A student’s life, Pt. wtf: Lasst euch nicht lumpen, hoch den Humpen!

Stereotype und Klischees helfen uns, die Welt um uns herum in eine gewisse Ordnung zu bringen und uns dementsprechend zu orientieren. Da man sich im Zweifelsfall auch nach einem kaputten Kompass orientieren kann, sei die Validität solcher umweltlichen Orientierungsmaßnahmen mal dahingestellt, ihre Präsenz ist jedoch offensichtlich und hartnäckig. Natürlich kann man diese Stereotype und Klischees auch aufgreifen und künstlerisch/akademisch/intellektuell/humoristisch aufarbeiten, was mit mehr und auch weniger Erfolg gelingt – denn Klischees abzuklopfen ist ja immer unterhaltsam und bringt Quote (Stichwort: das Mario-Barth-Syndrom – Diagnosekriterium: altbekannte Kacke in altbekanntem Kontext frisch aufkochen).

Dankbar wird das Konzept dann, wenn sich Klischees erfüllen: Studis machen gerne Party. Stimmt. So wie viele andere Menschen auch. Vor allem jüngere Leute und/oder all jene, die von der Verantwortung des eigenen Lebens (noch) nicht völlig erdrückt wurden (wobei auch dies ein beliebtes und populäres Motiv ist, zum einen oder anderen Fläschchen zu greifen – richtig, auch hier grüßt das Klischee. Mitarbeitsplus!). Was sich im Studentenleben aber oft praktisch mit der Erledigung zwischenmenschlicher Verpflichtungen feierlicher Natur arrangieren lässt, ist der oft eher flexible Alltag. Wer am nächsten Tag erst mittags sein System für Arbeit oder Uni hochfahren muss, der darf sich auch ohne schlechtes Gewissen um 3 Uhr morgens noch ein Bierchen in die Figur stellen. Zumindest theoretisch. Wer schon früher raus muss, vielleicht sogar aus beruflichen Gründen, der wird selbiges womöglich mit schlechtem Gewissen tun. Das trifft aber nicht nur auf Studenten zu. Denn man soll ja (Vorsicht, Volksmund) die Feste feiern, wie sie fallen.

Ich konnte zwischen fallenden Festen meiner Schulzeit und jener meiner Studentenzeit übrigens noch nie große Unterschiede feststellen, außer bezüglich meiner körperlichen Konstitution. Weiß man einmal fix, dass der nächste Morgen kein früher sein muss, werden Verabredungen getroffen, Lokalitäten oder Freunde besucht und die Humpen gehoben. Das stärkt die Armuskulatur, die interpersonale Kommunikationfähigkeit und die allgemeine Fitness, falls der Abend im besten bzw. schlimmsten Fall mit akrobatischen Höchstleistungen in horizontaler Schieflage endet. Ist die Trainingsfrequenz im Humpenheben jedoch hoch genug, so ist auch der schlimmste Fall kein arges Übel, denn die Gedächtnisleistung ist nicht selten stark eingeschränkt und wer klug trainiert, schafft auch den stilsicheren Abgang. Eine Fertigkeit, die allerdings Übung verlangt.

Der Unterschied zwischen Schul-und Studienzeit zeigt sich bei mir beinahe ausschließlich in dem (leider sehr klischeehaften) Abbau der körperlichen Trainingsleistung – der durchschnittliche Humpen wiegt mittlerweile schwer, weniger im Bizeps denn im Restkörper spürbar. Soll also am nächsten Tag ein gewisses Maß an Leistung erbracht werden, so wird aus dem Humpen auch mal ein Hümpchen, was dann eher in der Ausdauer als im Aufbau trainiert. Ist der nächste Tag Teil eines sogenannten „Wochenendes“, an dem auch mal nichts zu tun ist, dann jedoch fallen nicht nur Feste, sondern auch ich, und zwar kopfüber in den nächsten Humpen, so aus purer Nostalgie… Ich kann mich auch noch an Zeiten erinnern, zu denen der Lateinunterricht völlig neue und faszinierende Facetten gewonnen hat, nachdem ich dort mit 1,0 Promille Restalkohol aufgeschlagen bin. Dass sich für meine unmittelbaren Sitznachbarn auch olfaktorisch mit meiner Ankunft neue Facetten eröffnet haben, war mir damals noch nicht bewusst. Diese naive Unschuld der minderjährigen Humpenheberin hat sich im Laufe des Trainings leider verflüchtigt, ebenso wie das „minderjährig“ und die „Unschuld“. Ich kann mich allerdings nicht an Zeiten erinnern, an denen ein Unibesuch mit Restrausch – oder auch nur einem Kater – diesselbe Fazination und Begeisterung in mir ausgelöst hat. Allerdings bin ich in diesem Zustand auch noch nie in einer Latein-LV gesessen, sollte ich vielleicht mal probieren.

Die nachlassende Trainingsleistung zeigt sich aber nicht nur in mangelnder Begeisterungsfähigkeit für narkotisierend wirkende Lehrinhalte. Wenn ich ein kleines Kätzchen vom Vorabend mit mir rumschleppe, neige ich zu erhöhter Unfallfrequenz – sprich: man sieht an der Zahl meine blauen Flecken und Blutergüsse, ob ich mal wieder öfters gefeiert habe und der Kompass wieder kaputt ist. Interessanterweise bin ich in diesen Fällen aber auch in vertrauten Gefilden mit einer konstant gleichbleibenden Zimmerblindheit geschlagen – liebe Freunde haben in diesem Zusammenhang schon drastische Maßnahmen ergriffen. Wenn ich also nach einer kollektiven Trainingseinheit bei mir morgens erwache und der Sofatisch steht am Balkon, die Ecken der Abzugshaube überm Herd sind mit Küchenpapier und Tesafilm überklebt und alle umherliegenden Schuhe und Bücher sind auf einem Haufen unter dem Esstisch gesammelt, dann weiß ich, dass ich am Vorabend nicht alle Besucher persönlich verabschiedet habe. Vom nagenden Schmerz des übertrainierten Humpenellbogens muss ich Kennern der Materie ohnehin nichts erzählen.

Doch ich lasse mich nicht lumpen – als Studentin bin ich potentielles Zielpublikum jeder Lokalität, die über einen funktionierenden Zapfhahn verfügt und Flyer druckt, auf denen irgendwas mit „Party“ steht. Und auch wenn diese Lokalitäten glücklicherweise nicht von mir alleine abhängig sind und ich Flyer, wo irgendwas mit „Party“ draufsteht, grundsätzlich entsorge – ich hebe den Humpen. Manchmal. Wenn ich am nächsten Tag ausschlafen darf. Und nicht heute. Weil ich morgen früh raus muss.

 

Edit: Zuerst fiel mir Lützenkirchens „3 Tage wach“ ein – aber das ist eine gänzlich andere Geschichte und hat nur am Rande was mit Humpenheben zu tun. Deshalb zur abschließenden Inspiration nach der klischeehaften Lektüre ein wenig Remmidemmi…