„Man darf sich für nichts zu schade sein…“

Klugscheißerspruch, Klappe die Zweite. Auch hier mag man der lässig ausgesprochenen Verbalattacke auf die individuelle Würde einen Kern an Weisheit zusprechen, doch der fade Beigeschmack bleibt. Wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil sich in diesem Zusammenhang die aussprechende Person zumeist in der Situation befindet, sich schon seit gefühlten Jahrhunderten „zu schade“ für etwas zu sein. Und daher auch nicht selbst zur Sommerzeit als überdimensioniertes Plüschkrokodil verkleidet Gutscheine verteilt oder im eigenen Haushalt den eigenen Dreck beseitigt.

Während der Plüschtierauftritt mit dem entscheidenden Vorteil der beinahe absoluten Anonymität punkten mag, kann der gemeine Dienst am Dreck auserwählter Mitmenschen in vielen Fällen durch höheren Lohn und beständige Regelmäßigkeit überzeugen. In unsicheren Zeiten schrubbt man dafür schon mal fremde Porzellanmuscheln blank. Nun kann ich aus meinem bunten Fundus an säubernden Tätigkeiten sehr unterschiedliche Resümees ziehen, nicht zuletzt auf zwischenmenschlicher und (dem Einstieg ins Thema Respekt zollender) taktischer Ebene. Interessant sind an dieser Stelle natürlich vor allem jene Kuriositäten, welche womöglich das ein oder andere Klischee bedienen, das man eigentlich immer nur für ein Gerücht hielt – Schnösel, Schmutz und Schnodder, sozusagen (um auf stilsicherem RTL2-Niveau einen knackigen Themenüberblick zu bieten).

Zunächst mal darf angehenden Feudel- und Flederwischaspiranten an dieser Stelle Mut zugesprochen werden: wer mit Blick auf akademische Abschlüsse und Ausbildungen bei Geldnot auch mal fremde Schmutzarbeit erledigt, findet sich praktisch im Olymp des Reinigungsdienstleistungsgewerbes wieder. So werden zum Beispiel gerne und großzügig Komplimente für ein fehlerfreies und fließendes Deutsch ausgesprochen, auch an die Germanistikfraktion. Es werden Lobeshymnen auf die gute Erziehung und den Anstand geträllert, weil man nichts klaut. Und schlussendlich wird der höchstmögliche Ritterschlag ausgesprochen, der dem studentischen Schmutzbeseitiger erteilt werden kann, nämlich jene (in diesem Post) titelgebenden Aufforderung zur Unterdrückung etwaiger Gefühle des potentiellen eigenen Schadens. Ich persönlich rechne ja jederzeit mit meiner Seligsprechung im Dienste der kapitalistischen Mitmenschlichkeit, was in diesem Sinne auch mit meinem Atheismus (die Erziehung war offensichtlich doch nicht so gut) korrespondieren würde.

Des Weiteren gilt es, auf die richtige Klientel zu achten, man putzt ja schließlich nicht für alles, was aufrecht gehen kann. So gilt es etwa, Vorsicht walten zu lassen, wenn die Jobanzeige auf hungrystudentsneedjobs.com Reinigungskapazunder mit „einem Herz für Kinder“ zur Bewerbung aufruft – der Subtext verrät dem geschulten Verstand, dass man hier für lau neben der richtigen Drecksarbeit auch noch putzen muss. Das „Herz für Tiere“ ist statistisch gesehen übrigens seltener gefragt, wer eine fremde Person für Reinigungsarbeiten zahlt, scheint wenig Interesse an einem hauseigenen Lebendflokati mit Garantie zur Staubsaugerüberstrapazierung zu besitzen. Weitere Umsicht sollte bei der Altersgruppe potentieller Schwarzarbeitgeber an den Tag gelegt werden: wer keinen Gleichmut für die ewig gleichen Schilderungen aus dem 100jährigen Krieg aufbringen kann, der sollte möglichst einen Bogen um den „reiferen“ Bevölkerungsteil schlagen, da sonst die Stimmung beim regelmäßigen Dienstantritt zu stark in Richtung gehobener seelischer Grausamkeit und zu schwach in Richtung lockerer Nebenverdienst pendelt. Gerade ältere Damen jedoch können sich als monetär angenehme Fronherrinnen erweisen, wenn man das Schauspiel des armen, geplagten und geknechteten Studentenmäuschens auf mittlerem bis hohem Niveau beherrscht (hier sind – Sexismus hin oder her – zarte und kleine Frauen mit großen Augen und wallender Mähne klar im Vorteil, gerne auch alleinerziehend, teilinvalid und/oder verwaist).  Die junge dynamische Businessfrau kann wiederum ein Quell der Weisheit für all jene sein, die den Spruch „know your enemy“ verinnerlicht haben oder tatsächlich später mal „irgendwas mit Management“ machen wollen. In diesem Bereich ist der Übergang fließend, erstere Dienstnehmer kommen aber häufiger vor, da letztere höchsten mal Facility Management studieren, es aber recht selten zu Übungszwecken im kleinen Rahmen praktisch antesten möchten. Grundsätzlich gilt bezüglich der potentielle Klientel wohl vor allem eines: treten beim Erstbesichtigungstermins des zukünftigen Reinigungsobjekts Anzeichen von Übelkeit, Magenkrämpfen, nässenden Hautausschlägen, Fieberbläschen und spontanen außerkörperlichen Erfahrungen auf, so sollte man dankend ablehnen und die Telefonnummer einer Person überreichen, die man noch nie ausstehen konnte. Sollte man jedoch von den vorgefunden Örtlichkeiten geradezu begeistert sein, dann sollte man dort einziehen.

Und für weniger als zehn Euro pro Stunde sollte man einen Staubsauger noch nicht mal ansehen.

 

To be continued…

 

Networking oder gehobene Arschkriecherei für soziale Vollpfosten, Lektion 1: Sie sind keine Insel!

Wir leben heute ja in einer Welt, in der man jeden Hasenfurz ausfindig machen kann (Ausnahmen bestätigen die Regel –  Hasenfürze im Umfang einer Boeing 777 scheinen die berühmte Nadel im Heuhaufen zu verkörpern). Sei es die gehobene fachliche Kommunikation per Email, seien es Twitter, Tumblr oder Facebook (linkedIn, Xing & Co. befinden sich hinter der geisteswissenschaftlichen Galaxie gleich rechts) oder auch die gute alte SMS: vor allem schriftlich ist man heute immer präsent. Dies dient nicht nur der Entdeckung neuer Krankheitsbilder mit lustigen Namen (Stichwort: SMS-Daumen, Maus-Arm, Text-Neck, iPhone-Ellbogen), sondern fördert auch das beinahe Orwell’sche Gefühl der permanenten Anwesenheit anderer im eigenen Leben, abseits der NSA (sorry, der war billig aber naheliegend).

Vor allem aber kann der technische Fortschritt auch zu den eigenen Gunsten genutzt werden – das Unwort des Jahrhunderts, „Networking“, ist schließlich auch in der Geisteswissenschaft angekommen, im Jobhopping sowieso. Es wird also genetworkt bis einem das Kotzen kommt und man schon längst nicht mehr weiß, wem man jetzt welchen Scheiß erzählt hat. Denn networking will gelernt sein, um es nicht nur zur Verschwendung der eigenen psychischen Ressourcen zu betreiben, und wer sich hier zu strukturieren weiß, ist klar im Vorteil. Ich persönlich halte „Struktur“ ja für ein Teilgebiet der angewandten Schneeflockenforschung und bin dementsprechend im Nachteil. Aber ich bin ja auch eine Insel.

Zunächst einmal empfiehlt es sich, einen Überblick über die angestrebten Ziele zu gewinnen: die Intensität und Qualität des Networkings mögen abhängig vom Resultat durchaus variieren – deutlicher ausgedrückt: ob ich bei einer alten Dame für 10 Euro die Stunde die Wohnung feudeln oder an der Universität Yale ein Auslandsstipendium erhalten möchte, könnte durchaus unterschiedliche Vorgehensweisen erfordern (außer man möchte bei Queen Elizabeth die Klomuschel polieren – dann dürfte sich der Aufwand in etwa die Waage halten). Diese unterschiedlichen Vorgehensweisen beginnen schon auf kommunikativen Ebene und ziehen sich dann in den Bereich der Selbstdarstellung, der von entscheidender Bedeutung sein kann: im ersten Fall, um etwas mehr Lohn durch die Darstellung des besonders armen Studentenwürmchens rauszuschlagen, im zweiten Fall, um etwaige Schwächen des Lebenslaufes durch Kommunikation (=Loslaberei) und gute Empfehlungen (Networking-Resultate!) auszugleichen. Und aufmerksame Mitlesende haben es bereits völlig richtig erkannt: ich habe zwar persönliche Erfahrungen mit dem ersten Szenario, bei letzterem kann ich aber nur durch phantasievolle Illusionen auf Grundlage jahrelanger Lektüreerfahrungen gehobener Selbsthilfewerke wie „Chit Chat your Way to Success“, „Die Kunst der Karriere – Verarschen Sie andere und sich selbst“ und „Alles Bullshit, nur ich bin geil“ glänzen.

Zudem erweist es sich auch als günstig, nicht zu verwechseln, wen man in welchem Zusammenhang kennt und kontaktieren möchte – sonst wirds chaotisch. Da ich persönlich ja den Namen der Neo-Bekanntschaft gerne in dem Moment vergesse, in welchem dieser ausgesprochen wird (mein persönliches Saftschubsensyndrom, aber das ist eine andere Geschichte), kann Facebook durchaus hilfreich sein, vorausgesetzt, die Neobekanntschaft entpuppt sich nicht als halbgare Clownsfresse mit Vorliebe für unterirdisch-kreative Pseudonyme („Ach hey, Fpunkt Kpunkt/Halali Halala/Sindi von Armdrahn, schön dich zu sehen!“). Da ich zudem Menschen, mit denen ich zwar kommunizieren und interagieren MUSS, die mich aber am Arsch interessieren, fast grundsätzlich kaum zuhöre, versuche ich auch immer, wesentliche Infos zu unwesentlichen Menschen in einem Notizbuch festzuhalten, damit ich später wenigstens weiß, dass die Frau Doktor keine Geologin, sondern Theologin ist und der Max kein Bauer ist, sondern nur so heißt.  Ist eine etwas plumpe Methode, hilft mir in der Organisation diverser Networkingkacke aber enorm weiter – sofern ich mein Notizbuch immer zur Hand habe. Wer etwas technikaffiner ist, kann hier natürlich auch die Vorzüge diverser Apps und Funktionen eines Smartphones nutzen – Jamba bietet ja schließlich schon seit Jahren höchst erfolgreich(?) den Nacktscanner fürs Gegenüber an, womöglich wäre genau das die richtige Methode, um erinnerungswürdige Erstbegegnungsmomente zu schaffen.

Und Menschen, die sich mit diesem Networkdreck besser auskennen, haben mich mal wissen lassen, dass man „offen auf Neues zugehen“ soll – dann klappt das auch mit dem Network im akademischen Bereich. Glücklicherweise bin ich ja ziemlich kurzsichtig, wenn ich also Brille bzw. Kontaktlinsen ablege, schaffe ich das mit dem „offen auf Neues zugehen“ auch tatsächlich recht gut, weil ich ohnehin nichts sehe. Da es fürs Jobhopping glücklicherweise oft schon ausreicht, dass man jemanden kennt, der jemanden kennt der jemanden kennt der „da schon mal gejobbt hat“, ist die Gefahr von grenzenlos geforderter Offenheit und Bereitschaft für Neues gering, hier reichen oft schon rein auf Sympathie basierende Kontakte, um die individuelle Bereitschaft für neue Erfahrungen auszureizen. Was gut ist, denn ich bin ja meine eigene Insel und seit die Brücke zum Festland durch ein Erdbeben Stärke 299,487 auf der grenzenlosen Richterskala zerstört wurde, erlaubt der inseleigene Hafen nur sehr eingeschränkte Reisezeiten. (M)Ein Hafen kennt nämlich kein „Neddwörking“.

Beginners only

„Wat mutt, dat mutt“ …spricht der weise Klugscheißer mit Hang zum Fatalismus gerne mal locker aus. Kommt gut in der nachmittäglichen Doku-Soap (Scripted-Shit), eignet sich auch, um bei semiprofessionellen Personalmeetings  mal locker-flockigen Kontakt zum einfachen Mitarbeitersegment zu simulieren und aus akademischem Munde signalisiert es eine intellektuelle Sympathie mit dem postmarxistischen Kampf um Lohn fürs Brot. Eine multifunktionell einsetzbare Volksweisheit sozusagen.

Eine besonders ironische Note im Abgang enthält besagte kluggeschissene Weisheit aber für Studenten und jene, die es zumindest theoretisch sind. Multifunktionalität vom Feinsten ist gefragt, wenn neben der Nahrung fürs Hirn auch noch ein wenig Nahrung für den Rest des Körpers beschafft werden soll. Wer nicht der vielbeneideten HaBeSöTö-Fraktion (Hauptberufliche Söhne/Töchter) angehört, muss sich mit den unterschiedlichsten und durchaus auch eindrucksvollen beruflichen Nebentätigkeiten vertraut machen, die man im Vollbesitz seiner (vor allem) körperlichen Kräfte ausüben könnte. Das schult für die Zukunft als Arbeiterameise, lehrt devoten Gehorsam, trägt zur Widerstandsfähigkeit bei und eröffnet einem Welten, bei denen man sich auch im Nachhinein nicht sicher ist, ob deren Öffnung tatsächlich notwendig für die berufliche und persönliche Weiterentwicklung war. Doch wir sind ja keine Karrieristen, wir sind Studenten und können ruhig hart rangenommen werden, bevor wir nach Abschluss des Studiums automatisch in die Führungsetage renommierter Firmen strömen, um dort vom ersten Tag an für wenig Arbeit ein exorbitantes Gehalt zu kassieren. So läuft das nämlich immer, ausnahmslos. Vor allem in den Geisteswissenschaften. (Ich verbitte mir an dieser Stelle hämisches Gelächter auf den billigen Plätzen.)

Wer aufmerksam mitgelesen hat, wird erkannt haben: „Hier schreibt eine Geisteswissenschaftlerin!“ (Richtig. Auf Wunsch dürfen gerne 100 Punkte gutgeschrieben werden, Waschmaschinen gibt es allerdings nicht.) „Und die will ein Buch schreiben!“ (Falsch. Denn sonst würde ich hier nicht WordPress plagen, sondern überarbeitete, unterbezahlte Verlagsangestellte. Die 100 Punkte werden im Bedarfsfall an dieser Stelle wieder abgezogen, Waschmaschinen gibt es immer noch nicht.) „Die will hier jetzt in dutzenden Post rumjammern, wie hart das Studentenleben sein kann.“ (Falsch. Dafür gibt es -100 Punkte, wer jetzt genervt die Augen verdreht, muss zur Strafe die „Shades of Grey“-Trilogie lesen.)

Richtig ist vielmehr, dass im Leben ja vieles eine Frage der Perspektive ist – eine weniger volksweisheitliche, trotzdem aber immer noch klugscheißerische Feststellung. Kommt bezüglich der Intensität an diskutabler Weisheit auch weniger aus der Philosophie (Kant und Nietzsche rotieren im Grab) als aus der Psychologie, wahrscheinlich aber aus dem amerikanischen Self-Improvement-Gedöns. Kann aber trotzdem hilfreich sein, um sich den grauen Alltag zwischen den heiligen Hallen der akademischen Bildung und dem simplen Brotjob ein wenig unterhaltsamer zu gestalten. Denn wer längerfristige akademische Abenteuer über ein Diplom (bzw. Bachelor/Master) hinaus plant, ist ebenso längerfristig Teil der erlauchten Gemeinde der multifunktionellen Jobhopper. Und daraus lassen sich mitunter interessante, wenn nicht sogar amüsante Erkenntnisse gewinnen. Die man ja auch mal schriftlich festhalten kann, um damit im virtuellen Nirvana Menschen zu beglücken, die sich dank des Blogtitels einen schlüpfrigen Inhalt erhofft hatten. Oder zumindest ein paar Schmuddelbildchen zur Inspiration für weiterführende Genitalgymnastik.

Stattdessen gibts jetzt betitelungsmäßig eine Mogelpackung mit erhofftem Mehrwert – sozusagen. Wat mutt, dat mutt.