Networking oder gehobene Arschkriecherei für soziale Vollpfosten, Lektion 1: Sie sind keine Insel!

Wir leben heute ja in einer Welt, in der man jeden Hasenfurz ausfindig machen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel –  Hasenfürze im Umfang einer Boeing 777 scheinen die berühmte Nadel im Heuhaufen zu verkörpern). Sei es die gehobene fachliche Kommunikation per Email, seien es Twitter, Tumblr oder Facebook (linkedIn, Xing & Co. befinden sich hinter der geisteswissenschaftlichen Galaxie gleich rechts) oder auch die gute alte SMS: vor allem schriftlich ist man heute immer präsent. Dies dient nicht nur der Entdeckung neuer Krankheitsbilder mit lustigen Namen (Stichwort: SMS-Daumen, Maus-Arm, Text-Neck, iPhone-Ellbogen), sondern fördert auch das beinahe Orwell’sche Gefühl der permanenten Anwesenheit anderer im eigenen Leben, abseits der NSA (sorry, der war billig aber naheliegend).

Vor allem aber kann der technische Fortschritt auch zu den eigenen Gunsten genutzt werden – das Unwort des Jahrhunderts, „Networking“, ist schließlich auch in der Geisteswissenschaft angekommen, im Jobhopping sowieso. Es wird also genetworkt bis einem das Kotzen kommt und man schon längst nicht mehr weiß, wem man jetzt welchen Scheiß erzählt hat. Denn networking will gelernt sein, um es nicht nur zur Verschwendung der eigenen psychischen Ressourcen zu betreiben, und wer sich hier zu strukturieren weiß, ist klar im Vorteil. Ich persönlich halte „Struktur“ ja für ein Teilgebiet der angewandten Schneeflockenforschung und bin dementsprechend im Nachteil. Aber ich bin ja auch eine Insel.

Zunächst einmal empfiehlt es sich, einen Überblick über die angestrebten Ziele zu gewinnen: die Intensität und Qualität des Networkings mögen abhängig vom Resultat durchaus variieren – deutlicher ausgedrückt: ob ich bei einer alten Dame für 10 Euro die Stunde die Wohnung feudeln oder an der Universität Yale ein Auslandsstipendium erhalten möchte, könnte durchaus unterschiedliche Vorgehensweisen erfordern (außer man möchte bei Queen Elizabeth die Klomuschel polieren – dann dürfte sich der Aufwand in etwa die Waage halten). Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen beginnen schon auf kommunikativen Ebene und ziehen sich dann in den Bereich der Selbstdarstellung, der von entscheidender Bedeutung sein kann: im ersten Fall, um etwas mehr Lohn durch die Darstellung des besonders armen Studentenwürmchens rauszuschlagen, im zweiten Fall, um etwaige Schwächen des Lebenslaufes durch Kommunikation (=Loslaberei) und gute Empfehlungen (Networking-Resultate!) auszugleichen. Und aufmerksame Mitlesende haben es bereits völlig richtig erkannt: ich habe zwar persönliche Erfahrungen mit dem ersten Szenario, bei letzterem kann ich aber nur durch phantasievolle Illusionen auf Grundlage jahrelanger Lektüreerfahrungen gehobener Selbsthilfewerke wie „Chit Chat your Way to Success“, „Die Kunst der Karriere – Verarschen Sie andere und sich selbst“ und „Alles Bullshit, nur ich bin geil“ glänzen.

Zudem erweist es sich auch als günstig, nicht zu verwechseln, wen man in welchem Zusammenhang kennt und kontaktieren möchte – sonst wirds chaotisch. Da ich persönlich ja den Namen der Neo-Bekanntschaft gerne in dem Moment vergesse, in welchem dieser ausgesprochen wird (mein persönliches Saftschubsensyndrom, aber das ist eine andere Geschichte), kann Facebook durchaus hilfreich sein, vorausgesetzt, die Neobekanntschaft entpuppt sich nicht als halbgare Clownsfresse mit Vorliebe für unterirdisch-kreative Pseudonyme („Ach hey, Fpunkt Kpunkt/Halali Halala/Sindi von Armdrahn, schön dich zu sehen!“). Da ich zudem Menschen, mit denen ich zwar kommunizieren und interagieren MUSS, die mich aber am Arsch interessieren, fast grundsätzlich kaum zuhöre, versuche ich auch immer, wesentliche Infos zu unwesentlichen Menschen in einem Notizbuch festzuhalten, damit ich später wenigstens weiß, dass die Frau Doktor keine Geologin, sondern Theologin ist und der Max kein Bauer ist, sondern nur so heißt.  Ist eine etwas plumpe Methode, hilft mir in der Organisation diverser Networkingkacke aber enorm weiter – sofern ich mein Notizbuch immer zur Hand habe. Wer etwas technikaffiner ist, kann hier natürlich auch die Vorzüge diverser Apps und Funktionen eines Smartphones nutzen – Jamba bietet ja schließlich schon seit Jahren höchst erfolgreich(?) den Nacktscanner fürs Gegenüber an, womöglich wäre genau das die richtige Methode, um erinnerungswürdige Erstbegegnungsmomente zu schaffen.

Und Menschen, die sich mit diesem Networkdreck besser auskennen, haben mich mal wissen lassen, dass man „offen auf Neues zugehen“ soll – dann klappt das auch mit dem Network im akademischen Bereich. Glücklicherweise bin ich ja ziemlich kurzsichtig, wenn ich also Brille bzw. Kontaktlinsen ablege, schaffe ich das mit dem „offen auf Neues zugehen“ auch tatsächlich recht gut, weil ich ohnehin nichts sehe. Da es fürs Jobhopping glücklicherweise oft schon ausreicht, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt der jemanden kennt der „da schon mal gejobbt hat“, ist die Gefahr von grenzenlos geforderter Offenheit und Bereitschaft für Neues gering, hier reichen oft schon rein auf Sympathie basierende Kontakte, um die individuelle Bereitschaft für neue Erfahrungen auszureizen. Was gut ist, denn ich bin ja meine eigene Insel und seit die Brücke zum Festland durch ein Erdbeben Stärke 299,487 auf der grenzenlosen Richterskala zerstört wurde, erlaubt der inseleigene Hafen nur sehr eingeschränkte Reisezeiten. (M)Ein Hafen kennt nämlich kein „Neddwörking“.

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