete Alliteration, ich sollte mich womöglich doch bei Schwiegertochter gesucht als vorzügliche Verbalakrobatin für Veras Off-Stimme bewerben…) im Dienste der Marktwirtschaft möglich ist, deren Deadlines meist dringlicher sind. Sprich, die locker-flockige New-Economy-Redens(un)art „Och, ich kann auch locker mal 48 Stunden durcharbeiten, auch ganz ohne Ritalin und Koks“ trifft bei mir vor allem dann zu, wenn ich diese 48 Stunden dann auch am Bankkonto wiederfinden kann. Vor allem, wenn es mal wieder dringend nötig ist, was „nettes“ am Konto zu finden.

Sollten die Deadlines jedoch zu locker gesetzt sein – egal ob im akadamischen oder kapitalfaschistischen Bereich – so neige ich durchaus dazu, mal über den ein oder anderen Umweg zu schleichen, bevor das Ziel auch nur in Sichtweite kommt. Ist das zu bearbeitende Thema tatsächlich ganz und gar grauslich, dann kann es sogar passieren, dass ich beinahe sinnvoll vor mich hin prokrastiniere und die Fenster putze oder den Abfluss aufschraube, um ihn von haarigen Unmöglichkeiten zu befreien. Das Grausen vor der eigentlichen Aufgabe muss allerdings schon sehr groß sein, um mich zum sinnvoll-prokrastinieren zu bewegen – schließlich macht schlechtes Gewissen bezüglich sinnvoller Zeitverschwendung in etwa so viel Spaß wie ein Diätverstoß bei Magersucht.

Wie bereits beschrieben hat der Frust mich in den letzten Monaten ein wenig gefressen, weshalb ich die allseits bekannte Form von alltäglicher Prokrastination in völlig neue Höhen erheben durfte: unter anderem habe ich meine Klamottenvorräte mehrmals ausgesprochen erfolgreich dezimiert, sodass „Underdressed“ nun nicht mehr nur eine momentane Zustandsbeschreibung, sondern ein langfristiges Lebensgefühl darstellt; ich habe meine Kaffeetassen alphabetisch nach Herkunftsland geordnet und war mal wieder beeindruckt, wie weit die Made reisen kann; ich habe meinen MP-3-Player per youtube-Anleitung aufgeschraubt und repariert (mäßig erfolgreich) und anschließend ein neueres, vollständig geschlossenes und dementsprechend funktionstüchtiges Modell erstanden (äußerst erfolgreich); ich habe täglich die neuesten Jobangebote für frustrierte Aushilfsakademiker mit Soziophobie durchforstet und mir phantasievoll ausgemalt, wie viel einfacher mein Leben wäre, wenn ich mich mit der Tatsache arrangieren könnte, dass Menschen gerne reden, grundsätzlich, viel und meist geschwurbelten Smalltalk-Bullshit (weil, man kennt sich ja eigentlich nicht so in der alltäglichen Dienstleistungsgesellschaft, aber das muss ja nicht heißen, dass man deshalb gleich die Schnauze hält); ich habe die Katze gebürstet, gestreichelt, mit Leckerlis beglückt, ihre Katzentoiletten sorgfältig gereinigt und raumkonzeptuell neu arrangiert, die Katzendecken gewaschen, gebügelt und dekorativ drapiert und versucht, der Katze „Sitz“ und „Platz“ beizubringen; ich habe dem Held meines Herzens über Nationalgrenzen hinweg nachgeschmachtet – hochkonzentriert, melodramatisch und sehr sorgfältig – weil er zum richtigen falschen Zeitpunkt außer Landes arbeiten durfte; ich habe meine Lebensmittelvorräte nach Verfallsdatum geordnet und die Asia Nudelsnacks mit MHD „April 2013“ ganz vorne aufgereiht, damit der Chemieplunder bald gegessen wird (man beachte die Formulierung: die Passivkonstruktion, mein Freund und Helfer!); ich habe Samen einer mir unbekannten und von Aldi als “Lieblicher Lavendel” bezeichneten Pflanze erstanden und versuche mich nun erstmals in der Zierpflanzenaufzucht (immerhin, es sprießt schon was, wie das Foto zeigt…); ich habe endlich herausgefunden, warum allgemein immer von „Verschlaf den Raab“ die Rede ist, wenn gewisse deutsche Privatsender einen vermeintlichen Dauerbrenner in die 10stündige dauerwerbende Selbstdarstellungsarena schicken; ich habe mich vermeintlich differenziert und reflektiert mit meinem recht ausgeprägten Aggressionspotential beschäftigt und versuche mich seitdem getreu der US-amerikanischen Self-Improvement-Yes-You-Can-Kacke in der improvisierten Form des Anger Managements; außerdem habe ich auch ganz sorgfältig vor mich hingeatmet und versucht, dabei niemanden zu stören.

Ach ja, und ich habe mal wieder eine Blogpost geschrieben….vier Tage lang.

 

 

Lavendel

 

 

Shit people say ODER: „Also für dich als Frau hätte ich ja einen speziellen Auftrag…“

Manche Menschen verfügen über eine wahre Fülle an Talenten und können dementsprechend mit kreativen, praktischen und sozial kompetenten Eigenschaften ihre Miete und weitere Kosten decken; dazu gehöre ich leider nicht. Neben Eigenständig-Atmen, Aufrecht-Gehen-&-Stehen sowie bei Bedarf mit Offenen-Augen-geradeaus-Schauen zeichnen sich meine Möglichkeiten zur monetären Selbsterhaltung durch bescheidene Überschaubarkeit aus. Zu diesen zählt auch die professionelle Textproduktion jeglicher Art, nicht zuletzt im Onlinebereich. Schnell, anonym, flexible Zeiteinteilung, Heimarbeit – für weltfremde Nachteulen mit beschränkten sozialen Kompetenzen also optimal.

Nun ist es in der professionellen Textproduktion mit leicht werbender Schleimgrütze im Abgang ja grundsätzlich selten so, dass man über die Dinge schreibt, mit denen man sich gut auskennt – die wahre Kunst ist an dieser Stelle schließlich, auch für die hinterletzte Website mit den unattraktivsten und unbekanntesten Produkten informative Texte zu schreiben, die zugleich Begehren schaffen. Ob ein Doppelcarport Premium mit Trapezdachplatte, Feng-Shui-Elemente für die optimal eingeschwungene Deluxe-Hundehütte oder Kosmetikplunder mit der Garantie zur Vollverarsche – auch SIE können sicher nicht ohne! Und so Tippsen wie ich bringen mit ihrem oberflächlichen Kurzzeit-Wissen in einem knackigen, bedarfsorientierten Stil textuell den Schrott unter die Leute, salopp umschrieben.

Wer nun glauben möchte, dass vorurteilsbeladenes Verhalten bezüglich der deutlich erkennbaren Geschlechtszugehörigkeit nur in bestimmten Situationen und Etablissements aufkommt (Stichwort: Kneipe, Bar, Bordell, Straßenstrich), der/die/das irrt. Wo sonst primären Geschlechtsmerkmalen die Schuld für mangelhaftes Benehmen und fehlerhafte Zuschreibungen gegeben wird, zählen in der Auftragsvergabe der Textfließbandproduktion genetisch determinierte Interessensgebiete. Soll bedeuten, dass Aufträge weniger nach tatsächlichem Wissen, sondern mehr gemäß dem ausgesprochen professionellen und erfolgsversprechenden „Also du als Frau kennst dich da ja sicher aus“-Motto vergeben werden. Ein Motto, das nicht nur alle Gender_Beauftragte_N dieseits und jenseits des Hausverstandes zu lauten Schluchzern und leiser Realitätsflucht animiert, sondern auch die Grundlage für einige nette textuelle Absurditäten sein kann.

Nicht nur absurd, sondern beinahe schon abartig pervers sind dann dementsprechend eben jene Auswüchse, die dazu führen, dass eine glücklichst kinderlose Tippse in den fidelsten Ewig-Jungen-Jahren (ja richtig, ich!) plötzlich über die kaum in Worte zu fassenden Vorteile sogenannter Kombikinderwägen schreiben muss, von denen sie natürlich noch nie zuvor gehört hat und hoffentlich auch nie wieder hören wird. In diesen Teilen kann man die zweibeinige nächtliche Ruhestörung in den ersten paar Jahren praktisch vom Geburtskanal bis an die Tore des Kindergartens rollen, im jeweils passenden Multifunktionszu- und umbau natürlich. Eine grandiose Entwicklung im Bereich des Kleinkindtransportgewerbes also, vor allem preislich. Das wertvolle Wissen für die Erstellung von Texten, die unter anderem auch zum Kauf eines Möchtegern-Jaguars für zukünftige Erben und die Hoffnungen dieser Welt motivieren sollen, gewinnt man als völlige Nulpe im Themenbereich übrigens (und wie immer ganz generell) im Netz. Bei der Recherche in diversen Internetforen a’la „Hormone statt Hirn – Mutterschaft und du“ darf man so manche illustren Erkenntnisse zum genannten Thema in Erfahrung bringen, die im Kontext der halbwegs informativen Texterstellung tatsächlich enorm hilfreich sind. Schließlich möchte man ja niemandem den falschen Stoßdämpfer für den Fahrrad-Anbausatz des Schnulli Extreme 3000 Deluxe Pro aufgrund mangelnder Fachkompetenz andrehen. Das könnte bei längeren Ausflügen nämlich zu einer asymmetrischen Verteilung des Windelinhalts führen, was wiederum wenig erfreulich für Windelbefüller und Windelentleerer ist – meinte damals im Forum zumindest „CheyenneproudmommyJustin“. Und die klingt so, also ob sie wüsste, worüber sie schreibt. Vor allem im Gegensatz zu mir. Auch diverse Sicherheits- und Reinigungshinweise übernehme ich natürlich dankbarst – in der KleinkindKotzKunde bin ich schließlich nicht bewandert und ob die abnehmbare Babyschale problemlos in den Porsche Cayenne passt oder man sich dafür doch ein anderes Hauptberufliche-Gattin-Gefährt zulegen muss, damit einem der Airbag beim Kuscheln mit der Säule im Parkhaus nicht den Nachwuchs an die Heckscheibe pfeffert, tangiert mich abseits beruflicher Notwendigkeiten noch nicht mal peripher. Aber das macht auch nichts, denn immerhin sollen so wahnwitzige Textmaschinen wie ich den Plunder ja nur halbwegs ordentlich bewerben und nicht direkt verkaufen, zum Glück. Denn ich weiß nicht, was ich da tue…oder wie meine Omama sagen würde: Rebel without a cause

Go cry me a fucking river oder wenn einen der Frust frisst…

Neben allseits „beliebten“ Ausflügen in diese Welt, die man denn da „Alltags/Arbeitswelt“ nennen mag, sowie diversen weiteren Dingen, die man so allgemein unter „Leben“ versteht, arbeite ich ja auch noch rein theoretisch an so etwas wie einer Dissertation. Klingt gut. Macht sich auch gut, nicht zuletzt in der Familie und bei den guten alten Frenemies, die einem ohnehin schon immer gehobene Arroganz im Endstadium unterstellt haben. Und ist mit einer der Hauptgründe, um von der „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil du armes Schwein ja an sich keine tatsächliche Ausbildung hast und nun auch noch im 300sten Semester eines Studiums steckst, für das wir dich dann erst recht wieder am Arbeitsamt wiedertreffen – HaHa!!!)“-Schublade in die „Wir melden uns, wenn sich etwas ergibt (weil what the fuck will diese Akademikertrulla eigentlich hier, die hat doch schon einen Abschluss und dann irgendwann noch ’nen Doktor, warum will die hier bei mir im Laden für lau Pullis falten, wenn die fett Kohle machen kann…?)“-Schublade zu rutschen. Außer man kennt wen der wen kennt der wen kennt und so weiter, das hatten wir ja schon (Stichwort Neddwörking für Vollpfosten), um dann einen mäßig erbärmlichen Nebenjob für Miete und ein wenig Sicherheitsgefühl fürs Seelchen ausüben zu dürfen, ausnahmsweise, hin und wieder.

Nun könnte man zum einen den ewigen Tanz um einen netten kleinen Nebenjob in nicht mehr den allerjüngsten Studentenjahren ja vereinfachen, indem man sich voll und ganz in „die Sache“ hängt und zusieht, dass man „die Sache“ zu einem (guten) Ende bringt. Weil, können könnte man ja viel wenn der Tag ausreichend fidele Stunden hat. Man kann aber auch einfach nur ein wenig gefrustet dasitzen und sich scheissdumm fühlen, weil man eben manchmal richtig scheissdumm ist. Nicht zuletzt im Vergleich zu all diesen überorganisierten akadamisch-demischen Kolleg_Innen, deren strategisches Denken und Handeln um den Erhalt einer mehr oder weniger ordentlichen Anstellung unter meist mehr als weniger prekären Umständen kreist, egal zu welchem Preis. Und da ist jetzt nur von den wirklich guten Zukunftshoffnungen die Rede, Leuten von immenser Bildung, mit Eloquenz, Talent zur Diplomatie und einem Hauch Ellbogen im Abgang. Über all das, was darunter folgt, Mittelmaß mit Freude an der Forschung und Interesse an der Arbeit im wissenschaftlichen Bereich, aber womöglich leider einem ungesunden und wenig förderlichen Interesse an einem eigenen, selbstbestimmten Leben oder – Oh Weh, Oh Graus – mit zuviel Empathievermögen und zuwenig Ellbogen, tja, über all das wollen wir jetzt mal lieber nicht reden. Frauen können in einigen Bereichen noch auf eine Quotenstelle hoffen, bei Männern wird’s dann schon eng. Aber was soll’s, eine neue Elite wird gezüchtet, Wissen jeglicher Art aus der intellektuellen Retorte, möglichst allgemein verträglich und bitte gut für’s Institut und die Universität, dann darf man auch ein wenig Mensch-ärgere-dich-nicht mit den Post-Docs aus dem Sprachlabor spielen. Irgendwer muss schließlich „Spanisch für Anfänger, Modul 1“ oder „Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten: Selbstverliebte Arschlöcher_Innen richtig zitieren“ unterrichten.

Also einfach mal eine Runde Scheissdumm fühlen, da spielt man in der oberen Liga mit; weil, selbst wenn man den Über-Drüber-Titel eher aus privat(wirtschaftlich)en Gründen anstrebt (Stichwort selbstbestimmt Leben für Soziophobiker), mit den ganzen wahnsinnigen Selbstdarstellern aus der Wissenschaft muss man sich ja trotzdem rumschlagen. Und darf dabei leider nicht einmal richtig zuschlagen. Und bemerkt dann immer mal wieder, dass man eigentlich auch einfach nur hübsch im Hörsaal aussieht, weil man von dem Bullshit am Podium gerade mal die Hälfte versteht – wobei einen das Gesamte am Arsch interessiert, was womöglich seinen Teil zum Verständnisproblem beitragen mag, aber wir wollen hier keine Ausreden suchen und Hintertürchen zimmern, wenn man sich einfach gefrustet scheissdumm fühlen kann, das macht an der Stelle mehr Sinn. Und man sehnt sich nach jener unbekannten, fernen Vergangenheit, als man einfach im stillen Kämmerchen an seiner Dissertation feilen durfte, ohne dass man zur Kenntnis nehmen musste, dass es da draußen auch noch eine Welt gibt. Danke Bologna-Prozess, du ScheißDrecksVerfickteAngloAmerikanischenDevotindenArschkriech-Reform.

Irgendwann hört das mit dem einfach mal ein wenig rumsitzen und scheissdumm fühlen vielleicht auch wieder auf – ich bin mir noch nicht ganz sicher, ich warte seit etwa zwei Monaten drauf. Alternativ würde ich ja sonst zu einer Karriere im Bereich „Perlentauchen in der Südsee“ raten, wird vor allem in der Literatur wärmstens empfohlen (bitte keine Fragen nach Quellen, wie bereits erwähnt bin ich derzeit rumsitzend scheissdumm und behaupte daher einfach vor mich hin) und weist wahre Aussteiger-Qualitäten auf. Immerhin durfte ich aber in all der Diss-Zeit (und hat sich wirklich noch nie jemand gefragt, ob diese Abkürzung womöglich von „Dissen“ abgeleitet wird? Weil, sonst könnte es doch auch „Tation“ heißen oder so… Ja gut, okay, ich sitze schon eine ganze Weile gefrustet rum, da wabert dann der Wahnsinn verstärkt…) lernen, dass man die Umstände zusätzlich angestrebter Bildung NIE unterschätzen und die eigenen zwischenmenschlichen, kommunikativen und durchaus auch intellektuellen Fähigkeiten NIE überschätzen sollte. Dann hat man wahrscheinlich durchwegs noch mehr Spaß und überhaupt keinen FriFraFrust…