Freud & Leid der kleingärtnerischen Terrassenidylle oder: How to kill time efficiently

Seit einigen Jahren verfüge ich in diversen Wohnungen nicht nur theoretisch, sondern auch völlig bewusst über einen Balkon, derzeit sogar über eine Terrasse. Weil ich mich immer wieder mal gerne mit Dingen beschäftige, die ebenso unberechenbar sind wie mein Leben, versuche ich mich daher auch diesen „Sommer“ in der Aufzucht von Tomaten; zuzüglich hat mich überschwänglicher Mut auch zur Bepflanzung diverser Kräuter verleitet. Spannend dabei ist nun vor allem weniger die Tatsache, dass ich Samen in einem Topf voller Erde verstecken kann, sondern vielmehr, dass ich versuche Leben zu schaffen in (m)einer Umgebung, in der scheinbar keines gedeihen soll.

Nun wirkt die Zucht eigenen Gemüses und diverser Kräuter für den ungeübten Laien ja wie ein löbliches Unterfangen, nicht zuletzt in alternativ-studentischen Kreisen; die Auswahl möglichen Düngers sowie die CO2-Belastung der unmittelbaren Umgebung durch die Nutzpflanzenhaltung obliegen alleine dem Aufziehenden und die Früchte der Arbeit können mit lieben Menschen bei einer höchstveganen, biologisch vollwertig abbaubaren Salatorgie geteilt werden.

Ich bin übrigens auch Laie.

Jedes Jahr wieder stelle ich mir höchst optimistisch vor, wie ich durch den frühlingshaften Kauf einer Tüte Tomatensamen den ganzen Sommer über Geld für den Kauf der fertigen Supermarkttomaten sparen kann. Dass aus einem kleinen Samen nicht innerhalb weniger Tage eine vollwertige Staude wird, verdränge ich dabei immer wieder erfolgreich, ein dezentes Gefühl der fatalistischen Resignation bis in den September hinein ist also vorprogrammiert.

Der diesjährige Selbstversuch in der Kräuterzucht ist dafür umso spannender, da diese zwar wesentlich flotter gedeihen, meine Kochqualifikationen allerdings zu bescheiden sind, um Rosmarin und Thymian kompetent einsetzen zu können (und ja danke, ich weiß, Fleisch und Kartoffeln. Und nein bitte, ich weiß nicht warum ich Kräuter einsetze, von denen ich nicht weiß, wo sie rein sollen. Jede macht mal was verrücktes). Der Thymian scheint dies irgendwie gespürt zu haben und ist daraufhin aus Trotz vertrocknet. Getrocknet kann Thymian laut Kräuterinfokärtchen im Topf scheinbar auch für Tees und Trockengewürze verwendet werden. Vertrocknet aber wohl eher nicht.  Im Zweifel gegen den Angeklagten wurde der Thymian also bereits standesgemäß in der Biomülltonne beigesetzt, umrahmt mit ein wenig gestutzter Tomatenstaude. Der Rosmarin folgt einem ähnlichen Muster, wendet in seiner Trotzphase jedoch einen Hauch höherer umgekehrter Psychologie an und sprießt dementsprechend wie Sau. Ich ziehe bereits eine Rosmarinablegerspende für Kulturgenossenschaften wie etwa den „Verein zur Erhaltung und Pflege der klingonischen Grillkultur“ in Betracht, wenig Zweige müssten bereits genügen, um den Verein für Jahrzehnte mit frischem Rosmarin zu versorgen. Und es wäre immer noch ausreichend Rosmarin übrig für mich, meine Freunde, meine Familie, meine Nachbarn, meine lieben Bekannten in Übersee und völlig Fremde von der Straße. Mehr als ausreichend.

Petersilie und Schnittlauch sind zwei Kräuterarten, die ich sogar zu verwenden wüsste, theoretisch. Praktisch durfte ich feststellen, dass Petersilie und ich innerhalb desselben Wohn/Lebensraums nicht kompatibel sind, da wir unterschiedliche Vorstellungen von adäquaten gegenseitigen Pflegemaßnahmen haben. Dies fängt bei der Wasserversorgung und dem Lichteinfall an und endet bei der Koexistenz der Petersilie mit einem Ameisenhaufen in ihrem Topf. Während die Petersilie das Wuseln der kleinen Tierchen zwischen ihren Wurzeln offensichtlich sehr zu schätzen wusste, hielt sich meine Begeisterung für sechsbeinige Eiweißquellen im zukünftigen Essen in Grenzen. Eine kurze Analyse der Problematik mit einem anschließenden Guss heißen Wassers haben alle Probleme beseitigt, Darwin wäre stolz (oder auch nicht, mag auf die Perspektive ankommen). Der Schnittlauch macht erfreulicherweise keine Probleme und sieht bei stürmigen Böen auf der Terrasse konsequent besser frisiert aus als ich – was keine Kunst ist, mich aber trotzdem beeindruckt. Ein Freund beschrieb Schnittlauch übrigens mal als „die Ratten und Kakerlaken der Kräuterwelt, einfach nicht totzukriegen“. Er wird Recht behalten.

In der Tomatenstaude hängen übrigens schon kleine grüne Bommelchen. Wenn der „Sommer“ so bleibt, wie er sich heuer zeigt, dann rechne ich mit einer Ernte um Weihnachten rum. Ich persönlich mag Wintergemüse ja sehr gerne, nicht zuletzt, weil ich das nicht selbst anbaue.