„Statement Piece“? Piece of Shit!

Die ärmlich-armselig leidenschaftliche Student_in von heute muss für die Leidenschaft nicht selten teuer sparen, indem entscheidende Entwicklungen (manche nennen es auch „Trends“) der Modewelt aufgrund von monetärer Tiefstapelei stofflich spurlos an einem vorübergehen. Nun sind wir Leutchen der Geisteswissenschaften ja als ausgesprochene Modemuffel mit Hang zum Selbstgehäkelten und neurotischer Spiegelbildverweigerung verrufen – und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert. Doch Klischees sind da, um eloquent dekonstruiert zu werden, und an dieser Stelle soll die Ausnahme auch die Regel bilden: das ist natürlich Bullshit.

Ob bei der antiheteronormativen Diskussionsrunde zum Thema „Selbsterhaltungstrieb der Korbblütler in der globalisierten Konsumwelt“oder bei der frühmorgens um 10.30h stattfindenen Lehrveranstaltung zur „Transzendentalen Tiefenwahrnehmung der Foucault’schen Diskursanalyse in den frühen Werken von Britney Spears“, in der modernen Geisteswissenschaft ist man über den schlichten Denkprozess schon längst hinaus und setzt auch fashion statements – egal welcher Art. Das in diversen Modeblogs und Fiffipostillen in den letzten Jahren geradezu inflationär gebrauchte Konzept des „color blockings“ wurde praktisch an Instituten für Querdenker erfunden. Was dort als Statement gegen den kohärenten Kleidungswahn des Establishments verstanden wurde, erklärten „Glamour“ und Co. zu Trends und wurden nicht müde, unterernährte menschliche Kleiderstangen in überteuerten schrillen Fetzen auf Hochglanzpapier abzudrucken. Wenn die Modewelt 2013 rät, in Pyjamahosen zu Meetings zu flanieren, haben bereits Generationen der Geisteswissenschaften ihr Diplom in Pyjamahosen, Feinrippunterhemden und Adiletten errungen. Und dank unzähliger Modeblogs, betrieben von oft kostenlos agierenden Werbetrommeln in Form von jungen Menschen, die ihre rechte Hand und alle verfügbaren Großmütter für die passenden Accessoires verkaufen würden, verbreiten sich Wahnsinn und Wahnwitz der Textilindustrie heute effizienter denn je. Und billiger, auch für die Konsumenten selbiger Seiten.

Natürlich könnte ich hier jetzt nicht klugscheißern, wenn ich nicht selbst ab und an auf so mancher zuvor beschriebenen Seite landen würde. Was mich immer wieder fasziniert. Denn zum einen wird es mir immer ein Rätsel bleiben, warum besonders teure Teile auch immer so abgrundtief besonders hässlich sind. Und zum anderen wird sich mir nie erschließen, warum gerade diese besonders überteuerten hässlichen Teile für manche im Zentrum ihres Daseins stehen. Zudem erweitert sich mein – als Studentin naturgemäß sehr einseitig beschränkter – Wortschatz durch den Besuch dieser Seiten immer enorm. So durfte ich kürzlich den im Titel genannten Begriff des „statement piece“ zur Kenntnis nehmen, dessen tieferer Sinn sich mir auch nach der Lektüre des Artikels nicht völlig erschlossen hat. Bei mühevoller Beanspruchung von Hausverstand und ein klein wenig beinahe quantenphysikalischer Logik tippe ich einfach mal, dass es sich dabei um ein Kleidungsstück mit Aufdruck handelt – oder es die größtmögliche Form der Rebellion gegen die Gesetze diverser Nudistenkommunen darstellt, indem man demonstrativ einen Pulli überzieht. Oder ein Höschen. Oder eine Burka, solange das noch erlaubt ist. So oder so ergibt sich die Devise „entweder Statement Piece oder nackisch“…zumindest lässt der Artikel diese Vermutung zu.

Man merkt, es gibt gute Gründe, warum ich mein weniges Geld nicht in Modezeitschriften investiere und es beim kostenlosen Konsum diverser Modeblogs bleibt. Man soll ja die eigene Lernfähigkeit nicht überfordern. Und ein piece of shit erkenne ich auch ohne Anweisung…

Sommerloch 2014, Pt. I: Primark, du Sau…und nur DU!

Das Semester klingt aus, der Sommer nähert sich und alles fährt auf Urlaub außer ein paar armen kleinen Redaktionspraktikanten, die sich zusammen mit überbeschäftigten Untersubventionierten die (vermeintlich) heiße Jahreszeit zuhause vertreiben müssen. Damit Brot und Spiele für die armseligen Daheimgebliebenen nicht allzu fade werden, findet sich glücklicherweise in regelmäßigen Abständen ein dankbares Sommerlochthema, welches unnötig lange und langweilige Artikel zu überstrapazierten und ansonsten vernachlässigten Themen der Welt begründet  und auch der plakativsten Kapitalistensau einen Hauch soziales Gewissen auf die Facebook-Timeline zaubert.

Derzeit ist ja Primark-Bashing ganz groß. Seitdem in einigen Kleidern hilfesuchende Botschaften der (scheinbar) tatsächlich Herstellenden gefunden wurden, geht ein Aufschrei durch ganz Europa, da vorher nicht klar war, dass man bei der Herstellung eines Shirts zum Verkaufspreis von 3 Euro nur bedingt das Nettogehalt  eines Herzchirurgen erreicht. Woher hätten wir das auch wissen sollen? Primark ist also ganz böse und nun sogar Sklavenhalter, obwohl es nicht mal ein amerikanisches Unternehmen ist. Naja, man lernt nie aus. Dass man als Hersteller eines Shirts zum Verkaufspreis von 100 Euro (etwa vom Hügelficker, mythologischen Siegesgöttinnen und trauernden italienischen Tussitoasteropfern) leider auch nicht in der chirurgischen Gehaltsstufe unterwegs ist, sondern sich im Grunde ebenfalls nicht mal die Tinte für das ausgeschriebene Wort „Nettoverdienst“ leisten kann, hat Naomi Klein bereits 1999 eindrücklich nachgewiesen – kollektivgesellschaftliche Amnesie im Bereich des prestigereichen Markenklamotten-Schwanzlängenvergleichs sorgt allerdings immer wieder erfolgreich dafür, dass dies maximal am Rande Erwähnung findet, in Kreisen neidischer linker Proletarier. Denn die Lady und der Gentlemen schweigen und genießen. Und Doppelmoral macht sich immer gut, denn doppelt hält ja auch besser.

Das Thema an sich ist – höflich formuliert – schwierig. Es gibt Stimmen, die verständlicherweise zum Boykott aufrufen; es gibt Stimmen, die sich gegen den Boykott aussprechen und durchaus nachvollziehbar mit einer steigenden Selbstständigkeit von Frauen in den peripheren (?) Gebieten der Welt argumentieren (getreu dem Motto: besser Sweatshop als Zwangsehe, oder so ähnlich). Es gibt viele Stimmen, die darüber sprechen und tatsächlich betroffene Stimmen sind kaum zu hören – außer natürlich es bröckelt ihnen mal wieder der Arbeitsplatz über den Köpfen zusammen und man muss einfach hinschauen, weil die Weltverschwörung der Unabhängigen Medien mit reinem Herzen und sozialem Gewissen beschließt, das Drama zwischen den Rubriken „Fette, alte, weiße Männer streiten sich um die Weltherrschaft“ und „Die Fussballergebnisse der letzten drei Jahrzehnte im Vergleich zur zunehmenden Popularität manuell kalibrierter Sportgeräte“ einzuschieben, um uns mit dem kleinen Blick auf das Elend außerhalb der westlichen Festung moralisch abzuwatschen. Auf dass wir unsere 10-Euro-Jeans in Zukunft selbst weben mögen.

Nein, ich bin kein ausgesprochener Fan von Primark (nicht zuletzt da seit der Eröffnung der hiesigen Filiale das Straßenbild von zahlreichen Damen geprägt wird, deren Gewandungen jeder kurzsichtigen, farbenblinden Puffmutter zur Ehre gereichen). Ich halte den Laden allerdings auch nicht für den moralisch-kapitalistischen Untergang des Abendlandes. Was ich noch perverser finde als 3-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung sind 100-Euro-Shirts aus dubioser Herstellung. Weil dann nämlich aus ehrlichem Beschiss ein riesiger Haufen Dreckskacke wird, im übertragenen Sinn gesprochen. Oder vielleicht auch einfach direkt rausgerotzt.

Die Liga der (selbstver)herrlich(enden) (Selbst)Gerechten bietet bei Artikeln dieser Art gegen Schluss immer praktische Tipps zur kurzzeitigen Hebung der Potentialkundenmoral an („Nehmen Sie über die Produktnummer Kontakt mit der verantwortlichen Näherin in Bangladesh auf, um zu verifizieren, dass dieser der Zugang zur örtlichen Badekloake in der Freizeit nicht verwehrt wird“, „Beim Kauf eines von Lothar Matthäus designten Badeanzugs erhalten Sie ein Like auf Facebook, welches die Patenschaft für einen minderjährigen Fussballvernäher übernimmt“) – dafür bin ich jetzt wenig talentiert, da ich leider beim Projekt „Angewandter Weltfrieden mit praktischer kapitalistischer Magnetfeldumkrümmung“ noch nicht weit genug vorangekommen bin. Ich kann mich also (je nach individuellem Humor- und Stilempfinden)  über die wahren Dramen dieser Welt mokieren, um dem Klischee der lustigen Menschen mit traurigen Themen ein wenig nachzukommen. Ich kann aber keinen Stoff weben. Oder halbwegs passabel nähen. Und stricken kann ich nur riesige Schals, die man auch mal locker im King-Size-Bed als Bettdecke verwenden kann. Für welche ich aber die Wolle nicht selbst herstellen kann, da ich keine Schafe besitze und auch nicht wüsste, wo ich einfach mal so ein Schaf scheren kann – von einem Spinnrad gar nicht zu reden…

So, ich habe anfangs einen unnötig langen und langweiligen Artikel versprochen und mein Versprechen gehalten. Und wenn man dann irgendwann doch mal draufkommt, dass die ganze Aktion ein Protest von Aktivisten war, da die echten Sklavenarbeiter weder die Zeit noch das Equipment zur Verfügung haben, um ihre halbe Lebensgeschichte auf eine Waschanweisung zu sticken, dann macht das die ganze Sache auch nicht besser. Und jetzt ist aber echt Schluss.